Italien will die Zeitumstellung beenden: Der Plan für dauerhafte Sommerzeit kommt in Fahrt, doch Brüssel bremst
StartseiteWirtschaftEwige Sommerzeit statt Uhrendrehen: Italien macht Druck in Brüssel – doch Europa ist sich uneinigStand: 16.10.2026, 08:14 UhrKommentareUns auf Google folgenItalien will die Zeitumstellung be...
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Ewige Sommerzeit statt Uhrendrehen: Italien macht Druck in Brüssel – doch Europa ist sich uneinig
Stand: 16.10.2026, 08:14 Uhr
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Italien will die Zeitumstellung beenden und dauerhaft Sommerzeit einführen. Wie viel Energie das spart und warum Mediziner uneins sind.
Rom – Während sich die Italiener darauf vorbereiten, in der Nacht von Samstag (24. Oktober) auf Sonntag (25. Oktober) die Uhren erneut zurückzustellen, nimmt in der Abgeordnetenkammer eine politische Initiative Gestalt an, die diesen Handgriff endgültig überflüssig machen soll. Italien will in Europa im Kampf für eine dauerhafte Sommerzeit vorangehen und fordert Brüssel auf, eine seit sieben Jahren blockierte Reform voranzubringen. So soll der Weg für einen Versuch geebnet werden, bei dem die Uhren auch im Winter eine Stunde vorgestellt bleiben. Dies ist das Ziel des am 15. Oktober vorgelegten Entschließungsantrags, der zusammen mit den Ergebnissen der im vergangenen März vom Ausschuss für Wirtschaftstätigkeiten eingeleiteten parlamentarischen Untersuchung vorgestellt wurde.
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Dieser Artikel von Massimiliano Jattoni Dall’Asén entstand in Kooperation mit Corriere della Sera.
Dieser Fortschritt bedeutet allerdings nicht, dass die Abschaffung der Zeitumstellung unmittelbar bevorsteht: Dafür braucht es eine europäische Einigung. Der Vorschlag geht auf eine Initiative der Italienischen Gesellschaft für Umweltmedizin (Sima), der Verbraucherschutzorganisation Consumerismo No Profit und des Lega-Abgeordneten Andrea Barabotti zurück, der die parlamentarische Untersuchung angestoßen hatte. Unterstützt wird er auch durch eine Onlinepetition, die nach Angaben der Organisatoren fast 360.000 Unterschriften gesammelt hat. Am 11. März hatte der Ausschuss grünes Licht für die Untersuchung gegeben und Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, Ärzte, Energieexperten und Vertreter der Produktionsbranchen zum Austausch eingeladen. Der Abschlussbericht wurde am 1. Oktober einstimmig verabschiedet.

Nun legt Barabotti demselben Ausschuss einen Entschließungsantrag vor, um fraktionsübergreifende Zustimmung zu gewinnen und die Regierung aufzufordern, sich auf europäischer Ebene für die dauerhafte Sommerzeit einzusetzen. Einigkeit besteht darüber, das derzeitige System mit zwei Zeitumstellungen jährlich zu überwinden, nicht jedoch über die Alternative. Hier setzt die Politik an: Der Antrag fordert die Regierung auf, in den europäischen Gremien die Wiederaufnahme der Verhandlungen zur Abschaffung der saisonalen Zeitumstellung voranzutreiben und für Italien ausdrücklich die dauerhafte Sommerzeit zu unterstützen. Zudem sollen die Untersuchungsergebnisse nach Brüssel übermittelt und ein möglicher europäischer Versuch unterstützt werden, begleitet von einer Beobachtung der Auswirkungen auf Gesundheit, Wirtschaft und Energieverbrauch. Bei der Pressekonferenz wird außerdem ein nationaler Koordinierungsausschuss vorgestellt, der die Initiative auf EU-Ebene unterstützen soll.
Wie viel Energie die dauerhafte Sommerzeit sparen könnte
Eines der Argumente für den Vorschlag betrifft die Energie. Nach den im Entschließungsantrag angeführten Schätzungen von Terna ermöglichen die derzeitigen sieben Monate Sommerzeit Einsparungen von rund 302 Millionen Kilowattstunden. Bei einer Ausweitung auf die Wintermonate könnten weitere 160 Millionen hinzukommen, womit sich die Gesamtersparnis auf rund 462 Millionen Kilowattstunden jährlich belaufen würde. Das ist eine beträchtliche Menge, auch wenn der zusätzliche Vorteil gegenüber dem heutigen Zustand nur einen kleinen Bruchteil des landesweiten Stromverbrauchs ausmachen würde.
Dabei fängt man nicht bei null an: Zwischen 2004 und 2025 hat Italien nach Angaben von Terna durch die Sommerzeit mehr als zwölf Milliarden Kilowattstunden eingespart, was rund 2,3 Milliarden Euro entspricht. Der energetische Vorteil ist allerdings mit der Verbreitung von Energiesparlampen und effizienteren Technologien nach und nach geschrumpft. Gerade über das Ausmaß der künftigen Vorteile gehen die Einschätzungen der Fachleute auseinander.
Doch es geht nicht nur um die Stromrechnung. Eine zusätzliche Stunde Tageslicht am späten Nachmittag könnte dem Handel, der Gastronomie und dem Tourismus zugutekommen und dafür sorgen, dass öffentliche Räume stärker genutzt werden. Außerdem böte sie mehr Möglichkeiten, sich nach der Arbeit im Freien zu bewegen. Dabei handelt es sich allerdings um potenzielle Vorteile, deren tatsächliches Ausmaß erst überprüft werden müsste.
Dunklere Morgenstunden und unterschiedliche wissenschaftliche Einschätzungen
Es gibt nämlich auch eine Kehrseite: Die Sommerzeit im Winter beizubehalten bedeutet nicht, dass die Tage länger werden, sondern dass eine Stunde Tageslicht vom Morgen auf den Abend verlagert wird. In einigen italienischen Städten wäre der Unterschied besonders deutlich. Nach den Berechnungen der parlamentarischen Untersuchung würde die Sonne zur Wintersonnenwende in Turin um 9.04 Uhr aufgehen, in Mailand um 9 Uhr, in Rom um 8.34 Uhr und in Neapel um 8.23 Uhr. Für viele Schüler und Berufstätige hieße das, den Tag zu beginnen, wenn es draußen noch dunkel ist.
Vor allem an diesem Punkt gehen die wissenschaftlichen Einschätzungen auseinander. Es besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass die beiden saisonalen Zeitumstellungen abgeschafft werden sollten, weil sie den Schlaf und den biologischen Rhythmus beeinträchtigen können. Ein Teil der Schlafmediziner hält jedoch eine ganzjährige Normalzeit für die bessere Lösung, weil das Morgenlicht die Synchronisierung der inneren Uhr fördert. Befürworter der dauerhaften Sommerzeit betonen dagegen die Vorteile des längeren Tageslichts am Nachmittag für das gesellschaftliche Leben und Aktivitäten im Freien. Die Zeitumstellung abzuschaffen und sich für eine dauerhafte Sommerzeit zu entscheiden, ist also nicht zwangsläufig dasselbe.
Schließlich bleibt die schwierigste Hürde: die europäischen Regeln. Bei einer öffentlichen Konsultation der Europäischen Kommission im Jahr 2018 gingen rund 4,6 Millionen Antworten ein; 84 Prozent der Teilnehmer sprachen sich für die Abschaffung der saisonalen Zeitumstellung aus. Im März 2019 billigte das Europäische Parlament in erster Lesung einen Richtlinienvorschlag, der den Mitgliedstaaten die Wahl zwischen dauerhafter Sommerzeit und dauerhafter Normalzeit gelassen hätte. Doch die Verhandlungen gerieten im Rat der Europäischen Union ins Stocken, weil die Regierungen keine Einigung fanden.
Ohne europäische Einigung bleibt die Zeitumstellung
Es gilt, einen Flickenteppich unterschiedlicher Uhrzeiten zu vermeiden, der Verkehr, Bahnverbindungen, Logistik und wirtschaftliche Aktivitäten zwischen Nachbarländern erschweren würde. Deshalb setzt der italienische Entschließungsantrag auf eine abgestimmte Lösung und verweist auf einen wichtigen Vorstoß: 2025 schlug die polnische EU-Ratspräsidentschaft einen zweijährigen europaweiten Versuch mit dauerhafter Sommerzeit vor, allerdings ohne eine Einigung zu erreichen. Auch Spanien hat die Forderung nach einer Abschaffung der saisonalen Zeitumstellung erneut aufgegriffen, während das Thema wieder in den Fokus der EU-Institutionen gerückt ist.
Eine neue, von Brüssel in Auftrag gegebene Studie, die im vergangenen Februar begonnen wurde, soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein und könnte einen Anlass bieten, die Debatte wieder aufzunehmen. Italien kann jedoch nicht allein vorgehen: Die derzeit geltende Richtlinie schreibt die saisonale Zeitumstellung vor und sieht auch für einen nationalen Versuch keine Ausnahmen vor. Zunächst müssten die europäischen Regeln geändert oder eine gesonderte Rechtsgrundlage geschaffen werden.
Vorerst ändert sich also nichts. In wenigen Tagen, am Sonntag, 25. Oktober, werden die Uhren um drei Uhr morgens auf zwei Uhr zurückgestellt. Wir gewinnen eine Stunde Schlaf und verlieren eine Stunde Tageslicht am späten Nachmittag. Was der Entschließungsantrag infrage zu stellen versucht, ist die Annahme, dass dies auch künftig weiterhin zweimal im Jahr geschehen muss.