Er war Zuhälter, Schwerverbrecher und Hells Angel – und hatte einen „Liveticker“ in die Staatsanwaltschaft
Kassra Zargaran saß zehn Jahre im Gefängnis wegen Beteiligung am „Wettbüro-Mord“. Heute klärt er über die Unterwelt auf – und ihre Verbindungen in Justiz und Politik. Ein Interview.
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Kassra Zargaran sitzt für dieses Gespräch in einem Videocall: T-Shirt, bullige Statur, sichtbare Tattoos an Hals und Händen. Nichts an seinem Auftreten verrät auf den ersten Blick, dass dieser Mann als Kronzeuge im größten Rockerprozess Deutschlands aussagte, jahrelang im organisierten Verbrechen unterwegs war und heute unter neuer Identität lebt.
Seine Sprache ist klar, fast nüchtern. Über Isolationshaft, Hinrichtungen und Sprengstoffanschläge spricht er in kurzen, präzisen Sätzen – ohne Pathos, fast so, als analysiere er ein System von außen, nicht sein eigenes Leben. Nietzsche und Chomsky, sagt er, habe er im Gefängnis gelesen. Zargaran spricht über korrupte Polizisten, einen „für den Arsch“ agierenden Justizapparat und eine Migrationspolitik, die aus seiner Sicht junge Männer erst in die Kriminalität treibt. Es ist ein schonungsloses Interview, das mit allem abrechnet: den Rockern, der Polizei – und der Politik.
dpa/Jens Kalaene
Zur Person
Kassra Zargaran wurde 1986 als Sohn eines Iraners und einer Deutschchilenin in Hamburg geboren und geriet bereits in jungen Jahren in Kontakt mit dem Rotlichtmilieu, was ihn in die Kriminalität führte. 2010 trat er den Hells Angels Berlin City bei. Die Gruppe unter dem Anführer Kadir Padir galt als besonders machthungrig, aggressiv und gewalttätig in der Berliner Unterwelt. Den Wendepunkt markierte der sogenannte Wettbüro-Mord im Januar 2014 in Reinickendorf: Zargaran war an der Tat beteiligt, drückte selbst aber nicht ab. 2014 musste er sich zusammen mit neun weiteren Mitgliedern vor Gericht verantworten und sagte dabei als Kronzeuge aus. Er saß zehn Jahre in Haft.
Herr Zargaran, Sie haben als Kronzeuge im wohl größten Rockerprozess Deutschlands ausgesagt und einen Spiegel-Bestseller geschrieben, sind jetzt Podcaster von „Triggered“. Wie fühlt es sich an, wenn Fremde – auch zwölf Jahre nach dem Prozess – Sie den „Perser“ nennen? Ist das noch ein Spitzname oder eher ein Etikett, das Sie nicht mehr loswerden?
Mittlerweile ist das so wie eine Art Künstlername – wie bei Bushido zum Beispiel. Viele kennen mich als „der Perser“. Und ich benutze den Namen ja auch. Er ist Teil meiner Geschichte.
Wenn Sie auf den Moment zurückblicken, in dem Sie beschlossen haben, auszupacken: Was hat sich seitdem verändert?
Die Machtverhältnisse in der Szene haben sich von Grund auf verändert. Viele Protagonisten, die ich gut kannte, sind zwar noch dort, aber teilweise nicht mehr so gesund wie früher. Einige meiner alten Weggefährten sind auch gestorben. Eines unnatürlichen Todes, wohlgemerkt. Heute gibt es keinen einzelnen Machtblock mehr wie zu meiner Zeit, sondern mehrere. Ich selbst habe mich dahingehend verändert, dass ich mich aus der ganzen Geschichte gelöst habe und mich klar zu dem Thema positioniere.
Beschreiben Sie mir doch mal einen ganz normalen Tag im Gefängnis, also nicht den dramatischen, sondern den zähen Alltag. Woran erkennt man, dass die Zeit im Gefängnis anders vergeht?
Nun, das liegt vor allem daran, dass man nicht mehr Herr über seine eigenen Handlungen ist, sondern der Alltag bestimmt wird. Der Tag beginnt um 6 Uhr oder 5.30 Uhr mit der Lebendkontrolle. Eine halbe Stunde später gibt es dann Frühstück, also im Sinne von Brot und Marmelade, die kurz vorm Ablaufdatum ist. Alte Ware eben, die im Großhandel nicht verkauft wurde. Und dann geht die Tür auch schon wieder zu. Dann hat man als Strafhäftling eine Viertelstunde Zeit, bevor es ans Ausrücken geht. Man wird in seinen Arbeitsbereich in der Anstalt geführt, bis zur Mittagspause um 11.30 Uhr. Die dauert eine halbe Stunde, dann geht’s zurück an die Arbeit. Um 15 Uhr ist Freizeit. Da gibt es Arbeitsgruppen oder wir Häftlinge spielen Tischtennis. So und so weiter vergeht der Tag. Das ist natürlich sehr trist und eintönig und immer dasselbe. Da kommt man natürlich mitunter auf dumme Gedanken und baut Scheiße, also Leute abziehen, erpressen, zusammenschlagen. Man darf nämlich nicht vergessen: Das ist der Bodensatz der Gesellschaft, der sich im Gefängnis wiederfindet.
Wie gelangen eigentlich Drogen, Telefone und andere verbotene Gegenstände ins Gefängnis?
Es gibt viele Möglichkeiten. Eine bieten die Mauerläufer, also Häftlinge, die mit Bediensteten an der Mauer entlanglaufen und dann sauber machen müssen. Wenn der Beamte dann mal nicht guckt, wird was über die Mauer geschmissen. Oder es wird vorher per Telefon geklärt, in welche Ecke der Gegenstand geworfen wird. Das ist immer eine gute Gelegenheit, Dinge in den Knast zu schmuggeln. Da fliegt dann mal ein Kilo Gras rein, Handys oder auch Döner.
Not macht erfinderisch.
Häftlinge bauen sich tatsächlich alles Mögliche. Tattoonadeln, Spritzen für Heroin, Messer und sowas. Das ist absolut verrückt.
Wie kommunizieren die Häftlinge untereinander? Gibt es geheime Codewörter?
Straßensprech. Ein Mischmasch aus Arabisch und Türkisch zum Beispiel. Man benennt auch Dinge um: Gras in Schokolade oder so. Die Jungs finden ihren Wege, so zu kommunizieren, dass man sie nicht gleich versteht. Gleichzeitig muss man wissen, das sind alles keine Raketenphysiker. Wenn man sich da reinfuchst, dann versteht man auch als Bediensteter schnell, was vor sich geht. Was ich aber aus der Zusammenarbeit mit Behörden weiß, ist, dass man in Justizanstalten teilweise Dinge auch einfach laufen lässt, um den Haftalltag ruhig zu gestalten. Natürlich würde das niemand bestätigen, aber es geht auch darum, Ruhe auf der Station zwischen den Häftlingen zu haben. Man möchte den Alltag so konfliktfrei wie möglich gestalten. Und wenn die Jungs berauscht sind, sind die Stationen ruhig, sagt man. Also keine Auseinandersetzungen, keine Schlägereien, keine Konflikte, keine Alarme, die ausgelöst werden. Man lässt einen gewissen Prozentsatz an Marihuana zu. Da ist man auf einem Auge blind.
Was empfanden Sie als das Erniedrigendste während Ihrer Haftzeit?
Erniedrigung ist ein schweres Wort, aber ganz grundsätzlich würde ich sagen: die Tatsache, dass man nicht über sich selbst entscheiden kann. Andere Leute bestimmen, wann man duschen gehen kann und wann nicht. In Berlin-Moabit zum Beispiel darf man das nur Dienstag und Donnerstag. Das kann man schon als Erniedrigung empfinden. Oder wenn Bedienstete in deinen privatesten Sachen herumwühlen. Auch eine Form der Erniedrigung. Und natürlich bei Kontrollen, bei denen man sich komplett nackig machen und nach vorne beugen muss.
Wie hat sich Ihr Status als Kronzeuge auf den Alltag mit anderen Gefangenen ausgewirkt?
Ich komme ja aus dem schwerstkriminellen OK-Bereich (Organisierte Kriminalität, Anm. d. Red.), also aus einem Netzwerk, das international auf großem Level mit viel Geld agiert und schwerste kriminelle Taten verübt. Es geht hier um Mord und lebenslänglich, nicht um jemanden, der zwei, drei Kilo Gras gedealt hat. Dementsprechend ist mein Status extrem sensibel gewesen, weil der Sicherheitsaspekt so hoch war. Man wollte nicht, dass ich in der Haftzeit getötet werde – zum Beispiel von jemandem mit SV (Sicherheitsverwahrung, Anm. d. Red.), der meint, sowieso nichts mehr zu verlieren zu haben, sich aber möglicherweise Privilegien bei anderen Häftlingen verschaffen will. Detailliert kann ich nicht darauf eingehen, aber ich war 24/7 isoliert.
Was hat Ihnen geholfen zu überleben? Wie haben Sie Ihre Psyche stabil gehalten?
Ich habe viel gelesen. Chomsky, Nietzsche und sowas alles. Das hat mich gut abgelenkt. Ich hatte ja keine wirkliche Allgemeinbildung, oder zumindest keine gute. Heute spielt mir das in die Karten, dass ich viele Bücher und die Akten studiert habe.
Berühmt-berüchtigt: Die Hells Angels
© imago
Wenn Sie einem Menschen, der nie im Gefängnis war, in einem Satz erklären müssten, was das mit einem macht, was würden Sie sagen?
Entweder du stumpfst total ab oder es traumatisiert dich so sehr, dass du es nie wieder erleben möchtest.
Was war Ihr ganz persönlicher Schlüsselmoment, in dem Sie dachten: Das will ich nie wieder?
Ganz klar der Mord, also die Hinrichtung von damals. Da war der Moment, in dem ich gesagt habe, jetzt ist hier Feierabend, das Ding gehe ich nicht mit. Das war ja jenseits von Gut und Böse, wie wir damals in Berlin gewütet haben. Es gab Morde, diverse Anschläge, wir haben mit Maschinengewehren herumgeschossen, um Leute zu zwingen, das zu tun, was wir wollen. Auch aus der Haft heraus gab es noch Anordnungen von Sprengstoffanschlägen in der Provinzstraße damals bei den Bandidos. Da sind zwei Handgranaten geflogen.
Woran sind Sie und Ihre „Brüder“ damals gescheitert?
Die Polizei hat das ganz gut gemacht und mit Hochdruck uns gegenüber gearbeitet. Zerbrochen sind wir am Ende des Tages aber an der Überheblichkeit und der völlig geisteskranken Art und Weise, wie wir gewütet haben.
Was meinen Sie genau?
Bis heute sage ich, dass nicht alle in der Gruppe Bescheid wussten, was an dem Tag passieren würde. Dafür war die Struktur gar nicht ausgelegt.
Sie aber schon? Sie wussten Bescheid?
Nein, ich wusste nicht Bescheid. Das hat das Gericht damals aber anders gesehen. Das ist auch in Ordnung.
Gibt es eine Art Ehrenkodex bei Kriminellen?
Verbrecher haben keine Ehre, sonst würden sie nicht kriminell werden. Sie schaden anderen Menschen, auch Eltern, Kindern, Schwestern, Cousinen und Onkeln. Sie verkaufen Drogen, lügen und betrügen. Von daher ist man ganz weit weg von einem ehrenvollen Leben, auch wenn man das in dieser Welt so definiert.
Wenn Sie heute Opfer eines Verbrechens würden, würden Sie eher dem Rechtsstaat vertrauen oder auf sich selbst?
Obwohl das System natürlich von Menschen getragen wird und damit genauso fehlerhaft ist wie der Mensch selbst, würde ich den Rechtsweg gehen. Klar, ich habe auch erlebt: Vor Gericht Recht haben und Recht bekommen sind zwei Paar Schuhe. In dem Verfahren, in dem ich Hauptbelastungszeuge war, also bei der Tötung eines Türstehers im Soda-Club im Jahr 2013, da sind Dinge vor Gericht passiert, die hätten so nicht passieren dürfen. Davon bin ich überzeugt, auch mit meiner laienhaften Erfahrung vor Gericht. Und Herr Faust war bekannt in Berlin als fauler, nicht integrer Richter, der komische Urteile gefällt hat und seltsame Kontakte pflegte. Eine ganz zwielichtige Persönlichkeit. Ich bin aber inzwischen eine Person öffentlichen Lebens, da schicke ich dann auch mal meinen Medienanwalt los. Es ist aber nicht mehr so, dass ich denke: Wenn du irgendwas behauptest, hau ich dir auf die Fresse oder stech dich ab.
Wo hat der Staat aus Ihrer Sicht mehr Fehler gemacht als die Kriminellen?
Ich beziehe das mal auf Berlin, weil das mein Hotspot war. Berlin hat völlig versagt, was das Thema Migration angeht. Konkret meine ich damit die Ghettoisierung von Stadtteilen, die Duldungen und vielen keine Arbeitsgenehmigung zu erteilen, also Menschen so in die Ecke zu drängen, dass sie irgendwann gezwungen sind, kriminell zu werden. Auch das gibt es in Berlin, dass Menschen, die eigentlich gebildet sind, dann irgendwann sagen: Leck mich am Arsch, ich kann gar nichts anderes machen, ich kann nicht arbeiten, mein Vater kann nicht arbeiten. Das ist der politische Aspekt. Dann gibt es natürlich noch den Stellenabbau bei Polizei und Justiz. Klaus Wowereit hat gesagt: „Sparen, bis es quietscht.“ Damit hat Berlin aber überkrass versagt. Auch die Justiz ist völlig für den Arsch in Berlin.
Wieso?
Wenn ich heute höre, dass einer mit einer Waffe erwischt wird und nach einem Gesa-Aufenthalt (Gefangenensammelstelle, Anm. d. Red.) wieder nach Hause gehen kann, nachdem er mit zwei Magazinen oder einer durchgeladenen Knarre bei einer Razzia in einer Shisha-Bar festgesetzt wurde – dann denke ich mir: Okay, alles klar, da dürft ihr euch nicht wundern, dass die Jungs rumballern. Die haben da nichts zu befürchten. Die Berliner Justiz ist da überfordert oder ist nicht in der Lebensrealität auf der Straße unterwegs.
Die „Hells Angels MC Berlin Central“ sind verboten worden.
© Paul Zinken/dpa
Was muss passieren?
Man müsste härter durchgreifen, die Strafen konsequenter sein. Das war bei mir nicht anders, der Vollzug war so massiv. Ich weiß ja gar nicht, ob ich mich in die Richtung entwickelt hätte, in die ich mich entwickelt habe, wenn ich nicht in Isolationshaft gesessen hätte und stattdessen mit irgendwelchen vollkriminellen Tieffliegern zusammen inhaftiert gewesen wäre. Auch die Sozialarbeiter fehlen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Jugendliche müssen aufgefangen werden in diesem Moloch von Berlin.
Sie haben mal von „korrupten Cops“ gesprochen. Wie tief reicht das aus Ihrer Erfahrung? Sind das Einzelfälle oder hat das System?
Fünf von denen, die von Interpol wegen des Mordes von damals gesucht werden, sind auf der Flucht in der Türkei. Und die sind nur weggekommen, weil wir korrupte Cops hatten.
Gibt es auch korrupte Justizbeamte?
Wir hatten von Tag eins einen Liveticker in die Staatsanwaltschaft. Wir wussten, wenn ein Haftbefehl formuliert wurde, dass der am nächsten Tag zu Gericht geht. In den Stunden, bevor der Haftbefehl unterschrieben wurde, wussten wir schon durch unsere Verwandten, dass der Haftbefehl dem Gericht am nächsten Tag zugefaxt wird. Wir hatten damals auch Zugänge zur Innenministerkonferenz, als die Innenminister alle auf Landesebene beschlossen haben, dass sie die Angels und Bandidos sukzessive bundesweit verbieten wollen. Wir hatten Kontakt zu Leuten auf gehobener Ebene, nicht nur – und das meine ich nicht im Disrespect – kleine Streifenpolizisten. Die Informationen gab es aber natürlich auch auf niedrigerer Ebene. Da war beispielsweise einer, der mit einem Angel aufgewachsen ist oder zusammen auf der Schule war. So wussten wir über Razzien, Kontrollen und sogar Zugriffe Bescheid. Die Zugänge in die Politik und in die obersten Reihen, in die Justizapparate, waren schon immer gegeben.
Was bedeutet für Sie ein gerechtes Leben?
Ich glaube, das Leben ist nie gerecht. Ich sage aber auch immer anderen Menschen, die trotzig, hasserfüllt oder negativ durchs Leben laufen: Man muss sich entscheiden, welche Leute man in seinem Umfeld haben möchte. Es gibt ja auch diesen Spruch: Zeig mir deine Freunde, dann weiß ich, wer du bist. Der spricht für sich.
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