Evanescence in der Festhalle: Viel Pathos, wenig Neues

StartseiteKulturMusikStand: 20.09.2026, 14:03 UhrKommentareUns auf Google folgenSängerin Amy Lee. © IMAGO/Mike Gray / MIKE GRAY - B4227 / AvalonEvanescence spielten in der annähernd ausverkauften Frankfurter Fe...

  • 3 min read
Evanescence in der Festhalle: Viel Pathos, wenig Neues

Stand: 20.09.2026, 14:03 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Evanescence in der  Leeds Arena

Sängerin Amy Lee. © IMAGO/Mike Gray / MIKE GRAY - B4227 / Avalon

Evanescence spielten in der annähernd ausverkauften Frankfurter Festhalle. Amy Lee beherrscht die Bühne – doch der Kritiker urteilt vernichtend über die Musik.

Schaut man sich Bilder der jungen Amy Lee an, der Sängerin von Evanescence, scheint die Aufmachung auf Gothic zu verweisen. Doch das trügt, mit klassischen Gothic-Bands wie Bauhaus, The Cure, Siouxsie and the Banshees oder The Sisters of Mercy hat die Musik des aus Little Rock, Arkansas stammenden Quintetts nichts gemein. Gelabelt werden sie gemeinhin unter „Nu Metal“ oder auch dem verwaschenen Begriff „Alternative“, der eine DIY-Haltung und eine Independent-Credibility suggeriert.

Äußerlich betrachtet wirkt vieles gar nicht „Nu“, sondern ziemlich metal-klassisch beim Konzert im Zuge ihrer derzeitigen Tour in der annähernd ausverkauften Frankfurter Festhalle. Angefangen beim pompösen Auftrittsintro mit der sich – Jubel! Jubel! – zu einer schräg anhebenden Bühne bis hin zu den Posen der Musikerinnen und Musiker– mit Emma Anzai findet sich seit 2022 eine zweite Frau in der ansonsten seit Mitte der Nullerjahre stabilen Besetzung um die Gitarristen Tim McCord und Troy McLawhorn sowie Will Hunt am Schlagzeug. Erst mal ein paar Kracher, alsbald die erste Ballade – so macht man‘s im Metal. Und später beschwört Amy Lee eine haltgebende Kraft der familiären Gemeinschaft von Band und Fans. Was das Design der Show anlangt, ist der zurückhaltende Gebrauch der pyrotechnischen Effekte zu loben, der sich erfreulich von dem bei Shows dieser Dimension verbreiteten besinnungslos-stereotypen Geballere mit Feuersäulen abhebt.

Schaurig abgeschmackt

Entschieden ist die Show auf Amy Lee ausgerichtet, die Evanescence Ende der neunziger Jahre gemeinsam mit dem Multiinstrumentalisten Ben Moody als Duo gegründet hat, der kurz vor dem Durchbruch mit dem 2003 erschienenen Debütalbum „Fallen“ ausgestiegen ist. Mögen auch bei manch anderer Band im Metal die Sänger – nach wie vor vorwiegend Männer – mit den Jahren wechseln, Evanescence ohne Lee kann man sich schwerlich vorstellen. Nicht wenige Balladen führt die Band im Repertoire, für etliche setzt sich Lee an einen Flügel. Da wird dann auch für einen Moment die ansonsten vorherrschende Stetigkeit des Hymnischen aufgebrochen. Auch das jüngste Album „Sanctuary“ – die Songs davon finden sich annähend vollständig im Konzertrepertoire wieder – bringt in dieser Hinsicht nichts Neues.

Mit mächtiger Theatralik singt Amy Lee – die langen schwarzen Haare sind das einzige explizite Überbleibsel des einstigen Gothic-Looks - immer wieder von Krisen und Traumata und deren Überwindung. Exemplarisch dafür steht „Bring Me to Life“ (2003), der größte Erfolg: die neue Liebe als Heilmittel gegen die Blessuren aus einer zehrend unguten Erfahrung. Politisch positioniert hat sich die Band lange Zeit nicht, seit einigen Jahren jedoch engagiert Lee sich gegen den Autoritarismus; der Refrain „They don’t give a damn about us!“ gilt erklärtermaßen Trump.

Mag auch Amy Lee eine in ihrer Art eindrückliche Erscheinung sein – die Inszenierung der großen Gefühle im krachig-lärmenden Umfeld bleibt schaurig abgeschmackt und die Musik eintönig. Obendrein wirkt sie wie vollends aus der Zeit gefallen.