Ein Schwarm autonomer Schiffe: So sollen Berliner künftig ihre Pakete bekommen

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Ein Schwarm autonomer Schiffe: So sollen Berliner künftig ihre Pakete bekommen

Stand: 04.08.2026, 20:00 Uhr

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Autonome Schiffe sollen Pakete durch Berlin bringen, Lieferwege verkürzen und Straßen entlasten. Im Westhafen läuft bereits der Testbetrieb.

Berlin – Mehrere kleine gelbe Boote gleiten über einen Berliner Kanal. An Deck Solarpanele, im Bauch Pakete zur Auslieferung. Ein Schiffsführer ist nicht zu sehen. Die Schiffe fahren autonom elektrisch, erkennen Hindernisse und steuern selbstständig verschiedene Anlegestellen an.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Wissensmagazin SMART UP NEWS

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Auf längeren Strecken koppeln sie sich zu einem Verband. Kurz vor dem Ziel trennen sie sich wieder. Solche autonomen Boote könnten künftig Pakete durch die Hauptstadt transportieren und einen Teil des Lieferverkehrs von der Straße holen.

Im Berliner Westhafen testet die TU Berlin elektrisch betriebene Wasserfahrzeuge

Im Berliner Westhafen testet die TU Berlin elektrisch betriebene Wasserfahrzeuge, die künftig autonom Pakete transportieren und sich zu größeren Verbänden koppeln sollen. © Christian Kielmann

Die TU Berlin entwickelt das System im Forschungsprojekt A-SWARM II gemeinsam mit mehreren Partnern. Die Boote sollen Güter zwischen größeren Verteilzentren und kleinen Umschlagplätzen befördern. Von dort übernehmen Lastenräder oder elektrische Kleinfahrzeuge die Zustellung.

Bis Ende 2027 soll ein Versuchsbetrieb zeigen, wie autonomes Fahren, Warenumschlag und Paketlogistik zusammenarbeiten können.

Berlin könnte wie früher übers Wasser beliefert werden – nur autonom

Berlins Straßen tragen täglich einen großen Teil des innerstädtischen Warenverkehrs. Gleichzeitig verlaufen zahlreiche Kanäle und Flüsse durch dicht bewohnte Bezirke. Früher transportierten Schiffe dort Baustoffe, Lebensmittel, Kohle oder Abfälle. Heute spielen diese Wege für die Versorgung der Innenstadt nur noch eine geringe Rolle.

Projektleiter Gerd Holbach sieht darin ungenutzte Möglichkeiten. „Berlin ist über Jahrzehnte auf dem Wasser versorgt worden“, sagt der Professor für Entwurf und Betrieb Maritimer Systeme. Nun soll die vorhandene Infrastruktur wieder Teil der Stadtlogistik werden. „Die Idee ist nicht, den gesamten Lieferverkehr aufs Wasser zu verlegen. Aber gerade für die vorletzte Meile können Wasserstraßen eine echte Entlastung sein.“

Vom Boot direkt aufs Lastenrad

Die Liefertour beginnt an einem Verteilerzentrum am Stadtrand oder außerhalb Berlins. Dort laden Beschäftigte Pakete in standardisierte Wechselcontainer. Diese Behälter passen sowohl auf die Boote als auch auf Lastenräder. An einem Anleger hebt eine Umschlaganlage den kompletten Container an Land. Ein Kurier kann ihn anschließend übernehmen und die Sendungen im umliegenden Viertel verteilen.

Dadurch entfällt das erneute Sortieren einzelner Pakete am Ufer. Lange Fahrten zwischen Paketzentrum, Mikrohub und Zustellbezirk könnten wegfallen oder auf dem Wasserweg kürzer werden.

Nach Berechnungen des Projekts erreichen Umschlagstellen mit einem Radius von fünf Kilometern zusammen zwischen einer und 1,8 Millionen Berliner Einwohner. Voraussetzung sind geeignete Standorte entlang der Wasserwege.

Auch die Entladung soll autonom funktionieren

Das autonome Fahren allein reicht für einen wirtschaftlichen Betrieb der Lieferboote nicht aus. Auch das Be- und Entladen darf keinen großen Personalaufwand verursachen. Das Projektteam entwickelt deshalb eine Umschlagstation in der Größe eines 6-Meter-Containers. Sie enthält Sensoren, ein Greifsystem und bei Bedarf Ladetechnik für die Akkus.

Die geschlossene Bauweise schützt Beschäftigte und Technik. Zudem benötigt die Station nur wenig feste Infrastruktur am Ufer. Sie lässt sich bei Bedarf auch an einen anderen Ort versetzen. Das ist für Berlin wichtig, denn viele frühere Hafen- und Gewerbeflächen dienen heute als Wohngebiet, Park oder Freizeitfläche.

Neue Logistikanlagen konkurrieren dort mit zahlreichen anderen Nutzungen. Wenn ein Standort nicht funktioniert, Flächenkonkurrenzen oder Anwohnerinteressen eine Änderung erforderlich machen, kann dieser gewechselt werden.

Boote schließen sich selbstständig zum Schwarm zusammen

Die kleinen Wasserfahrzeuge sollen einzeln fahren oder sich zu größeren Einheiten zusammenschließen. Auf einer längeren Strecke kann ein stärkeres Boot mehrere kleinere Fahrzeuge schieben. Das spart Energie. In der Stadt löst sich der Verband auf. Einzelne Boote steuern dann auf dem Wasserweg etwa Spandau, die Innenstadt oder Köpenick an.

Für die Schwarmbildung müssen sich die Fahrzeuge in einem Manöver zentimetergenau annähern. Ein magnetisches System stellt die Verbindung her und löst sie später wieder. „In der klassischen Binnenschifffahrt geht jemand mit dem Tau an den Poller“, erklärt Holbach.

Bei A-SWARM II müsse dieser Vorgang automatisch ablaufen. Sensoren erfassen während der Fahrt andere Schiffe, Brücken, Ufer und schwimmende Hindernisse. Gleichzeitig tauschen die Boote im Verband Daten zu Route, Geschwindigkeit und Energieverbrauch aus.

Logistik wird digital gesteuert

Eine digitale Steuerung soll jedes Wasserfahrzeug überwachen. Sie kennt dessen Standort, Ladezustand und Wartungsbedarf. Das System entscheidet außerdem, welches Boot einen Auftrag übernimmt und wo sich mehrere Einheiten sinnvoll koppeln. So soll der Schwarm möglichst wenig Strom verbrauchen und trotzdem pünktlich ankommen.

Die TU Berlin bringt für die digitale Steuerung der autonomen Boote ihre Erfahrung in maritimer Systemtechnik, Ladungsintegration, Energieversorgung und Logistik ein. Die Anforderungen für Be- und Entladung hängen zudem stark von der Ladung ab.

Pakete brauchen andere Sicherungs-, Kühl-, Hygiene- oder Beladekonzepte als Getränke, gekühlte Lebensmittel oder Abfälle. Die TU Berlin untersucht deshalb verschiedene Behälter, Energiebedarfe und Ladeverfahren. Noch ist offen, ob die Akkus für einen gesamten Arbeitstag reichen oder zusätzliche Ladepunkte an den Kanälen nötig werden.

Testfahrten im Berliner Westhafen

Die ersten Fahrzeuge fahren bereits im Berliner Westhafen. Dort lernen sie, ihre Umgebung zu erfassen, Hindernissen auszuweichen und an andere Einheiten anzudocken. In die Entwicklung fließen derzeit auch Erfahrungen von DHL mit ein. Das Unternehmen transportiert in Berlin bereits Pakete mit elektrisch betriebenen, solargestützten Schiffen. Diese Boote fahren jedoch nicht autonom.

Vor einem regulären Einsatz bleiben auch rechtliche Fragen offen. Für selbstfahrende Autos existieren bereits erste Vorschriften. Für autonome Binnenschiffe in Städten fehlen jedoch vergleichbare Regeln. Auch Genehmigungen für Anleger, Umschlagplätze und den automatischen Betrieb müssten geklärt werden.

Holbach hält den zusätzlichen Verkehrsweg aber für eine notwendige Strategie in der Zukunft: „Wenn wir die Straßen entlasten, Emissionen reduzieren und Logistikflächen effizienter nutzen wollen, müssen wir alle vorhandenen Verkehrswege neu denken. Das Wasser gehört dazu.“

Kurz zusammengefasst:

  • Im Projekt A-SWARM II entwickelt die TU Berlin elektrische, autonome Schiffe, die Pakete über Berlins Wasserstraßen transportieren und so den Straßenverkehr entlasten sollen.
  • Mehrere Boote können sich zu einem energiesparenden Verband koppeln, sich selbstständig wieder trennen und die Wechselcontainer mit der Ladung an Umschlagstellen direkt an Lastenräder übergeben.
  • Bis 2027 soll der Testbetrieb klären, wie zuverlässig Navigation, Kopplung, automatisches Be- und Entladen sowie die digitale Steuerung funktionieren.