Ex-Finanzchef wird kaufmännischer Vorstand im Kloster Gnadenthal
Jens Heuser hat seinen Geschäftsführerposten aufgegeben und leitet seit 1. April die Verwaltung des Klosters Gnadenthal. Dort kümmert er sich um 50 Mitarbeiter, Finanzen und auch um Fledermäuse im Kirchturm.
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Stand: 07.09.2026, 19:03 Uhr
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Jens Heuser hat seinen Geschäftsführerposten aufgegeben und leitet seit 1. April die Verwaltung des Klosters Gnadenthal. Dort kümmert er sich um 50 Mitarbeiter, Finanzen und auch um Fledermäuse im Kirchturm.
Weilrod/Gnadenthal – So manches Mal gibt es im Leben Situationen, in denen sich, vollkommen unverhofft, neue Wege auftun. So auch für Jens Heuser, den ehemaligen (und jetzt stellvertretenden) Vorsitzenden des Haupt- und Finanzausschusses Weilrod. Er wurde dazu eingeladen, ins Kloster zu gehen. Genauer gesagt, Verwaltungschef in einem Kloster zu werden. Heuser sagte zu und ist seit 1. April kaufmännischer Vorstand im Kloster Gnadenthal.
Leben mal anders
Vielleicht denkt sich der eine oder andere, dass das ganze Modell und die Lebensweise der Menschen in Gnadenthal heutzutage vielleicht altbacken, ja sogar weltfremd sind. Doch das Gegenteil ist der Fall. Da, wo sich früher eine Großfamilie um die Belange Einzelner kümmerte, bietet nun eine solche bewusste Lebensgemeinschaft Halt und Gemeinschaft. Hier ist der eine für den anderen da. Und ein solches Konzept wird für viele Menschen in der heutigen Zeit immer attraktiver. Alle Bewohner der Kommunität haben sich bewusst für das Zusammenleben entschieden, und sie alle bestreiten ihren Lebensunterhalt selbst. Zudem stehen sie alle mit beiden Beinen fest auf der Erde. Sie alle verfolgen das Weltgeschehen und bringen dieses auch in ihre Fürbitte vor Gott ein, gehen jedoch auch mal tanzen, ins Kino, ins Theater oder feiern miteinander. Aber es gibt hier eben auch einen großen geistigen Aspekt – nämlich Gott, Jesus Christus und den Heiligen Geist – der hier gepflegt wird und der Inbegriff des täglichen Lebens der Lebensgemeinschaft ist.
Kloster Gnadenthal liegt im gleichnamigen Ort Hünfelden-Gnadenthal, in der Nähe von Bad Camberg, und war ein im Jahr 1235 gegründetes Zisterzienserkloster. Nach mehreren Jahrhunderten der Nutzung als Hofgut wurde das alte Kloster 1969 zu neuem Leben erweckt. Die Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert und das Äbtissinnenhaus aus dem 16. Jahrhundert sind immer noch erhalten und können besichtigt werden. Am Dorfplatz laden eine Buchhandlung, in der regelmäßig Lesungen, Konzerte und Vorträge stattfinden, und ein Café zum Verweilen ein.
Eine besondere Lebensgemeinschaft
Das Kloster ist Heim einer ökumenischen Lebensgemeinschaft, der Jesus-Bruderschaft. Sie besteht aus einer zölibatär lebenden Bruderschaft und Schwesternschaft sowie einem Familienzweig mit Kindern. Diese leben gemeinsam miteinander, pflegen die Tradition von Orden und Klöstern, in denen gearbeitet, gebetet, geredet, gelacht und gemeinsam gesungen wird. Ferner kommen auch viele Gäste nach Gnadenthal, übernachten dort in einem der Gästehäuser wie dem Haus der Stille oder machen „Kloster auf Zeit“, eine Zeit, in der sich Menschen freiwillig zur Sinnfindung ins Kloster zurückziehen. Zudem finden viele Freizeiten im Jugendgästehaus (Nehemia-Hof) des Klosters statt. Hinzu kommen Stallungen für Tiere, in denen umweltpädagogische Schulungen für Schüler stattfinden. Etwa 80 Personen leben in Gnadenthal, fast alle sind Teil der Jesus-Bruderschaft. Neben Immobilien in Gnadenthal besitzt die Jesus-Bruderschaft noch eine Immobilie in Israel, ist aber mit anderen Ablegern der Bruderschaft in Volkenroda, Hennersdorf und Kamerun verbunden.
Für die Organisation all dessen gibt es einen entsprechenden Verein – eben dessen einer der Vorständler Heuser seit April ist. Dieser Verein verwaltet den gesamten Grundbesitz, das Personalwesen und die Buchhaltung, aber auch die Spenden für die Jesus-Bruderschaft. Dass der 55-Jährige jetzt dort arbeitet, bedeutet natürlich nicht, dass er auf einmal Mönch geworden ist. Die gibt es in Gnadenthal nicht. Das Analogon dazu wird als Brüder der Jesus-Bruderschaft bezeichnet, ebenso wie die Schwestern früher wohl als Nonnen bezeichnet worden wären. Sie alle leben in einem Schwestern- oder Brüderhaus.
Nein, für Heuser ist es ein Job, allerdings eben nicht irgendeiner, sondern etwas, „das sinnstiftend ist, so wie ich es mir immer gewünscht habe, wenn die Kinder aus dem Haus sind und dieses abbezahlt ist“, betont er mit einem schalkhaften Grinsen. Dafür hat er seinen bisherigen Geschäftsführerposten an den Nagel gehängt und ist beruflich nach Gnadenthal gewechselt.
Vielfältige Arbeit
Der Emmershäuser sorgt als hauptamtlicher kaufmännischer Vorstand nun dafür, dass die Geschäfte des Vereins ordentlich laufen. Der 55-Jährige ist dort im Einsatz, wo es um dessen Finanzen, die wirtschaftlichen Belange oder aber Investitionen für die Erhaltung der Gebäude geht. Dazu kommt, dass er sich ebenfalls darum kümmert, wenn Mitarbeiter bei ihm das Herz ausschütten wollen, oder anderswo auf dem Klostergelände der Schuh drückt, eine App auf einem Handy zu installieren ist, eine Maschine ausfällt oder aber ganz schnöde ein Finanzbericht zu schreiben ist.
Allerdings halte der Job auch einige Überraschungen bereit, bekennt er. Wie in dem Fall, als plötzlich eine normalerweise friedlich vor sich hin schlafende Fledermauskolonie aus dem Dachstuhl ins Kircheninnere gezogen ist, weil es ihnen in den vergangenen Tagen im hoch aufragenden Gebilde offensichtlich doch zu heiß geworden war. Hier mussten Heuser und Kollegen Gespräche mit dem Nabu führen, was dazu führte, dass sich der Verein schließlich Platten anschaffte, die deutlich tiefer im Turm montiert wurden und ganz offensichtlich kühlere Hotelzimmer für die nachtaktiven Flatterer darstellten.
Insgesamt 50 hauptamtliche und zahlreiche weitere ehrenamtliche Mitarbeiter, beschäftigt der Verein. Neben Heuser sind noch der evangelische Pfarrer Thomas Drumm als theologischer Vorstand sowie zwei ehrenamtliche Vorstandskollegen, Bernhard Kießig und Christina Schlösser, die beide aus der dort wohnenden Lebensgemeinschaft stammen, mit von der Partie. Die Quadriga entscheidet gemeinsam, in welche Richtung sowohl Verein als auch Kloster steuern, immer in Absprache mit dem Aufsichtsrat.
Auch wenn das, was auf Heuser in seinem neuen Job zukommt, vielfältig klingt – so weit weg sei das gar nicht von seiner Arbeit im Haupt- und Finanzausschuss der Gemeinde Weilrod, findet er. Denn bei beidem sei die Aufgabe, verantwortungsvoll mit dem Gut anderer umzugehen. Und in beiden Fällen gehöre das verwaltete Geld jeweils anderen.
Andererseits gebe es auch im Kloster eine Delegiertenversammlung, einen Aufsichtsrat und einen Vorstand, also Gremien, die denen der Kommunalpolitik sehr ähnlich seien. Denn auch im Kloster fassten Vertreter unterschiedlicher Bereiche (entsprechend den Bürgern) gemeinsam Beschlüsse, der Aufsichtsrat beschließt, kontrolliert und berät analog zur Gemeindevertretung, und der Vorstand erledigt genauso wie der Gemeindevorstand das operative Geschäft. „Kernelemente sind auch hier Mehrheitsfindung und Kompromissfähigkeit“, betont Heuser, all dies, was auch in Gremien in einer Gemeinde an der Tagesordnung ist.
Richtiger Ort zur richtigen Zeit
Persönlich empfindet sich der 55-Jährige genau am richtigen Ort zur richtigen Zeit. „Bereits nach den ersten Gesprächen habe ich in mir gemerkt: Ja, das passt alles für mich. Ich habe anschließend mit meiner Frau, den Kindern und dem Umfeld gesprochen, und die haben mir alle zugeredet, diesen Schritt zu wagen“, sagt er. Wichtig für diesen Sprung ins kalte Wasser war für den Emmershäuser auch noch der Aspekt, dass er mit dieser Arbeit eine dem Gemeinwohl verpflichtete, sinnvolle und vor allem tiefgründige Tätigkeit angenommen habe, die weit über das hinausgehe, was ein stinknormaler Vorstandsjob tue. Und die habe er hier gefunden, sagt Heuser mit einem Lächeln.
Auch glaubenstechnisch sei dieser Wechsel für ihn eine konsequente Weiterentwicklung. Der gebürtige Hasselbacher sei zeitlebens bekennender, praktizierender Katholik gewesen und habe nun die Gelegenheit, sich öfter als bisher mit Glaubensthemen auseinanderzusetzen – denn der Glaube ist nun einmal die Quintessenz aller Menschen, die das Kloster Gnadenthal besuchen. Und komme somit auch in vielen Gesprächen und Diskussionen vor, die am Rande miteinander geführt würden. Das ganze Paket, das mit seinem neuen Job einhergehe, schätze er sehr, betont er. Und bislang habe er keinen einzigen Tag seinen Wechsel von Limburg nach Gnadenthal bereut.