EZB: „Diese Entscheidung war ein Kinderspiel“
StartseiteWirtschaftStand: 10.09.2026, 19:36 UhrKommentareUns auf Google folgenAngesichts der hohen Inflation hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen erneut erhöht. Doch sie scheut sich davor, weitere An...
- 5 min read
Stand: 10.09.2026, 19:36 Uhr
Kommentare
Angesichts der hohen Inflation hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen erneut erhöht. Doch sie scheut sich davor, weitere Anhebungen zu signalisieren. Aus gutem Grund, wie es scheint.
Frankfurt/Berlin – „Es wurde aber auch höchste Zeit, dass die EZB die Leitzinsen weiter anhebt“, werden jetzt nicht nur hierzulande viele Verbraucher sagen, die vor allem an der Tankstelle, aber teils auch beim täglichen Einkauf feststellen mussten, dass das Leben in den vergangenen Monaten noch kostspieliger geworden ist. Von 2,8 auf 2,9 Prozent ist in Deutschland die Inflationsrate im August gestiegen; im Schnitt der 21 Euro-Staaten war sie sogar auf 3,3 Prozent geklettert – das ist der höchste Stand seit drei Jahren. Und damit liegt die Teuerungsrate seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs und des dadurch erzeugten Energieschocks im sechsten Monat in Folge deutlich über der Zwei-Prozent-Marke, bei der die Europäische Zentralbank mittelfristig Preisstabilität gewährleistet sieht.
Tatsächlich hatten sich einige Mitglieder des 27-köpfigen EZB-Rats schon bei dessen Sitzung im Juli dafür ausgesprochen, die Leitzinsen weiter anzuheben, nachdem der Rat diese im Juni erstmals seit knapp drei Jahren erhöht hatte. Doch letztlich verzichtete der Rat mit Rücksicht auf die schwache Konjunktur darauf.
Nun hat die EZB am Donnerstag den Aufstieg auf der Zinsleiter gewissermaßen nachgeholt: Der für Kredit- und Sparzinsen maßgebliche Einlagensatz steigt von 2,25 auf 2,5 Prozent – das ist der höchste Stand seit April 2025.
Inflation wird wohl länger hoch bleiben
„Diese Entscheidung hat der Rat einstimmig gefällt und natürlich war diese Entscheidung ein Kinderspiel“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde in Berlin. Was nicht verwundert, nachdem der Ölpreis wieder die 100-Dollar-Marke übersprungen und der europäische Gaspreis die 80-Euro-Marke erreicht hat. Entsprechend räumte Lagarde ein: „Die Inflation wird in der Eurozone für einen längeren Zeitraum deutlich über unserem Zwei-Prozent-Ziel bleiben, als ursprünglich erwartet.“
Diese Erkenntnis spiegelt sich in den neuen Prognosen der Notenbank wider: Zwar bleibt sie dabei, dass sich die Teuerungsrate in diesem Jahr im Schnitt bei 3,0 Prozent einpendeln wird – nach 2,1 Prozent im vergangenen Jahr. Für 2027 und 2028 geht sie nun aber von höheren Teuerungsraten aus: Demnach werden die Preise 2027 im Schnitt um 2,5 statt um 2,3 Prozent steigen und 2028 um 2,3 statt 2,0 Prozent.
Grund genug für die EZB, die Leitzinsen bei ihren kommenden Sitzungen Ende Oktober und Mitte Dezember weiter anzuheben, könnte man nun meinen. Zumal sich die Konjunkturaussichten zuletzt deutlich aufgehellt haben: Wie sich am Montag herausgestellt hat, ist das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone trotz Energieschock im zweiten Quartal um 0,6 Prozent gewachsen, nachdem es im ersten Quartal noch stagnierte. Und Frühindikatoren zeichnen ebenfalls das Bild einer robusten Wirtschaft.
„Auch wir sind von der Widerstandskraft der Wirtschaft überrascht worden“, sagte Lagarde. Entsprechend haben die Notenbanker ihre Konjunkturprognosen erhöht: Demnach wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 0,9 Prozent wachsen und im kommenden Jahr um 1,4 Prozent. Heißt: Das Risiko, dass die EZB mit dem weiteren Erklimmen der Zinsleiter die Konjunktur so weit schwächt, dass die Wirtschaft wieder stagniert oder gar in eine Rezession abstürzt, sinkt.
Doch Fragen nach möglichen Zinserhöhungen wehrte Lagarde entschieden ab. „Wir haben heute nicht darüber diskutiert, unter welchen Umständen wir vielleicht weitere Zinsschritte gehen werden“, sagte die EZB-Präsidentin. „Die Unsicherheit ist dafür zu groß. Aufgrund neuer geopolitischer Entwicklungen können sich Dinge über Nacht ändern“, so Lagarde mit Blick auf den Iran-Krieg. „Deshalb können wir nicht antizipieren, wie die künftige Zinsentwicklung aussehen wird.“
Indes erwarten viele Finanzmarkt-Teilnehmer auch nach dem vorsichtigen Ton, den Lagarde angeschlagen hat, dass die EZB die Leitzinsen in zwei weiteren Schritten auf 3,0 Prozent anheben wird. An den Terminmärkten ist seit Längerem eine Erhöhung um 25 Basispunkte im Dezember voll eingepreist und eine weitere im März zu knapp 30 Prozent. Doch diese Erwartungen wollte Lagarde am Donnerstag nicht mehr bewerten. Hatte die Französin im Juli die Märkte noch dafür gelobt, dass sie die Reaktionen der EZB „gut einschätzen“ könnten, sagte sie nun: „Die Märkte tun, was sie tun müssen. Wir tun, was wir tun müssen – und das ist, für Preisstabilität sorgen.“
Anleihen-Renditen gestiegen
Was hält die EZB dann aber davon ab, ungeachtet der Unwägbarkeiten im Iran-Krieg eine größere Entschlossenheit im Kampf gegen die Inflation zu demonstrieren? Zum einen dürfte ihre Zurückhaltung der gesunkenen Kerninflation geschuldet sein – zum anderen den kräftig gestiegenen Renditen der Euro-Staatsanleihen.
Lagarde bekräftigte zwar: „Je länger der Energieschock infolge des Iran-Kriegs anhält, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die hohen Energiekosten auch die Preise von Lebensmitteln und anderen Gütern in die Höhe treiben.“ Doch bislang haben sich die Energiekosten über die Sprit- und Heizölpreise hinaus nicht in die Wirtschaft gefressen: Die Lebensmittelpreise sind zuletzt nicht stärker gestiegen als vor dem Iran-Krieg. Und die Kerninflation, die Energie- und Lebensmittelpreise außen vor lässt, ist im August sogar gefallen. Zudem haben sich auch die Lohnzuwächse abgeschwächt – ebenso wie die Inflationserwartungen der Verbraucher, die die Höhe möglicher Lohnforderungen mitbestimmen.
Und die Renditen der Staatsanleihen dürften ihr Übriges dazu tun, dass die Notenbanker sich zurückhaltend äußern. Wie in den USA und in Japan sind auch in der Eurozone die Renditen schon kräftig gestiegen – getrieben von den Inflationserwartungen der Finanzmärkte, der steigenden Staatsverschuldung und der Konkurrenz der KI-Branche, die zur Finanzierung ihrer teuren Projekte massenhaft Anleihen begibt. So ist etwa die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen Bundesanleihen bis Donnerstagmittag auf 3,45 Prozent gestiegen und damit auf ein neues 15-Jahres-Hoch. Noch viel stärker gestiegen sind die Renditen der französischen und italienischen Staatspapiere.
Auch diese Entwicklung muss die EZB berücksichtigen. Gilt doch die Faustregel, dass ein Anstieg der Anleihenrenditen um 50 Basispunkte die Wirtschaftsleistung und damit die Inflation in ungefähr demselben Maße schmälert wie eine Leitzinsanhebung in dieser Höhe. Da muss die EZB tatsächlich sehr vorsichtig agieren. Zumal ein Einlagezins von über 2,5 Prozent als restriktiv gilt, heißt: die Wirtschaft merklich bremst.
