Europas Angst vor dem hybriden Krieg

Der Drohnenvorfall in Leipzig, für den die deutsche Regierung nun offiziell Russland verantwortlich macht, hat Europa an seine Verwundbarkeit erinnert. Hybride Bedrohungen beunruhigen auch andernorts viele Menschen

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Europas Angst vor dem hybriden Krieg

Unter Druck

Europas Angst vor dem hybriden Krieg

Der Drohnenvorfall in Leipzig, für den die deutsche Regierung nun offiziell Russland verantwortlich macht, hat Europa an seine Verwundbarkeit erinnert. Hybride Bedrohungen beunruhigen auch andernorts viele Menschen

Florian Niederndorfer Gerald Schubert

Eine Sicherheitskraft in Schutzausrüstung kniet auf einem Flugfeld und hantiert mit Gegenständen. Neben ihm ein unbemanntes Hilfsfahrzeug, das offenbar zum Entschärfen von Sprengsätzen eingesetzt werden kann.
Spezialkräfte machten Anfang August den am Flughafen Leipzig entdeckten Sprengstoff unschädlich.

Zeitenwende, die Zweite: Der Tag, an dem Russlands hybrider Krieg Deutschland beinahe mit voller Wucht erwischt hätte, war ein flirrend heißer Sommerabend vor fünf Wochen.

Es war genau 19:29 Uhr am 4. August, als eine Überwachungskamera auf dem Flughafen Leipzig/Halle eine ungewöhnliche Flugbewegung registrierte. Eine Drohne steuerte auf eines der ukrainischen Antonow-Frachtflugzeuge zu, die seit 2022 dort parken.

Erst einmal sollte das unbemannte Fluggerät, das potenziell eine Katastrophe hätte entfachen können, unentdeckt bleiben. Die Bilder der Videokamera wurden erst ausgewertet, nachdem um 23:42 Uhr ein Busfahrer Alarm schlug.

In einer Dose nahe der abgestürzten Drohne entdeckten die herbeigeeilten Ermittler hochexplosiven Sprengstoff. Später wurde in der Nähe des Flughafens noch eine zweite Drohne entdeckt, die ebenfalls mit Sprengstoff versehen war.

Dass er nicht explodierte, sei dem Zufall geschuldet, sagt die deutsche Polizei. Oder aber: der amateurhaften Ausführung eines professionell geplanten Attentats. Wo die Profis sitzen, darauf wollte sich die deutsche Bundesregierung freilich erst einen Monat später festlegen: in Moskau.

Erdrückende Indizien

Zwar bleibt Berlin wirklich handfeste Beweise bis heute schuldig. Die Indizienkette, heißt es, sei aber erdrückend. "Russlands Führung tritt unserem Land mit offener Feindseligkeit entgegen", sagte Außenminister Johann Wadephul vergangene Woche bei einer aufsehenerregenden Pressekonferenz.

Bis vor kurzem hat sich der Krieg, den Russland gegen die Unterstützer der Ukraine in Europa führt, hauptsächlich im Verborgenen abgespielt, ohne dass die Öffentlichkeit allzu viel davon mitbekommt. Kurz gesagt: hybrid.

Seit Jahren setzen Russlands Geheimdienste oder ihre Handlanger offenbar alles daran, das Vertrauen der Deutschen in ihre Institutionen zu zersetzen: Fake News und Graffitis hier, verklebte Auspuffrohre mit Grünen-Wahlslogans und Drohungen gegen Rüstungsmanager da.

Auch diverse Drohnensichtungen über Bundeswehrstandorten und – erst vor einer Woche – ein Brandanschlag in der Nähe eines Münchner Rüstungsunternehmens werden dem Kreml zugeschrieben.

Meist sollen, so wie in Leipzig, sogenannte Wegwerfagenten dahinterstecken, die von Moskaus Geheimdiensten gegen Geld angeheuert werden, von der eigentlichen Mission aber wenig wissen. Gemeinsam haben die hybriden Angriffe vor allem eines: die Beweisführung ist schwierig.

Der Fall Leipzig zeigt jedoch, dass man im Kreml längst keine Skrupel mehr zu haben scheint, auch europäische Staatsbürger in Lebensgefahr zu bringen, um die Unterstützer der Ukraine unter Druck zu setzen.

Zwar stehe Deutschland nicht im Krieg mit Russland, betont die deutsche Regierung. Und trotzdem: So nahe wie an jenem 4. August ist der Krieg seit Jahrzehnten nicht mehr an die EU herangerückt.

Hotspot Narwa

Schauplatz Baltikum: Sollte aus dem kalten Krieg zwischen Russland und dem Westen eines Tages ein heißer werden, könnte er genau dort beginnen, sagen Fachleute. Zum Beispiel in Narwa.

Fast alle der 50.000 Einwohner der Industriestadt im äußersten Nordosten Estlands sind ethnische Russinnen und Russen. Sie gegen angebliche Diskriminierung durch die betont proukrainische Regierung in Tallinn zu "verteidigen", würde in das Drehbuch des Kreml passen.

Ein festungsartiges Gebäude an einem Fluss, an den Mauern sind Flaggen der EU und der Ukraine angebracht.
Die EU- und Nato-Außengrenze in der Stadt Narwa, im äußersten Nordosten Estlands. Auf der anderen Seite des gleichnamigen Flusses liegt Russland.

Auf der sogenannten Freundschaftsbrücke, die dort Estland mit Russland verbindet, stehen Panzersperren. Im Frühling proklamierte eine prorussische Onlinegruppierung die "Volksrepublik Narwa" und rief zu Sabotage auf. 2014 hatte Moskau in der Ukraine Separatisten dabei unterstützt, in Donezk und Luhansk sogenannte Volksrepubliken auszurufen.

In Estland, das zu den vehementesten Unterstützern Kyjiws gehört, fürchtet man, dass dieselbe Blaupause eines Tages auch auf eigenem Gebiet zur Anwendung kommen könnte.

Zerstörte Unterseekabel

Auch weiter im Westen, konkret in den Nato-Staaten Finnland und Norwegen, geht dieser Tage die Angst vor hybrider Bedrohung aus Russland um. Besonders im Fokus: die durch die Ost- und Nordsee verlaufenden Unterseekabel. Auch hier steht Moskau unter konkretem Verdacht, gezielt Sabotage zu betreiben.

Ende 2025 etwa setzten die finnischen Behörden ein russisches Frachtschiff fest, dessen Anker ein Kabel beschädigt hatte.

Geheimdienste halten Sabotageaktionen aber auch gegen Waffenlieferungen und Produktionsstätten für möglich. Als Motiv ortet Regierungschef Petteri Orpo Russlands Sorge vor weiterer Militärhilfe für die Ukraine.

In Schweden wurden GPS-Störungen auf der strategisch wichtigen Ostseeinsel Gotland Russland zugeschrieben. In Norwegen fürchtet man handfeste militärische Provokationen durch Putin. Konkret in Spitzbergen.

Die arktische Inselgruppe gehört zwar zu Norwegen, darf aber seit 1920 keine ständige Militärpräsenz beherbergen. Der Kreml betonte zuletzt auffällig vehement, dass man dies auch weiterhin nicht zulassen werde. Fachleute halten es für möglich, dass sich Moskau damit absichtlich einen Vorwand zurechtzimmert, um die Nato zu testen.

Migrationsdruck im Osten

Die baltischen Staaten Lettland und Litauen, vor allem aber das im Süden angrenzende Polen sehen sich auch auf andere Weise unter Druck gesetzt: Bereits im Sommer 2021 wurde dort erstmals eine steigende Zahl von Migrantinnen und Migranten aus Nahost und Nordafrika registriert, die über das mit Russland verbündete Belarus in die EU drängten.

Der Vorwurf: Belarus würde mit Unterstützung Moskaus die Menschen bis an die Grenze schleusen, um den Migrationsdruck auf Europa zu erhöhen.

Die Staaten reagierten mit der Errichtung meterhoher Grenzzäune. Immer wieder wurde seither von humanitären Krisen berichtet, von Menschen, die im autokratisch regierten Belarus oder im Grenzgebiet feststeckten.

Ein uniformierter und schwer bewaffneter Genzschützer überwacht eine mit Stacheldraht befestigte Grenze.
An Polens streng bewachter Grenze zu Belarus.

Aus der EU kam von Anfang an heftige Kritik am belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko: Dieser missbrauche "Migranten als Waffe".

Die Sorge dauert weiter an: Lettlands Behörden haben erst im August Tunnel entdeckt, durch die Migrantinnen und Migranten in das EU- und Nato-Land gelangen konnten. Es sei "schlicht unmöglich, solche Tunnel zu bauen, ohne dass Belarus davon Kenntnis hat", hieß es vonseiten der lettischen Behörden.

Moldau im Fokus Moskaus

Besonders verwundbar fühlt sich freilich die – ebenfalls einst zur Sowjetunion gehörende – Republik Moldau, knapp 1000 Kilometer weiter im Süden. Das kleine Land zwischen Rumänien und der Ukraine ist weder in der Nato noch in der EU. Militärisch neutral möchte es auch weiterhin bleiben, es strebt aber einen EU-Beitritt an.

Das Referendum über den EU-Kurs im Jahr 2024 ergab ein denkbar knappes Ja. Die prowestliche Führung des Landes und Geheimdienste berichteten aber von massiver Einflussnahme vonseiten Moskaus und Russland-naher Oligarchen.

Immer wieder klagte Moldau zuletzt über Luftraumverletzungen durch russische Drohnen und Angriffe auf seine Grenzübergänge zur Ukraine. Erst am Dienstag wurde laut Aussage des norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre ein Flugzeug mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj an Bord beim Start in Moldau beinahe von einer Drohne getroffen.

Viele sorgen sich zudem, dass die prorussisch verwaltete separatistische Region Transnistrien im Osten Moldaus, in der auch russische Soldaten stationiert sind, ein Einfallstor für Moskaus Interessen sein könnte.

Die bereits Anfang der 1990er-Jahre im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion ausgerufene, international nicht anerkannte "Republik" Transnistrien grenzt im Unterschied zu den ostukrainischen "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk nicht an Russland. Dennoch bleibt die Region ein geopolitischer Hotspot – und ein möglicher Klotz am Bein Moldaus auf seinem Weg nach Europa. (Florian Niederndorfer, Gerald Schubert, 12.9.2026)

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