Ein letztes Mal „Was macht mich?“: Eine Pflanze muss nicht entscheiden, wo ihre Welt aufhört
In seiner letzten Kolumne denkt unser Autor darüber nach, was ihn und die Menschheit ausmacht. Am besten funktioniert das zwischen Supermarktregalen. Ich denke an das Wohnzimmer meiner Mutter. Ihre ...
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In seiner letzten Kolumne denkt unser Autor darüber nach, was ihn und die Menschheit ausmacht. Am besten funktioniert das zwischen Supermarktregalen.
Foto: Caro/Muhs/dpa
E s ist totzitiert, aber warum nicht mal auf der Leiche herumtrampeln: Die große Erzählung – von Fortschritt, Nation und Religion – erklärt nicht mehr, was abgeht. Vielleicht arbeite ich deshalb an kleinen Erzählungen. Ich schreibe gerne im Supermarkt. Mit Abstand von einer Wirklichkeit, in der ich mich nicht wiederfinde.
Diese Wirklichkeit ist sich mal wieder sicher: Der Terroranschlag beim Berliner CSD ist ein Angriff auf die „offene Gesellschaft“. Diese Floskel ist bescheuerter als „wofür es sich zu leben lohnt“.
Im Namen der offenen Gesellschaft werden 60.000 Menschen unterhalb ihrer Klimazone für überflüssig erklärt. Im Namen der offenen Gesellschaft bekommen alle Dinge Kategorien. Das, was innerhalb davon liegt, ist gut, alles andere schlecht. Die offene Gesellschaft tarnt ihre Grenzen als Offenheit.
Ich denke an das Wohnzimmer meiner Mutter. Ihre Pflanzen tanzen im Wind. Sie sind hier groß geworden, so wie ich. Doch getanzt habe ich nie. Es waren die 90er: Das Ungewöhnliche wurde mit dem Normalen versöhnt. Spießer und Punks trafen sich in der Vorliebe für die Zigarettenmarke West.
Herkunft als Mythos
Früher ging es darum, was Waren ausdrücken. Heute, woher sie kommen. Herkunft kehrte als Mythos zurück.
Auf Instagram verspricht eine App für Gesichtsscans, zu erfahren, woher du „wirklich kommst“? „Nordic brow, Mediterranean nose bridge, alpine jaw line“. Eine Userin sagt: „Ich fand heraus, dass ich nicht die bin, die ich dachte zu sein.“ Vor dem Supermarkt steht eine Frau und raucht, wie andere atmen. Ich habe Angst vor dem, was der Rauch mit ihr macht. Rauchen stand mal für Freiheit. Heute für Tod. Was ist aus dem Glamour des Schädlichen geworden? Wenn ich am Joint ziehe, will ich unbedingt etwas Erhabenes in dem sehen, was mich umbringt.
„Ich möchte ohne Angst vor mir dich lieben“, schreibt Ann Cotten. Ich fühle das sehr. Habe ich es vorher gefühlt oder erst durch diese Worte? Fick das Wort, nicht die Buchstaben. Es macht aus Gefühlen Muster. Wie Maßbänder, die aus Unterschieden eine Zahl machen. Doch nichts ist wie das oder der oder die. Ich muss mir selbst fremd werden, um zu begreifen, wie es ist, markiert zu sein. Als Mensch unter vielen. Nicht als Mensch über vielen.
Für die „Ñuu Savi“ in Mexiko sind Menschen eine von vielen Spezies des Kosmos. Etwas Ähnliches lehrte mich die Theorie: Nichts steht fest. Wie im Rausch erklärte ich die Aufklärung und alles andere zur Illusion und wollte trotzdem was Echtes finden. Aber auch da, Mister President, ist alles gemacht, so wie der Wind in den Bäumen.
Der Körper als Panzer
Rechte wollen das nicht sehen. Für sie sind Kultur und Natur getrennt. Der Körper soll ein Panzer sein, in den nichts rein und nichts raus soll. Nur harte Fakten wie die des Gesichts erklären, wer du bist.
Eine Pflanze muss nicht entscheiden, wo ihre Welt aufhört und die andere anfängt. So stehe ich herum wie die Pflanze meiner Mutter, nur ohne zu tanzen. Sie muss daraus keine Erzählung machen. Ich schon. Ich kann mein Selbst vervielfachen: Mein Userprofil ist das Persönlichste an mir. Es ist die Seele meiner Seele.
Ich verlasse den Supermarkt. Ich grüße eine Person, die ich nur beiläufig kenne. Sie grüßt nicht zurück und ich tue so, als müsste ich schnell weiter. Drei Tage vorher hatte sie mir noch eine DM geschrieben.
Dieser Text soll nichts widerspiegeln, weder die Zeit noch die Verhältnisse. Er soll nicht zeigen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Ich kann nur die kleine Erzählung von mir selbst. Was macht mich? Ich weiß es nicht. Nichts weiß ich.
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Philipp Rhensius
Autor
Philipp Rhensius ist Autor, Journalist, Musiker und Editor von Norient. Seine Texte kreisen um die Mikropolitik des Alltags sowie um Affekt und Klasse – getrieben von der Idee, dass das Fühlen der Ketten der erste Schritt zur Emanzipation ist. Er liest und performt international sowie auf Berlins Poetry-Bühnen. Sein 2025 erschienenes Buch "Home Is Where the Heart Strives" versammelt Essays, Gedichte und Artikel von 85 Stimmen – unter anderem von McKenzie Wark, Gisela Swaragita und Sally Garama – aus 38 Ländern zu Migration, Zugehörigkeit und Musik. Als Alienationist verbindet er Spoken Word mit tiefen Bässen, Live-Percussion und melancholischem Futurismus.
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