„Daran merkst du, dass sie nicht wirklich eine Jacke brauchen“: Bus für Hilfsbedürftige stößt an Grenzen
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„Vollgestopft mit Liebe“: Münchner Livestream-Bus kämpft gegen Hunger und 30.000 Menschen schauen zu
Stand: 25.07.2026, 06:45 Uhr
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Wenn die Glocke klingelt, fließen Spenden – und landen später als warme Suppe bei Bedürftigen. Wie ein Münchner Verein sich Social Media zum Hilfsmittel macht.
München – Samstagabend, 20 Grad, strahlend blauer Himmel. München wirkt an diesem Tag nicht wie eine Stadt, in der gleich jemand nach einer warmen, deftigen Suppe fragen wird. Im Bus des Marienkäfer e. V. ruckelt die Straße unter den Füßen. Nächster Halt: Königsplatz. Auf mehreren Bildschirmen läuft der Livestream auf Twitch. Wer zuschaut, sieht den Bus in Echtzeit: die Fahrt, die Vorbereitung, die Ausgabe am Königsplatz. Namen und Nachrichten ploppen auf, teils schneller, als man sie lesen kann. Wenn jemand Bits schickt – eine virtuelle Währung der Plattform – oder Geldbeträge spendet, wird die an der Decke angebrachte, goldene Glocke geläutet. Wie viel genau in die Spendenkasse geht, spielt dabei keine Rolle.

Während der holprigen Fahrt auf Landstraße, Autobahn und Pflasterstein werden Semmeln geschmiert. Philip Lehmann schneidet sie auf, Lars Waldenmaier beschmiert sie mit Butter und Remoulade, Stephi Zoers belegt sie mit Lyoner, Käse und Eisbergsalat – wie am Fließband. Die drei Ehrenamtlichen müssen sich nur bei scharfen Kurven und Bremsvorgängen festhalten. Am Steuer sitzt Markus Grimm, Kappe auf dem Kopf, Dreitagebart. Überall hängen Kameras und Monitore. Der Bus ist nicht nur Bus, sondern auch Bühne, Küche, Lager, Regieraum. Tausende Zuschauer sind live dabei. Und trotzdem geht es hier nicht um Unterhaltung. Am Ende der Fahrt warten Menschen, für die eine belegte Semmel an diesem Abend mehr ist als Content.
Verein Marienkäfer in München: Zuhause und zugleich Vereinsheim
Markus Grimm und Diana Beck leiten den Marienkäfer e. V., einen Verein, der sich für bedürftige Menschen in München einsetzt. Ermöglicht wird ihr Ehrenamt durch die Spenden, die sie durch die Livestreams auf Twitch erhalten. Beck, schulterlange braune Haare, gebräuntes Gesicht, wird von vielen nur „Chaos-Mama“ genannt. Wer das Vereinsgelände betritt, versteht schnell, warum. In Markt Schwaben, circa 25 Kilometer östlich von München, stehen Lager, Küche, Fuhrpark und Wohnhaus dicht beieinander. Es ist Zuhause und Vereinsheim zugleich. Ein Ort, an dem ständig jemand kommt, geht, sortiert, packt, kocht und streamt.
In der großen Halle direkt am Eingang stapeln sich Kleidung in verschiedenen Größen, Lebensmittel, Getränke und Hygieneartikel. Eine Tür weiter gibt es zwei große Kühlräume. Am Ende des Flurs ist eine Küche, die ebenfalls mit Kameras ausgestattet ist. In zwei Büroräumen sitzen Menschen an Bildschirmen, die den Stream und Chat auf Twitch moderieren. Auf einem Fernsehbildschirm ist eine Karte zu sehen, die aktuelle Katastrophengebiete markiert. Darunter fällt etwa der Stromausfall in Berlin Anfang des Jahres. Der Marienkäfer e. V. hat auch dort geholfen. „Markus und ich haben im Bus geschlafen“, erinnert sich Beck.
Anders als andere Vereine, die sich für Obdachlose und Bedürftige einsetzen, ist der Marienkäfer e. V. nicht nur im Winter während extremer Kältephasen aktiv. Beck zeigt wenig Verständnis dafür, wenn solche Hilfsfahrten nur bei Minusgraden stattfinden. „Die Leute haben doch auch, wenn’s warm ist, Hunger“, sagt sie und schüttelt den Kopf.
Nächster Halt: Königsplatz in München
Als der Bus am Königsplatz ankommt, warten schon Menschen. Manche gehen zielstrebig auf die offene Tür zu, als hätten sie schon länger gewartet. Andere bleiben vorsichtig auf Abstand. Ein Mann sagt zu Lehmann: „Wir kennen uns schon.“ Ein anderer schaut auf die überschaubare Schlange und meint: „Heute ist chillig.“ Die Ausgabe beginnt. Neben den zwei vollen Kisten mit Käse- und Wurstsemmeln sind große Töpfe voll mit warmen Suppen vorbereitet – einmal Kartoffel-Lauch-Suppe, einmal Curry. Am Ende des Abends wird fast alles weg sein. Trotzdem werden auch danach noch Menschen kommen, die nach etwas zu essen fragen.
Heute hat der Marienkäfer e. V. nichts Süßes mitgebracht. Keinen Kuchen, kein Gebäck. Die Ehrenamtlichen vermuten, dass beim Bäcker nichts übrigblieb, weil am Tag davor Feiertag war. Eine Frau mit dicker Hornbrille und rot-gelber Jacke fragt mit heruntergezogenen Mundwinkeln nach: „Auch kein Croissant?“ Es klingt, als sei nicht die fehlende Nachspeise das Problem, sondern die Hoffnung, die damit wegfällt. „Gott sei Dank habe ich mir beim Aldi noch was Süßes geholt“, sagt sie.
So funktioniert Twitch
Twitch ist eine Streaming-Plattform, auf der Inhalte in Echtzeit übertragen werden. Zuschauer können per Chat direkt reagieren und Kanäle finanziell unterstützen, etwa durch Abos, Spenden oder Bits, eine digitale Währung der Plattform. Bekannt wurde Twitch vor allem durch Gaming. Inzwischen nutzen aber auch Kulturschaffende, Vereine und soziale Projekte den Dienst. Beim Marienkäfer e. V. wird so sichtbar, wohin die Hilfe konkret geht.
Nicht alle, die zum Bus kommen, sehen so aus, wie man sich Armut vielleicht vorstellt. Manche wirken gepflegt, manche erschöpft, manche fordernd, manche fast unauffällig. Ein junger Mann humpelt heran. Neben mehreren Piercings ziert ein blaues Auge sein schlankes Gesicht. Seine Freundin stupst ihn mehrmals von der Seite an, hilft ihm beim Sprechen. Er freut sich, Beck zu sehen. „Diana, ich mag dich so sehr, weißt du das?“ Beck kennt viele von ihnen. Sie fragt nach der derzeitigen Wohnlage, nach Problemen, nach der nächsten Woche. Manchmal klingt sie liebevoll, manchmal streng – wie eine „Chaos-Mama“ eben.
Auch das gehört zu diesem Samstagabend: Grenzen setzen. Kleidung wird nur ausgegeben, wenn sie wirklich benötigt wird. Lehmann erklärt: „Manche fragen nach einer Jacke und wollen sich dann eine aussuchen. Daran merkst du, dass sie nicht wirklich eine Jacke brauchen, denn wenn es so wäre, würden sie einfach irgendeine nehmen.“ Viele Bedürftige stellen sich mehrmals in der Schlange am Königsplatz an. Einige von ihnen wollen gleich mehrere Portionen Suppe mitnehmen, für später, für die nächsten Tage. Menschlich ist das schon. Aber der Bus hat nur das, was im Bus ist – und was die Spenden von Twitch hergeben.

Vom Chat in den blauen Marienkäfer-Bus
Es sind eben jene Menschen aus der Twitch-Community, die den Verein am Leben halten. Manche kommen aus München, manche sind aus anderen Städten angereist. Mittlerweile sind schon 87 Unterstützer im Bus mitgefahren. Viele kennen sich zuerst nur aus dem Chat. Später stehen sie im Lager, kochen Suppen, schmieren Semmeln und räumen Kisten ein.
Auch Zoers wurde durch Twitch auf den Verein aufmerksam. Sie kommt aus der Nähe von Düsseldorf, doch für sie ist der Marienkäfer e. V. ein zweites Zuhause geworden. Deswegen fährt sie so oft es geht nach Markt Schwaben. Im Bus war sie zuletzt im Winter 2024 dabei. Damals fuhren sie noch zur Unterführung an der Theresienwiese. Wenn sie davon erzählt, werden ihre Augen glasig. Menschen hätten dort bei Minusgraden gelegen. „Da ist schon die ein oder andere Träne geflossen“, sagt Zoers. Lange konnte sie nicht mehr mitfahren, weil sie im Hintergrund den Livestream moderieren musste. Es hätten Menschen gefehlt, die den Job vernünftig machen, auf die man sich verlassen könne. Jetzt ist sie wieder im Bus – „endlich“.

Wenn aus Zuschauern auf Twitch eine Familie wird
Dass all das live auf Twitch übertragen wird, ist für den Verein längst mehr als ein Nebengeschäft. An diesem Tag feiert der Marienkäfer e. V. sein dreijähriges Partner-Jubiläum. Ein Meilenstein, denn Partner wird auf der Streaming-Plattform nicht, wer einfach nur eine Kamera einschaltet. Wer sich bewerben will, muss über einen längeren Zeitraum regelmäßig streamen und im Schnitt mindestens 75 Zuschauer erreichen. Außerdem prüft Twitch, ob hinter einem Kanal eine aktive Community steht. Für Grimm ist dieser Status deshalb mehr als ein digitales Abzeichen: Er ist der Beweis, dass aus ein paar Zuschauern eine Gemeinschaft von knapp 30.000 Menschen (Stand: Juli 2026) geworden ist, die den Verein bis heute trägt.
Was mit einem gewöhnlichen Auto und einer einfachen Kamera begonnen hat, ist zu einem ausgeklügelten technischen System aus Kameraperspektiven, Moderation und Spendenanzeigen geworden. Überall wird gezeigt, was passiert: im blauen Marienkäfer-Bus, in der Vereinsküche, im Lagerraum. Die Menschen, denen geholfen wird, werden im Livestream unkenntlich gemacht. Die Zuschauer auf Twitch sollen nicht die Bedürftigen beobachten können, sondern sehen, wohin ihre Spenden fließen. Das ist Vereinsgründer Grimm besonders wichtig. Laut ihm sei das auch der Grund, warum Menschen aus ganz Deutschland den in München ansässigen Marienkäfer e. V. unterstützen. „Hier hast du das Feedback, was mit deiner Kohle passiert“, sagt Grimm.
Der Vereinsgründer erzählt später, dass genau daraus etwas entstanden ist, womit er selbst nicht gerechnet hat. Am Anfang habe er Twitch kaum verstanden. Die wöchentlichen Livestreams sollten nur beweisen, dass der Verein wirklich unterwegs ist und den Menschen in Not hilft. Dann schrieb jemand im Chat, warum Grimm nicht mitlese, warum er nicht auf Nachrichten antworte. „Ich dachte, der Mann hat einen an der Batterie“, erzählt er. Heute nennt er die Community „Familie“.
Ein Bus für die Bedürftigen, „vollgestopft mit Liebe“
Grimm ärgert sich, wenn der Marienkäfer e. V. nur als „Obdachlosenbus“ betitelt wird. Nicht, weil die Hilfe auf der Straße unwichtig wäre, sondern weil für ihn dahinter noch eine andere Geschichte steckt. „Social Media kann so viel mehr“, sagt der Vereinsgründer. Mehr als Influencer, die teure Uhren oder Autos zeigen. Beim Marienkäfer e. V. sollen Menschen nicht nur spenden. Sie sollen sehen, mitfahren, mittragen. „Hier sammelst du sie und gibst sie mit aus“, erklärt Grimm.

Für die Ehrenamtlichen ist klar: Nicht alle Unterstützer haben selbst viel Geld. Trotzdem lassen sie ein Abo da, spenden, oder kommen gar für ein Wochenende angereist. Grimm meint, der Bus sei „vollgestopft mit Liebe“. Ein Satz, der schnell zu groß klingen könnte. Am Ende dieses Abends klingt er weniger nach Pathos als nach einer Beschreibung.
Kurz vor 22 Uhr laufen im Bus eigene Lieder. Wie vieles andere sind auch diese durch die Twitch-Community entstanden. Einige handeln von der Geschichte des Vereins, andere vom Zusammenhalt innerhalb der Marienkäfer-Familie. Grimm, Beck und die Vereinsmitglieder liegen sich in den Armen, schaukeln, singen mit – und der Chat ist live mit dabei. Noch bevor eines der Lieder zu Ende ist, geht Zoers kurz nach draußen, zündet sich eine Zigarette an, sammelt sich. Sie hat Tränen in den Augen, wirkt sichtlich mitgenommen. „Das wurde mir jetzt zu emotional.“ Doch genau das habe sie im Bus so schmerzlich vermisst.

Draußen bleibt München schön und teuer. Die Propyläen auf der Westseite des Königsplatzes liegen prachtvoll unter dem orangefarbigen Laternenlicht. Drinnen sind die Töpfe leer, die Semmeln weg, die Getränke alle. Nach 22 Uhr fährt der blaue Marienkäfer-Bus zurück ins Vereinsheim. Dort angekommen, endet der Stream. Die Armut nicht. (cln)