Ein Hochrisikospiel der anderen Art: In einer wilden Partie siegt Hertha BSC 2:1 in Dresden
In der südwestlichen Ecke des Dresdner Rudolf-Harbig-Stadions ging es am Samstagabend recht luftig zu. Dort, wo sich die Fans von Hertha BSC sich eingefunden hatten, war noch ausreichend Platz vorhanden. Anders...
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In der südwestlichen Ecke des Dresdner Rudolf-Harbig-Stadions ging es am Samstagabend recht luftig zu. Dort, wo sich die Fans von Hertha BSC sich eingefunden hatten, war noch ausreichend Platz vorhanden. Anders als sonst, wenn die Auswärtstickets für die Spiele des Berliner Fußball-Zweitligisten heiß begehrte Mangelware sind, waren es am Samstagabend nur rund 700. Mit der aktuellen Performance ihrer Mannschaft hat das nichts zu tun.
Nach den Ausschreitungen beim letzten Duell zwischen Dynamo Dresden und Hertha BSC im April durfte diesmal nur die Hälfte des Gästekartenkontingents verkauft werden. Zudem boykottierten die aktiven Fans der Berliner das Gastspiel in Sachsen. Der übliche Support der Ultras fehlte daher.
Zeitweise war es recht ruhig in der südwestlichen Ecke des Rudolf-Harbig-Stadions. Doch als die Dresdner Fans ganz zu Beginn des Spiels mal kurz schwiegen, nutzte der Hertha-Anhang die Pause geistesgegenwärtig, um ihr aktuelles Lieblingslied zu intonieren: „Wir werden ungeschlagen sein, einhundert Punkte.“
Dieser Traum lebt auch nach dem sechsten Spieltag weiter. Herthas Erfolgsserie scheint kein Ende zu finden. Trotz eines frühen Rückstands feierten die Berliner im sechsten Spiel dieser Saison ihren sechsten Sieg und behaupteten damit ihre Tabellenführung. Mann des Tages war der Isländer Jon Dagur Thorsteinsson, der beide Tore zum 2:1 (1:1)-Erfolg für sein Team erzielte, beide mit präzisen Schüssen aus der Distanz.
Ein Ex-Herthaner traf gegen Hertha
„Die Punkte nimmt uns keiner mehr“, sagte Herthas Sportdirektor Benjamin Weber. „Aber so, wie wir vor ein paar Wochen nicht den Kopf verloren haben, als alle uns den Untergang prophezeit haben, werden wir auch jetzt nicht den Kopf verlieren.“
In Dresden stand Paul Seguin nach Ablauf seiner Sperre bei Hertha wieder in der Startelf. Er ersetzte Pascal Klemens. Sonst gab es bei den Gästen aus Berlin keine Änderungen. Oluwaseun Adewumi durfte wie schon in der Woche zuvor in Osnabrück von Anfang an spielen. Bei den Dresdnern feierte Patrice Covic sein Startelfdebüt, der Sohn des früheren Hertha-Cheftrainers Ante Covic.
Nach den Ereignissen im April war die Partie am Samstagabend von der Polizei als Hochrisikospiel eingestuft worden. Auf den Rängen blieb es diesmal ruhig. In den gesamten 90 Minuten wurde kein einziges pyrotechnisches Erzeugnis abgebrannt. Auf dem Rasen hingegen ging es hoch her. Hier war es tatsächlich ein Hochrisikospiel. Die 29.122 Zuschauer erlebten eine höchst unterhaltsame Samstagabendshow.
Beide Teams spielten mit hohem Tempo, hoher Intensität und immer mit dem Blick nach vorne gerichtet. Herthas Auftritt wirkte reifer, die Dresdner, vor dem Spiel Tabellenvorletzter der Liga, hielten mit ihren Mitteln dagegen. Sie versuchten vornehmlich mit langen Bällen, Herthas Mittelfeld zu überspielen und vor allem den hünenartigen Mittelstürmer Vincent Vermeij in der Spitze.
So, wie wir vor ein paar Wochen nicht den Kopf verloren haben, als alle uns den Untergang prophezeit haben, werden wir auch jetzt nicht den Kopf verlieren.
Herthas Sportdirektor Benjamin Weber
Auch in der zehnten Minute ging es schnell und schmucklos nach vorne, nachdem Herthas Linksverteidiger Mads Pedersen den Ball weit in der Dresdner Hälfte nicht unter Kontrolle bringen konnte. Dass er hinten fehlte, machte sich Dynamo zunutze.
Patrice Covic, der fast die Hälfte seines bisherigen Lebens, neun von neunzehn Jahren, für Hertha gespielt hat, vollendete den Angriff mit einem Flachschuss aus 15 Metern zur 1:0-Führung für das Heimteam. Herthas Innenverteidiger Linus Gechter hatte den Ball noch so unglücklich abgefälscht, dass er über die Hände von Marius Gersbeck hinwegflog.
„Wir hatten große Probleme, in unser Spiel zu kommen“, sagte Herthas Trainer Stefan Leitl. „Es war keine schlechte, aber auch keine gute erste Halbzeit.“ In deren ersten Hälfte hatte Leitls Mannschaft Schwierigkeiten, sich deutliche Chancen herauszuspielen. Und hinten hatten sie in der 26. Minute noch einmal großes Glück, als Vermeij eine scharfe Hereingabe von der rechten Seite nicht richtig erwischte. Es war Dynamos große Gelegenheit, die Führung auf 2:0 auszubauen.
Drei Minuten später hieß es 1:1 – weil die Dresdner Jon Dagur Thorsteinsson vor ihrem Strafraum recht frei zum Schuss kommen ließen. Der Isländer zielte exakt neben den Pfosten, Tim Schreiber streckte und streckte sich, bekam seine Finger aber nicht mehr an den Ball.
In der Folge hatten die Berliner weitere Chancen, das Spiel komplett zu drehen. Die beste vergab Sebastian Grönning unmittelbar vor der Pause. Nach einer Hereingabe des starken Jon Dagur Thorsteinsson brachte er den Ball an Torhüter Schreiber vorbei, nicht aber an Simon Staudi, der kurz vor der Linie rettete.
Es war Grönnings letzte Aktion, zur zweiten Hälfte kam Gustaf Nilsson für ihn ins Spiel. Und auch der führte sich mit einer spektakulär vergebenen Chance ein. Nach einer Hereingabe von Adewumi löffelte der Schwede den Ball aus drei Metern über das leere Tor.
Drei Minuten später schien das für Hertha nur noch eine Randnotiz zu sein – nachdem Adewumi den Ball aus kurzer Distanz zum 2:1 eingeköpft hatte und sich Herthas Dominanz zu Beginn der zweiten Hälfte auch im Resultat niederzuschlagen schien. Doch als die Dresdner schon zum Anstoß am Mittelkreis standen, meldete sich der Videoassistent. Adewumi hatte sich den Ball selbst an die Hand geköpft. Der Treffer zählte nicht.
Aber Hertha ließ nicht locker. „Wir haben eine fantastische zweite Halbzeit gespielt“, sagte Leitl, „sehr mutig, sehr dominant.“ So kam seine Mannschaft zu vielen weiteren guten Chancen. Allein an der Verwertung mangelte es. Bis Jon Dagur Thorsteinsson zehn Minuten vor dem Ende ein weiteres Mal Maß nahm. Aus 20 Metern zirkelte er den Ball neben den Pfosten. Schreiber im Dresdner Tor streckte und streckte sich. Aber auch diesmal reichte es nicht.