Berufungsprozess gegen Vincenz: Das war der erste Prozesstag

Ex-Banker vor Gericht Das war der erste Prozesstag im Fall Vincenz Teilen ...

  • 3 min read
Berufungsprozess gegen Vincenz: Das war der erste Prozesstag

Ex-Banker vor Gericht Das war der erste Prozesstag im Fall Vincenz

Teilen

Der Fall um den ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz wird erneut verhandelt. Seit heute beschäftigt sich das Zürcher Obergericht mit dem Berufungsverfahren gegen Vincenz und sechs weitere Angeklagte. SRF-Wirtschaftsredaktorin Isabel Pfaff erklärt, wie der Auftakt verlaufen ist und warum sich das Verfahren noch lange hinziehen könnte.

Isabel Pfaff

Wirtschaftsredaktorin

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Isabel Pfaff ist seit Juni 2024 SRF-Wirtschaftsredaktorin. Vorher arbeitete sie fünf Jahre als Schweiz-Korrespondentin für die «Süddeutsche Zeitung».

Wie ist der erste Prozesstag verlaufen?

Es gab zunächst viel Rummel um Pierin Vincenz, den man lange nicht in der Öffentlichkeit gesehen hatte. Der ehemalige Raiffeisen-Chef trat ähnlich auf wie beim ersten Prozess: relativ gut gelaunt und offen. Inhaltlich verlief der Tag ruhig. Es ging ausschliesslich um sogenannte Vorfragen. Fast alle der sieben Angeklagten stellten dabei das Verfahren grundsätzlich infrage.

Die Vorwürfe gegen Pierin Vincenz

Box aufklappen Box zuklappen

Pierin Vincenz und sein Geschäftspartner Beat Stocker sollen sich heimlich an Firmen beteiligt haben, die später unter anderem von Raiffeisen gekauft wurden. Damit hätten Vincenz und Stocker Millionen verdient. Zudem wirft die Anklage Vincenz Spesenexzesse vor. Das Zürcher Bezirksgericht verurteilte Vincenz 2022 wegen Betrugs, ungetreuer Geschäftsbesorgung und passiver Bestechung zu drei Jahren und neun Monaten Haft. Weil er das Urteil weiterzog, wird der Fall nun vor dem Zürcher Obergericht erneut verhandelt.

Was kritisieren die Verteidiger?

Vincenz und die meisten anderen Beschuldigten machen geltend, dass ein Teil der Vorwürfe mittlerweile verjährt und der Prozess deshalb einzustellen sei. Es gab auch die Kritik, dass die Verfahrensakten unvollständig seien, weil es neue Beweise gebe. Auch die Staatsanwaltschaft wurde erneut heftig angegriffen: Ein Anwalt bezeichnete die Anklageschrift als nichtig, weil die Staatsanwaltschaft sie vorab einem externen Gutachter gezeigt hat.

Zwei ältere Männer in Anzügen, die nebeneinander gehend lächeln, vor einem grauen Auto und grünen Bäumen.
Legende:

Die Kritikpunkte sind mehrheitlich nicht neu, aber sie zeigen laut Pfaff: «Die Verteidiger versuchen, den Prozess so gut es geht aufzuhalten oder sogar platzen zu lassen.» Im Bild: Pierin Vincenz (r.) und sein Anwalt Lorenz Erni.

KEYSTONE/Urs Flueeler

Warum ist das öffentliche Interesse so gross?

Zum einen sind die Ausmasse des Verfahrens gigantisch: sieben Angeklagte, eine fast 400 Seiten lange Anklageschrift und Millionensummen. Zum anderen geht es um die Frage, wie weit Spitzenmanager gehen dürfen. Bei Vincenz kommt hinzu, dass er ja als bodenständiger Ausnahmebanker galt, als Gegenstück zu den glatten «Paradeplatz-Typen». Als ihm dann plötzlich vorgeworfen wurde, sich rechtswidrig bereichert und Unsummen an Spesen ausgegeben zu haben, war das schlicht ein sehr tiefer Fall.

Bei diesem Fall steht auch die Arbeit der Zürcher Justiz in der Kritik. Eine Beschwerde ist hängig, das Bundesgericht muss klären, ob es schwere Verfahrensfehler gab. Was bedeutet das für den Prozess vor dem Obergericht?

Über dem Verfahren schwebt ein Schatten. Es zieht sich ohnehin schon seit rund acht Jahren hin. Und auch das jetzige Berufungsverfahren könnte noch platzen: Gibt das Bundesgericht den Beschwerdeführern recht, müssten die Ermittlungen womöglich nochmals von vorne beginnen. Das würde das Ganze nochmal unglaublich in die Länge ziehen.

Älterer Mann in einem Anzug mit einer Tasche geht entlang einer Steinwand.
Legende:

Nach langen Ermittlungen und dem Urteil des Bezirksgerichts 2022 landete der Fall Vincenz beim Obergericht. Doch auch das Berufungsverfahren könnte noch platzen. (10.08.2026)

KEYSTONE/Urs Flueeler

Wann ist mit einem Urteil zu rechnen?

Geplant sind nun noch neun Verhandlungstage. Als Nächstes beginnt die Beweisaufnahme, voraussichtlich mit der Befragung von Pierin Vincenz. Danach folgen die Plädoyers. Dann zieht sich das Gericht zur Urteilsfindung zurück. Bis zum Urteil können laut Obergericht Wochen oder Monate vergehen. Beobachter rechnen zudem damit, dass der Fall ans Bundesgericht weitergezogen wird.

Echo der Zeit, 10.08.2026, 18 Uhr ;  srf/harm;hosb