Drohnenforscher in Calden: Was der Kassel Airport hat, was Frankfurt nicht bieten kann
StartseiteLokalesHofgeismarCaldenStand: 05.08.2026, 13:55 UhrKommentareUns auf Google folgenEine Drohne fliegt am Kassel Airport: Hier, am Drohnenkompetenzzentrum, forschen Wissenschaftler daran, wie sie unsere...
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Stand: 05.08.2026, 13:55 Uhr
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Am Kassel Airport in Calden wollen Forscher testen, wie Drohnen kritische Infrastruktur schützen können. Im Interview erklären die Leiter des neuen Zentrums Details.
Calden – Sie sollen in Krisenzeiten unsere Infrastruktur schützen, bei Katastrophen helfen und sogar Feinde abwehren: Mit Drohnen ist viel Hoffnung verbunden. Ein Team der Technischen Universität Darmstadt wird künftig am Kassel Airport erforschen, wie das alles gehen kann. Die Politikwissenschaftlerin und Professorin Michèle Knodt und ihr Kollege und Maschinenbauprofessor Uwe Klingauf beschäftigen sich beide schon lange mit Drohnen, aus unterschiedlicher Perspektive.
Frau Knodt, Herr Klingauf, Sie leiten das neue Drohnenkompetenzzentrum am Kassel Airport. Bisher war darüber wenig bekannt. Was genau wollen Sie dort erforschen?
Michèle Knodt: Das Drohnenzentrum hat vier Kompetenzen: Zum einen Forschungstransfer, da fragen wir uns: Wie können wir das, was wir grundlagenmäßig erforscht haben, in die Anwendung bringen? Dann ein Reallabor, das für uns Möglichkeiten bietet, die wir sonst nicht haben. Das dritte ist ein Skill-Trainingscenter und das vierte ist, dass wir versuchen, ein Innovationsökosystem zu bauen, um Wissenschaft mit Betreibern und Anwendern für Kritische Infrastruktur zusammenzubekommen.
Was heißt das konkret?
Uwe Klingauf: Wir haben bei Drohnen die nützliche Anwendung und die Bedrohung durch Drohnen. Zum nützlichen Teil gehört der Einsatz von Drohnen, um in Krisensituationen ein Lagebild zu erzeugen. Beispiel Überschwemmung im Ahrtal. Dort können Drohnen in Zukunft helfen, Rettungskräfte und -dienste einzuweisen, da man eben aus der Luft ein gutes Lagebild bekommt. Mit unserem Zentrum können wir uns dann an Behörden mit Sicherheitsaufgaben wenden, sowohl hessenweit als auch bundesweit.
Und das Thema Bedrohung?
Knodt: Da geht es erstmal um das Thema Detektion von Drohnen, also: Wie sieht man sie? Wie erkennt man, ob sie Freunde oder Feinde sind, ob sie unsere Kritische Infrastruktur angreifen und wir sie abwehren wollen, oder ob es nur der Papa mit seinem Sohn ist, der aus Versehen vergessen hat, irgendeine Genehmigung einzuholen?
Klingauf: Wir wollen dieses Drohnenzentrum nutzen, um zu erproben, wie man Kritische Infrastruktur vor Drohnen schützen kann. Größere Flughäfen wie Frankfurt etwa haben in letzter Zeit ein großes Problem damit, dass dort unautorisierte Drohnen fliegen und sie dann ihren Flugverkehr unterbrechen müssen. In Kopenhagen sind letztens 77 Flüge deshalb ausgefallen, das wird dann richtig teuer. Es geht also darum, a) wie kann man Drohnen möglichst schnell detektieren, also erkennen, und b) was kann man dann dagegen tun.
Freier fliegen am Kasseler Airport
Am Kassel Airport gibt es momentan nicht viele Urlaubsflüge. Kommt Ihnen das zugute?
Klingauf: Ich war überrascht, wie viel Flugverkehr dann doch stattfindet. Was den Airport für uns so interessant macht, ist, dass wir dort weiträumig fliegen können. Ein Haupthemmnis für den wirtschaftlichen Einsatz von Drohnen ist heute immer noch, dass man kaum außerhalb der Sichtweite fliegen darf. Es bedarf dann immer aufwendiger Einzelgenehmigungen. Mit Flügen außerhalb der Sichtweise könnte man aber Bahnlinien abfliegen, Stromtrassen überwachen oder eben einen kompletten Flughafenzaun etwa um den Frankfurter Flughafen. So könnte man Kritische Infrastrukturen schützen. Da ist der Kassel Airport hervorragend gelegen, um dort solche Flugoperationen in der Realität auszuprobieren. Das können wir sonst kaum irgendwo anders. Der Flughafen sagt uns zu, dafür kurzzeitig den Luftraum für andere zu sperren.
Sie könnten also in Calden das testen, was Sie zum Schutz des Frankfurter Flughafens irgendwann anwenden könnten, aber dort vorher nie testen können?
Klingauf: Genau. Im laufenden Betrieb kann man das in Frankfurt nicht testen. Rhein-Main-Gebiet ist für fast alles, was wir brauchen, gesperrt.
Wie weit könnten Sie mit einer solchen Drohne fliegen?
Klingauf: Das wissen wir noch nicht. Was den Airport auch interessant macht, ist, dass wir dort demonstrieren können, wie es ist, wenn wir unbemannten und bemannten Verkehr im gleichen Luftraum haben. Auch das ist wichtig, denn wir wollen ja die unbemannten Flugsysteme in den normalen Luftraum integrieren. Da brauchen wir Verfahren, um Kollisionen zu vermeiden. Wir müssen beispielsweise die Drohnen mit Transpondern ausstatten, damit sie von den bemannten Flugzeugen gesehen werden, und umgekehrt müssen natürlich auch die Fernpiloten der Drohnen immer im Blick haben, was für ein anderer Verkehr stattfindet. Auch das können wir in Kassel hervorragend zeigen.
Werden die Caldener jetzt mehr Drohnen als Flugzeuge über ihren Häusern sehen?
Klingauf: Nein, wir werden es vermeiden, über bewohntem Gebiet zu fliegen.

Zur Peron:
Michèle Knodt (59) leitet seit 2005 den Arbeitsbereich Vergleiche politischer Systeme und Europäische Integration an der TU Darmstadt, Institut für Politikwissenschaft. Ihre Expertise liegt in den Bereichen Governance und Regulierung sowie Resilienz Kritischer Infrastrukturen.
Uwe Klingauf (63) leitet seit 2004 das Institut für Flugsysteme und Regelungstechnik im Fachbereich Maschinenbau der Technischen Universität Darmstadt. Zuvor war er neun Jahre lang in der Luftfahrtindustrie bei Vorgängerunternehmen des heutigen Konzerns Airbus tätig. Seine Expertise liegt insbesondere in den Bereichen Avionik, Flugsteuerung und unbemannte Flugsysteme.
In diesem Jahr haben schon zwei Drohnenzentren eröffnet. Wieso braucht es noch eins und inwiefern hätte das in Calden ein Alleinstellungsmerkmal?
Knodt: Viele andere Zentren haben sich spezialisiert. Wir sind mit diesen vier zusammenhängenden Kompetenzen wesentlich umfassender aufgestellt. Wir haben eben dieses Zusammenarbeiten zwischen Forschung, Transfer, Reallabor, Skilltraining und ein Ökosystem für Firmen. Da hilft der Flughafen natürlich, inklusive dem benachbarten Gewerbegebiet. Da können sich wunderbar Firmen im Bereich Drohnen ansiedeln. Das ist eine andere Konstellation, als wir sie in reinen Testumgebungen haben, wie in Cochstedt.
Das heißt, wenn jetzt die Bundeswehr für eine Zusammenarbeit anklopft, sagen Sie: Nein, das machen wir nicht?
Knodt: Wir machen keine Militärforschung. Wir machen Drohnenabwehr, aber für Kritische Infrastruktur. Das heißt nicht, dass man nicht miteinander spricht, aber wir forschen nicht für die Bundeswehr. Dafür haben wir gar nicht die Sicherheitsüberprüfung. Unser Fokus ist, zivile Infrastruktur zu schützen, weil die angegriffen werden wird. Es ist nur eine Frage der Zeit. Das wollen wir vermeiden.
Die TU Darmstadt ist gute 200 Kilometer entfernt. Werden Sie mit Ihrem Schreibtisch und mehreren Drohnen am Airport einziehen?
Klingauf: Der Airport wird uns Container im Umfang von 150 Quadratmetern für fünf bis zwanzig Leute vermieten. Darin wird es ein Labor geben, in dem wir unsere Drohnen für unsere Flugversuche vorbereiten, einen Schulungsraum und Büroräume. Es soll im Oktober fertig sein. Wir werden nicht dauerhaft vor Ort sein, sondern gezielt für Flugversuche nach Kassel kommen, oder um externen Partnern neue Technologien zur Drohnenabwehr zu demonstrieren. Das Gebäude wird so errichtet, dass wir leichten Zugang zum Luftraum haben.
Muss der Tower die Drohnen mitüberwachen?
Klingauf: Wir werden eine Bodenstation mit Antennenmast haben, die unsere Drohnen überwacht. Natürlich müssen wir für die Freigabe mit dem Tower kommunizieren, aber die Überwachung machen wir selbst.
Welche Drohnen schicken Sie in die Luft und wie viele?
Klingauf: Im Moment verfügen wir über eine Flotte von zehn verschiedenen Drohnen-Größenordnungen. Zum einen die Multicopter, die man kennt, mit vier Rotoren in verschiedenen Größen. Wir haben aber auch weiterentwickelte Drohnen, die Tragflügel besitzen, trotzdem senkrecht starten und landen können, mit denen man deutlich weiter fliegen kann. Das Fluggerät hat zwei Meter Spannweite.
Knodt: Es geht dabei nicht darum, Lasten zu transportieren. Das ist vielleicht später interessant, dass man etwa Organe von einem Krankenhaus zum anderen transportiert. Aber das machen wir hier momentan nicht.
Klingauf: Bei uns geht es eher darum, die Drohnen sozusagen mit Intelligenz auszurüsten. Dazu gehören Sensoren, und Bordcomputer, zum Beispiel zur Bildauswertung, und Telemetrieeinrichtungen, also Funkverbindungen, um Daten zur Bodenstation zu vermitteln.
Frau Knodt, Sie hatten zuletzt gesagt, dass es zwischen Forschung und Anwendung von Drohnen mehr Tempo braucht. Wer bremst denn?
Knodt: Im Moment bremst fehlende Regulierung, deshalb kann vieles nicht stattfinden. Da müssen wir dringend ran. Deshalb bin ich als Politikwissenschaftlerin dabei. Ich kann weder Drohnen bauen noch programmieren, aber ich kenne mich in Regulierung aus. Es ist unsere Aufgabe, zu sagen, was das Problem ist und wie eine Regelung aussehen müsste. Auch das wird Teil der Forschung sein.
Klingauf: Es ist völlig zersplittert, teilweise gibt es in jedem Bundesland unterschiedliche Regelungen. Wenn Sie als Firma eine Drohne aufsteigen lassen, ist das Genehmigungsprozedere sehr schwierig.
Was bedeutet das für Ihr Drohnenzentrum?
Knodt: Auch wir brauchen vom Regierungspräsidium eine Aufstiegsgenehmigung. Wenn wir irgendwann mal von Kassel nach Darmstadt fliegen wollten, bräuchten wir zwei, von Kassel und Darmstadt. Bei der Drohnenabwehr ist es noch deutlicher: Wenn Drohnen abgewehrt werden sollen, und sie fliegt entlang der Landstraße, ist die Landespolizei zuständig, dann fliegt sie über die Autobahn, dort ist die Bundespolizei zuständig, dann fliegt sie vielleicht noch über die Bundeswehr, ist die Bundeswehr zuständig. Und ansonsten ist die Polizei zuständig.
Das klingt eher nach Überregulierung.
Knodt: Das ist Überregulierung, aber in anderen Bereichen fehlt sie.
Klingauf: Wenn Sie außer Sichtweite fliegen wollen, müssen Sie jedes Mal eine Sicherheits- oder Risikobeurteilung machen, Checklisten vorlegen. Alle Fernpiloten müssen einen entsprechenden Kenntnisnachweis vorlegen. Das ist sehr aufwendig und bürokratisch. Ziel ist, ein Standardverfahren zu haben, um Flüge, die ich immer wieder durchführen will, machen zu können, ohne jedes Mal eine Genehmigung einholen zu müssen. In Kassel wollen wir das durch den Testbetrieb anders regeln.
Auch die Bundespolizei ist mit Drohnen am Airport. Inwiefern wird es eine Zusammenarbeit geben?
Knodt: Die Bundespolizei ist schon an uns herangetreten. Es ist ein Glücksfall, dass dort genau die Drohnenabwehreinheit trainiert. Wir werden uns baldmöglichst zusammensetzen und schauen, wo Bedarf an Forschung da ist.
Das Land gibt rund 8 Millionen Euro für das Zentrum aus. Woher werden Sie noch Geld bekommen?
Knodt: Wir haben schon sehr viele Gespräche mit Drohnenherstellern geführt. Bei Ausschreibungen für Projekte, etwa vom Bund, ist es oft auch Voraussetzung, mit der Wirtschaft, also Drohnenherstellern oder Start-ups, zusammenzuarbeiten. Da kann es schnell passieren, dass wir neue Forschungsgelder bekommen.