„Es wird Leben ohne Ende entstehen“ – so sieht der Braacher Kiessee jetzt aus
StartseiteLokalesRotenburg / BebraRotenburg (an der Fulda)Stand: 07.08.2026, 20:30 UhrKommentareUns auf Google folgenWo in den vergangenen Wochen tausende Kubikmeter Bodenmaterial angeliefert wurden, entwickelt...
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Stand: 07.08.2026, 20:30 Uhr
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Wochenlang wurden am Braacher Kiessee Erdarbeiten durchgeführt. Das Bodenmaterial stammt zu 90 Prozent aus dem Edeka-Logistikzentrum in Malsfeld – und ist viele Millionen Jahre alt.
Braach – Bevor die Tour über den Braacher Kiessee beginnen kann, werden zwei kleine Boote gemeinsam bis ans Ufer getragen. Gummistiefel gehören an diesem Morgen zur Grundausstattung. In den vergangenen Wochen wurden hier rund 50.000 Kubikmeter Bodenmaterial eingebaut, um neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu schaffen (wir berichteten). Heinrich Wacker kennt sich hier aus wie kaum ein anderer. Der 69-Jährige aus Braach begleitet seit 35 Jahren Naturschutzprojekte dieser Art und ist von der Stadt Rotenburg mit der ökologischen Bauüberwachung am Kiessee beauftragt. Bürgermeister Marcus Weber, Christian Offer vom Fachbereich Bauordnung und Pressesprecherin Annika Ludwig zeigt er an diesem Mittwochmorgen die Ergebnisse des Naturschutzprojekts.

Noch ist die Luft angenehm. Doch je länger die Tour am Morgen über den See dauert, desto kräftiger brennt die Augustsonne. Immer wieder hält Wacker an, zeigt auf Vögel, Schilf, Fische oder Sandbänke. Für Außenstehende wirkt manches unscheinbar. Für ihn steckt hinter jeder Veränderung ein Plan. Die Geschichte des Braacher Kiessees beginnt jedoch viele Jahrzehnte früher.
Vom Badesee zum Sorgenkind
Entstanden ist der Braacher Kiessee in den 1960er- und 1970er-Jahren durch den Kiesabbau einer Kasseler Firma. Damals war das Wasser klar. Viele Menschen nutzten den See anschließend als inoffiziellen Badesee, erzählt Wacker. Doch künstliche Kiesseen verändern sich mit der Zeit. Nährstoffe, vor allem Phosphate, reichern sich im Sediment an. Das fördert das Algenwachstum, das Gewässer altert. Um die Jahrtausendwende verschlechterte sich die Wasserqualität zunehmend. Blaualgen breiteten sich aus. Schließlich wurde das Baden untersagt.
„Damals stellte sich erstmals die Frage: Was machen wir mit dem See?“, erzählt Wacker. Die Antwort war ein Naturschutzprojekt. Doch obwohl die Genehmigung dafür bereits seit über zehn Jahren vorliegt und eine Hinweistafel am See die geplante Entwicklung seit Jahren erklärt, fehlte lange das Entscheidende: geeignetes Bodenmaterial.
Erst der Bau des Edeka-Logistikzentrums in Malsfeld brachte die Wende. Rund 90 Prozent des insgesamt etwa 50.000 Kubikmeter umfassenden Bodenmaterials stammen von dort, ein kleiner Teil aus dem Tunnelbau bei Cornberg. Das Material aus Malsfeld sei rund 40 Millionen Jahre alt, erklärt Wacker. Der Buntsandstein aus Cornberg stamme sogar aus rund 200 Millionen Jahre alten Erdschichten. Beide Bodenmaterialien seien besonders nährstoffarm und über Millionen von Jahren vom Menschen unbeeinflusst geblieben. Genau diese Eigenschaften machten sie für die ökologische Entwicklung des Sees besonders wertvoll.

Flache Ufer statt tiefer See
Während das Boot langsam an einer neu entstandenen Flachwasserzone entlanggleitet, wird deutlich, worum es bei dem Projekt eigentlich geht. Tiefe Wasserbereiche von bis zu acht Metern habe der See schon immer genug gehabt, sagt Wacker. Gefehlt hätten die flachen Uferzonen. Gerade diese Bereiche zählen zu den artenreichsten Lebensräumen eines Gewässers. Röhricht, Schilf und Schwimmblattpflanzen bieten Laich-, Schutz- und Rückzugsräume für Fische, Amphibien und zahlreiche Insektenarten. Gleichzeitig nehmen sie Nährstoffe auf und tragen dazu bei, das ökologische Gleichgewicht des Sees zu stabilisieren. Wo Wasser und Land aufeinandertreffen, entstehen besonders vielfältige Lebensräume – entsprechend hoch ist dort die Artenvielfalt. Schon jetzt ist das Wasser nach Angaben Wackers deutlich klarer geworden. Phosphate seien durch den neu eingebauten Boden gebunden und dauerhaft im Sediment festgelegt worden.
Immer wieder zeigt er auf einzelne Bereiche. Dort entsteht eine Röhrichtzone, an anderer Stelle sollen sich Seerosen ausbreiten. Die kleine Sandinsel in der Seemitte soll künftig Vögeln als Brutplatz dienen. Im Wasser ragen bereits Ansitzwarten für Eisvögel aus der Oberfläche. „Es wird Leben ohne Ende entstehen“, sagt Wacker.

Die Natur kehrt zurück
Schon während der Führung zeigt sich, wie viel Leben der See bereits beherbergt. Schwäne, Reiherenten, Kormorane und Graureiher sind auf dem Wasser unterwegs, am Ufer haben Biber ihre Spuren hinterlassen. Erst einen Tag zuvor habe hier ein Fischadler Rast gemacht, erzählt Wacker. Im Herbst seien regelmäßig Silberreiher zu beobachten, gelegentlich sogar Nachtreiher. Künftig rechnet Wacker am Braacher Kiessee mit allen heimischen Entenarten, rund 25 Libellenarten, fünf verschiedenen Reiherarten und etwa 20 Fischarten – darunter Bitterlinge, Hechte, Zander, Barsche und Karpfen. Und auch unter Wasser verändert sich vieles. Teich-, Maler- und Schwanmuscheln leben hier, filtern das Wasser und sollen sich durch die verbesserten Bedingungen weiter vermehren.
Wer diese Entwicklung verfolgen möchte, soll sie künftig von einem überdachten Beobachtungsstand aus beobachten können. Wacker möchte dann auch Führungen für Interessierte anbieten. Nach den Wochen, in denen vor allem Lastwagen das Bild am Braacher Kiessee prägten, beginnt nun eine Entwicklung, die Jahrzehnte dauern wird. (Carolin Eberth)