Sexuelle Nachrichten auf Tiktok: Minderjährige Judo-Schülerin wehrt sich

Die minderjährige Sofia möchte auf Tiktok einen Einblick in ihre Judo-Welt geben. Den Account betreibt sie zusammen mit ihrem Vater. Jetzt wehren sich die zwei gegen Sex-Nachrichten, die regelmässig eingehen.

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Sexuelle Nachrichten auf Tiktok: Minderjährige Judo-Schülerin wehrt sich

Publiziert2. September 2026, 19:54

Minderjährige Sofia«Es ist ekelhaft, wenn ältere Männer mir so Nachrichten senden»

Die minderjährige Sofia möchte auf Tiktok einen Einblick in ihre Judo-Welt geben. Den Account betreibt sie zusammen mit ihrem Vater. Jetzt wehren sich die zwei gegen Sex-Nachrichten, die regelmässig eingehen.

Anja Zingg

Darum gehts

  • Die minderjährige Sofia betreibt gemeinsam mit ihrem Vater Robert einen Tiktok-Kanal über ihren Judo-Alltag.
  • Regelmässig erhalten die zwei sexuelle Nachrichten von erwachsenen Männern – ein Aufklär-Video dazu erreichte 1,3 Millionen Aufrufe.
  • Kinderschutz Schweiz warnt vor den Risiken von Social Media und rät, die Altersfreigaben der Apps einzuhalten.

«Hey Süsse, du siehst echt hübsch aus, lass mal schreiben», liest Sofia in einem Video vor. Dann ist die Deutsche Sofia mit ihrem Vater zu sehen, der sagt: «Dieser Satz hat gerade ein erwachsener Mann an meine minderjährige Tochter geschrieben.» Mit diesem Tiktok wollen Vater und Tochter auf die privaten Nachrichten aufmerksam machen, die Sofia immer wieder bekommt. Das Video hat inzwischen 1,3 Millionen Aufrufe.

Begonnen hat alles, als Sofia vor über einem Jahr mit Judo begann. Für sie war damals klar: Sie möchte ihren Weg festhalten. «Ich wollte anderen Leuten meine Fortschritte zeigen. Auch, weil nicht immer alle an mich geglaubt haben.» Sofia hat früher Mobbing erlebt. Sie sagt, Judo habe ihr geholfen, sich stärker zu fühlen. «Das wollte ich mit anderen Menschen teilen.»

Vater war dagegen

Also fragte sie ihren Vater, ob sie Tiktok und Snapchat haben kann. Der war alles andere als begeistert, wie er im Gespräch mit 20 Minuten erzählt. Da Sofia jünger als 13 Jahre ist, darf sie laut Snapchat- und Tiktok-Richtlinien kein eigenes Profil erstellen. Für ihren Vater Robert war klar: «Snapchat kommt auf keinen Fall in Frage. Ich habe sehr viel Negatives über die Plattform gehört.»

Sofia und ihr Vater Robert wehren sich gegen die Nachrichten, die Sofia regelmässig bekommt. Sie beton

Sofia und ihr Vater Robert wehren sich gegen die Nachrichten, die Sofia regelmässig bekommt. Sie betonprivat

Er habe sich dann Tiktok runtergeladen und sich einige Monate mit der App auseinandergesetzt. «Dann haben wir Regeln ausgemacht: Die App war nur auf meinem Handy, wenn sie sie nutzte, war ich dabei. Sofia hat weder Nachrichten beantwortet noch Dinge gepostet, ohne dass wir sie vorab besprochen haben.» Dies habe von Anfang an gut funktioniert.

Sofia war zu Beginn skeptischer. «Zu Beginn fand ich es schon etwas doof, dass ich immer zu meinem Vater musste. Ich hätte mir gewünscht, dass ich die App auf meinem eigenen Handy haben kann.» Doch mit der Zeit habe sie die Sorgen ihres Vaters verstanden. «Ich habe halt bestimmte Videos gesehen, die nicht unbedingt für Kinder sind. Und dann sah ich den Sinn dahinter schon.»

User geblockt, Nachrichten gelöscht

Seit rund einem Jahr betreiben Vater und Tochter nun gemeinsam den Kanal. Von Anfang an immer wieder aufgetaucht: Nachrichten von älteren Männern. Papa Robert löschte die Nachrichten, blockierte die User und meldet sie je nachdem, ob es sich um Nachrichten mit sexuellem Inhalt handelte. «Irgendwann begann ich, Sofia die Texte vorzulesen und mit ihr zu besprechen.» Gewisse Messages wirken auf den ersten Moment harmlos, «aber auch da steckt Grooming dahinter», ist Robert überzeugt. (Siehe Box)

Das ist «Grooming»

Grooming bedeutet: Erwachsene gewinnen gezielt das Vertrauen von Kindern oder Jugendlichen, mit der Absicht, sie später sexuell auszunutzen. Oft geschieht das schrittweise – mit netten Nachrichten, Komplimenten, Geschenken oder Geheimnissen. Grooming kann im Internet, aber auch im persönlichen Umfeld passieren.

Sofia erzählt, dass sie es ekelhaft findet, wenn ältere Männer ihr solche Nachrichten schreiben. «Und es macht mich auch wütend und manchmal auch traurig. Weil ich weiss, dass ich nicht die Einzige bin, die solche Nachrichten bekommt.»

Die grosse Resonanz auf das Aufklär-Video hat Vater und Tochter überrascht. «Ich wusste, dass ganz viele junge Menschen auf Social Media solche Nachrichten bekommen», erzählt Robert. Viele Betroffene hätten sich gemeldet und ihnen gedankt, dass sie über das Thema berichteten. Was ihn schockiert habe: «Für viele junge Mädchen sind solche Nachrichten ganz normal. Sie denken gar nicht darüber nach, wie falsch es von den Erwachsenen überhaupt ist.»

Kritik von anderen Eltern

Nebst den allermeisten Stimmen, die positiv auf das Video reagiert haben, gab es auch einige kritische. Eine Person fand zum Beispiel, dass dies ja genau der Grund sei, warum junge Menschen kein Social Media haben sollen. Robert hält dagegen: «Ich glaube, ganz viele Kinder nutzen Tiktok und Co. heimlich und fühlen sich dann sehr alleine, wenn sie in eine überfordernde Situation kommen. Vielleicht trauen sie sich nicht, sich an die Eltern zu wenden, weil sie ja etwas Verbotenes getan haben. Die Kinder werden mit der Situation alleine gelassen.» Er betont jedoch auch: «Dieses System funktioniert für uns gut. Schlussendlich muss jede Familie ihren eigenen Weg finden, damit umzugehen.»

Viele Social-Plattformen sind erst ab 13 Jahren erlaubt.

Viele Social-Plattformen sind erst ab 13 Jahren erlaubt.Getty Images

Inzwischen haben Robert und Sofia ihre Regeln etwas angepasst. Sofia darf Tiktok auf ihrem Handy haben. «Ich vertraue ihr da und weiss, wenn sie eine Frage hat oder etwas ist, kommt sie zu mir», so Robert. Gepostet wird nach wie vor nur in Rücksprache mit ihm und Nachrichten beantworten sie meist gemeinsam.

«Wir bekommen immer noch Nachrichten von älteren Männern. Aber die Motivation der Videos war auch nicht, dass die Nachrichten aufhören. Wir wollten diesem Thema eine Plattform geben. Und ich denke, das ist uns gelungen.»

«Gefahren dürfen nicht unterschätzt werden»

Regula Bernhard Hug ist Direktorin von Kinderschutz Schweiz

Regula Bernhard Hug ist Direktorin von Kinderschutz SchweizSabine Haehlen

Frau Bernhard, was empfehlen Sie Eltern, deren Kinder Social Media haben möchten?

Wir raten, dass Kinder so spät wie möglich Zugang zu Social-Media-Plattformen haben. Auf jeden Fall sollte immer mindestens die Altersgrenze der jeweiligen App eingehalten werden. Auch wenn diese unserer Meinung nach noch häufig zu tief ist. Und wichtig: Es ist in Ordnung, dem Kind mitzuteilen, dass man eine App nicht erlauben will.

Besteht dann nicht die Gefahr, dass Kinder heimlich Social Media benutzen?

Doch, diese Gefahr besteht. Wichtig ist es, dem Kind zu erklären, warum man nicht möchte, dass es einen Account hat, und ihm die Risiken aufzuzeigen. Es gibt auch Fälle, wo Eltern das Profil ihrer Kinder im Blick behalten und die Jugendlichen dann heimlich einen Zweitaccount anlegen.

Was für Gefahren lauern für Kinder im Netz?

Wir sprechen hier generell von drei Risiken, welche nicht unterschätzt werden dürfen:

  • Privatsphäre: Im Netz kann man schnell zu viel von sich preisgeben. Das kann später im realen Leben negative Konsequenzen haben. Uns sind zum Beispiel Fälle von Identitätsdiebstahl bekannt.
  • Schutz: Die Gefahr, dass Jugendliche sexuellen Inhalten ausgesetzt sind, ist sehr gross. Ausserdem können Fotos oder Videos benutzt werden, um Deepfakes zu erstellen. Also gefälschte Bilder und Videos, die zum Beispiel auch gefälschtes, pädokriminelles Material zeigen können. Weiter sind viele Plattformen so aufgebaut, dass sie süchtig machen können.
  • Sicherheit: Man kann sich selber in der nicht-virtuellen Welt gefährden, weil man online zu viel preisgegeben hat. Zum Beispiel kann die Identität gestohlen werden.

Auf was soll geachtet werden, wenn ein Kind sein erstes Smartphone bekommt?

Die Eltern tragen heute die Verantwortung: Sie müssen daher das Gerät so einstellen, dass sie als Administrator Apps herunterladen und auch dort die Altersfreigabe checken können. Sollte das Kind Social-Media-Plattformen nutzen dürfen, soll offen besprochen werden, was gezeigt wird und die Risiken erklärt werden. Ausserdem können Eltern die Privatsphäreneinstellungen so einrichten, dass das Kind möglichst wenig Risiken ausgesetzt wird, zum Beispiel ein Profil nicht auf öffentlich stellen.

Wo finden Eltern und Betroffene Unterstützung?

Auf der Plattform Clichandstop.ch kann man sich beraten lassen. Eltern und Jugendliche finden eine Ansprechmöglichkeit und erhalten dort eine kostenlose und anonyme Beratung.

Hat dein Kind Social Media?

Ja, aber es ist älter als 13.

Ja, es ist jünger als 13.

Nein, sie sind jünger als 13.

Nein, obwohl sie älter als 13 sind.

Ich weiss es nicht.

Meine Kinder sind erwachsen.

Ich habe keine Kinder.

Anja Zingg

Anja Zingg (anz), arbeitet seit 2020 bei 20 Minuten. Sie ist seit Juni 2023 Leiterin des Ressorts Gesellschaft & Community.