Einmal Himmel und zurück: Elf Piloten fliegen trauernde Kinder über ihr altes Zuhause

Der Bremer Verein für Luftfahrt lädt Kinder der Trauergruppe Fidelius ein. Jedes darf sich seinen Weg wünschen – etwa über das Haus, in dem es mit dem verstorbenen Elternteil lebte.

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Einmal Himmel und zurück: Elf Piloten fliegen trauernde Kinder über ihr altes Zuhause

Stand: 24.08.2026, 19:00 Uhr

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Isa mit ihren Zwillingen Henry und Tjelle ist zum zweiten Mal bei der Flugaktion dabei. Das kleine Elefantmaskottchen von Fidelius durfte mit an Bord des Ultraleichtfliegers von Pilot Andreas.

Isa mit ihren Zwillingen Henry und Tjelle ist zum zweiten Mal bei der Flugaktion dabei. Das kleine Elefantmaskottchen von Fidelius durfte mit an Bord des Ultraleichtfliegers von Pilot Andreas. © Daniela Barth

Der Bremer Verein für Luftfahrt lädt Kinder der Trauergruppe Fidelius zum sechsten Mal zu kostenlosen Rundflügen ein. Die Kinder wählen ihre Route selbst – etwa über das Haus, in dem sie früher lebten.

Rotenburg – Ein wilder Spätsommermorgen liegt über dem Flugplatz Rotenburg, die Luft riecht nach Benzin und frisch gemähtem Gras, irgendwo klappert eine Hallentür im Wind. Kleine Flugzeuge stehen aufgereiht wie auf einer Perlenschnur, und für einen Vormittag scheint der Schmerz seine Erdenschwere abzulegen, steigt mit auf, wird dort oben, zwischen Wolkenfetzen und Motorenbrummen, ein kleines Stück leichter.

Piloten als Trauerbegleiter: Kinder können ihre verlorenen Angehörigen von oben ehren

Elf Piloten heben ab: mit Kindern der Trauergruppe Fidelius – um für einen kurzen, kostbaren Moment näher bei jenen zu sein, die sie verloren haben. „Einmal Himmel und zurück“ heißt das Motto, unter dem der Bremer Verein für Luftfahrt bereits zum sechsten Mal einlädt.

Organisiert wird die jährliche Aktion von Dennis Weseloh und Joachim Siems vom Bremer Verein für Luftfahrt. „Dennis hat mich damals angerufen, weil er unbedingt etwas für die Kinder hier in der Region tun wollte. Ich habe ihn an den Hospizverein Fidelius vermittelt – und aus dieser Idee ist am Ende unser Motto entstanden“, erinnert sich Siems an die Anfänge. Die Sportflieger aus Lauenbrück, Hodenhagen, Karlshöfen und Rotenburg tragen Sprit- und Chartergebühren komplett aus eigener Tasche, damit jedes Kind kostenlos abheben darf – rund 20 Minuten lang, im Ultraleichtflugzeug oder, für die Kleinsten, in einem der beiden Viersitzer mit erwachsener Begleitung.

Jochen Siems (v. l.), Inga Lohmann, Raja-Maria Kazienko und Dennis Weseloh ging „wieder einmal das Herz auf, so viele glückliche Kinder erleben zu dürfen“.

Jochen Siems (v. l.), Inga Lohmann, Raja-Maria Kazienko und Dennis Weseloh „geht wieder einmal das Herz auf, so viele glückliche Kinder erleben zu dürfen“. © Daniela Barth

Jedes Kind darf sich seinen Flugweg selbst wünschen: die Schule, das eigene Zuhause – oder einen Ort, der mit einem geliebten Menschen verbunden ist. „Unser Ziel ist es, über markante Punkte zu fliegen, die die Kinder aus ihrem Alltag kennen – nur eben mit uns aus einer ganz anderen Perspektive“, erklärt Pilot Weseloh. Von oben rücken vertraute Wege plötzlich zusammen, werden klein und beherrschbar – und für manchen Blick nach unten wird es, für einen Atemzug lang, vielleicht sogar wie ein stilles Wiedersehen.

Besonderer Tag für trauernde Familien – Sportflieger schenken Kindern Rundflüge

So auch für die 16-jährige Jasmin, die über den Eichenring in Scheeßel fliegen durfte – einen Ort, den sie stark mit ihrem im Oktober 2024 verstorbenen Vater verbindet, mit dem sie dort früher viel Zeit verbracht hat. Seit Anfang 2025 ist Jasmin Teil der Trauergruppe. „Ich durfte sogar selbst lenken – das darf nicht jeder erleben. Am Anfang war ich nervös, aber sobald wir oben waren, hat es nur noch Spaß gemacht“, erzählt sie, noch ganz aufgeregt: „Es war wirklich cool!“

Ist jetzt stolze „Co-Pilotin“: Jasmin bekommt von Pilot Michael ihre Urkunde überreicht.

Ist jetzt stolze „Co-Pilotin“: Jasmin bekommt von Pilot Michael ihre Urkunde überreicht. © Daniela Barth

Auch bei Isa aus Scheeßel, die mit ihren Zwillingssöhnen Henry und Tjelle gekommen war, ging es um mehr als einen Rundflug. Gemeinsam mit Pilot Andreas flogen ihre Jungs – jeweils einzeln – über das alte Haus, in dem die Familie lebte, bevor ihr Vater vor zwei Jahren an Krebs starb. Für die verwitwete Mutter selbst war der Moment kaum weniger bewegend: „Ich habe meinen Seelenverwandten verloren“, sagt sie leise und erinnert sich an den Abend, an dem ihr Mann im Hospiz starb – Freunde waren gekommen, man saß noch lange zusammen und sprach über schöne gemeinsame Erinnerungen.

„Als ich nach Hause ging, stand ein riesengroßer Regenbogen am Himmel. Für mich war das, als hätte er sich damit verabschiedet.“ Seitdem ist der Regenbogen für sie ein bedeutsames Zeichen geblieben. Und ausgerechnet an diesem Vormittag zieht über dem Flugplatz mehrfach ein kurzer Schauer durch, aus dem sich, kaum ist er vorüber, immer wieder ein bunter Bogen über den fliegenden Maschinen spannt – als wolle der Himmel selbst ein Stück Trost spenden.

Co-Piloten-Urkunde zum Abschluss

Nicht nur für die Familien wird es ein besonderer Tag – auch die Piloten tragen ihn mit nach Hause. Wie Pilot Florian: Er durfte mit einem kleinen Mädchen über ihr altes Zuhause fliegen, wo bis vor Kurzem noch ihr Papa mit ihr lebte, der zwei Monate zuvor gestorben war. „Sie hat so sehr gehofft, dass er von oben zusieht – das war einer dieser Momente, bei denen man als Pilot selbst eine richtige Gänsehaut bekommt“, berichtet er.

Trauerbegleiterin Inga Lohmann, Leiterin der Trauergruppe, kennt diese Momente aus ihrer Arbeit: „Die Kinder sind im Schnitt ein bis zwei Jahre bei uns in der Gruppe. Für viele ist dieser Flug etwas ganz Neues – und wird zu einem echten Höhepunkt, der bleibende Erinnerungen schafft.“ Was die Kinder in der Gruppe lernen, beschreibt Raja-Maria Kazienko von Fidelius so: „Unser Anliegen ist, dass sie einen guten Umgang mit der Trauer erlernen. Es geht darum, Stück für Stück altersgerecht zu begreifen, was vorgefallen ist, und zu lernen, mit ihr weiterzuleben.“

Ergreifende Dankesworte der Trauergruppe an die Piloten.

Berührende Dankesworte der Trauergruppe an die Piloten. © Daniela Barth

Der Hospizverein Fidelius aus Rotenburg begleitet schwerstkranke Menschen und ihre Familien – von der Sterbe- und Kinderhospizarbeit bis zur Trauerbegleitung für Erwachsene, Kinder und Jugendliche – und schafft so den Rahmen, aus dem Vormittage wie dieser überhaupt erst entstehen können.

Für das leibliche Wohl der rund 20 Kinder und ihrer Begleiter sorgt an diesem Vormittag die Bodencrew des Flugplatzes, unterstützt vom neuen Flugplatzbistro „HeyLü“. Hinter dem Namen steckt Max Leibnitz, ein junger Gastronom. Dass er beim Kinderflugtag anpackt, ist für ihn keine Frage des Kalküls, sondern eine Haltung: „Man sollte immer etwas Gutes tun, wenn man die Möglichkeit dazu hat.“ Es ist dieselbe stille Selbstverständlichkeit, mit der auch die elf Piloten unterwegs sind.

Als Erinnerung erhalten die Kinder aus dem gesamten Landkreis je ein Polaroid-Foto samt Urkunde, die sie zu „Co-Piloten“ ernennt – zum Abschied überreichen sie den Piloten im Gegenzug ein selbst gebasteltes Papierflugzeug. Ein kleiner Tausch für einen Samstagvormittag, an dem ihre Trauer, zwischen wechselnden heftigen Schauern, grellen Sonnenstrahlen, Windböen und Regenbögen und viel zu schnell verglühenden Motorengeräuschen, hoch im Himmel das Fliegen gelernt hat.