Fall der Blutbuche führt zur Gründung der Gruppe „Baumschutz Achim“

Die Gruppe „Baumschutz Achim" kämpft nach dem Fällen einer Blutbuche für mehr Baumrechte in der Stadt. Jeden Samstag steht sie auf dem Wochenmarkt – mit Aktionspostkarten an Bürgermeister und Landrat.

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Fall der Blutbuche führt zur Gründung der Gruppe „Baumschutz Achim“

Stand: 17.09.2026, 19:00 Uhr

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Die neue Gruppe ist samstags mit einem Aktionsstand auf dem Wochenmarkt vertreten.

„Baumrecht bricht Baurecht“, fordert die neue Gruppe, die samstags mit einem Aktionsstand auf dem Wochenmarkt vertreten ist: (von links) Fred Seebode, Maria Cristina Cargnino, Dörte Bersebach und Antje Wilking. Sabrina Kernhoff fehlt hier. © Mix

Die Gruppe „Baumschutz Achim" kämpft nach dem Fällen einer Blutbuche für mehr Baumrechte in der Stadt. Jeden Samstag steht sie auf dem Wochenmarkt – mit Aktionspostkarten an Bürgermeister und Landrat.

Achim – „Die Stadt habe die Blutbuche und den Walnussbaum auf den beiden Baugrundstücken an der Obernstraße nicht schützen können? Das ist uns zu wenig, mit dieser Reaktion aus dem Rathaus sind wir unzufrieden!“, sagt Maria Cristina Cargnino.

Schützend stellte sich Sabrina Kernhoff vor die zur Fällung bestimmte Blutbuche.

Schützend stellte sich Sabrina Kernhoff Ende Juli auf dem Nachbargrundstück des Achimer Kreisblatts vor die vom Eigentümer zur Fällung bestimmte Blutbuche, weshalb der Bauherr die Polizei zur Hilfe rief. © Mix

Sie und weitere Frauen übergaben dem Verwaltungsvorstand nach den jüngsten, heftig Wirbel auslösenden Fällaktionen in Achim eine Petition, mit der die Stadt aufgefordert wird, mehr für den Baum- und damit auch den Klimaschutz zu unternehmen. Dieser dürfe nicht länger dem Baurecht untergeordnet werden.

Um diesem Anliegen Nachdruck zu verleihen, haben die Aktivistinnen die Gruppe „Baumschutz Achim“ gegründet. Neben Cargnino gehören ihr Dörte Bersebach, Sabrina Kernhoff, Antje Wilking und inzwischen auch Fred Seebode als bisher einziger Mann an.

Bereits an fünf Samstagen hat die Gruppe auf dem Achimer Wochenmarkt einen Aktionsstand aufgebaut. Die Resonanz sei gut, sagt Cargnino. Immer wieder klagten Passanten über mangelnden Baumschutz im Stadtgebiet.

„Das Drama um die Blutbuche hat in ganz Deutschland Schlagzeilen produziert, Menschen bewegt“, berichtet Kernhoff. Sie hatte sich Ende Juli, als der Bauherr den alten, kapitalen Baum fällen lassen wollte, schützend davor gestellt und war schließlich von Polizisten weggetragen worden. Leute von Brandenburg bis Bayern hätten den am Ende vergeblichen Protest von ihr und anderen gegen das Plattmachen der Blutbuche gefeiert. „Das war Mord“, merkt Seebode an.

„Wir wollen die Bevölkerung für den Wert von Bäumen sensibilisieren“, betont Wilking. „Sie sind wichtig für den Klimaschutz.“

Bersebach unterstreicht das. „Ich wohne am Stadtwald. Wenn ich Besuch habe, stellt der immer wieder fest, dass es selbst an heißen Tagen durch die Bäume hier immer angenehm ist.“

„Selbst kleine Pflanzen im Pflaster haben einen kühlenden Effekt“, ergänzt Kernhoff. Die Temperatur sei an der Stelle „um ein, zwei Grad“ niedriger als in der Umgebung.

„Und wo ist in Achim die Schwammstadt?“, fragt Sabrina Kernhoff. Sie meint damit ein Konzept, bei dem Regenwasser nicht sofort über die Kanalisation abgeleitet, sondern lokal gespeichert, versickert oder verdunstet wird. In der Weserstadt sei dagegen „leider alles versiegelt bis zum letzten Quadratmeter“, kritisiert Kernhoff, die auch Co-Sprecherin der örtlichen Gruppe des Naturschutzbunds ist.

„Achim darf nicht zu einem einzigen Betonklotz werden“, hakt die aus Italien stammende Maria Cristina Cargnino ein. Politik und Verwaltung befriedigten viel zu sehr die Wünsche von Investoren, bemängelt Dörte Bersebach.

„Und jetzt will ein Grundstückseigentümer ausgerechnet neben der alten, historischen Windmühle einen Betonklotz hinsetzen und dafür zwei wertvolle große Bäume opfern“, schaltet sich Fred Seebode ein. Das passe doch überhaupt nicht.

Viele Bürgerinnen und Bürger in Achim hätten das Gefühl, dass die Stadt in Sachen Bauen und Begrünung mit zweierlei Maß messe, äußert Antje Wilking. Investoren bekämen für dies und das „freie Fahrt“, während sich die „einfache Bevölkerung“ am Riemen reißen lassen müsse.

Die Gruppe setze sich auch für Baumpatenschaften ein, informiert Bersebach. „Und wir wollen erreichen, dass Neuanpflanzungen regelmäßig gegossen werden.“

Denn Bäume speicherten Kohlenstoff, filterten Schadstoffe aus der Luft, spendeten Schatten und Sauerstoff, seien Lebensraum für zig Tierarten, Pflanzen, Pilze. Achim müsse grüner werden. „Jeder sollte von seinem Fenster aus drei Bäume sehen“, gibt Kernhoff, unter Telefon 0162/6746088 für Interessierte als Ansprechpartnerin zu erreichen, als erstrebenswertes Ziel aus.

Jüngste Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, des Bundesverfassungs- und des Bundesverwaltungsgerichts in Sachen Bauen und Bäume betrachtet die Gruppe als Mutmacher. Die Rechtsprechung bewerte die Bedeutung des Artikels 20a des Grundgesetzes, „Staatsziel Umweltschutz“, und des Waldschutzes neu. Gerichte verlangten inzwischen, dass Bauherren Baukörper verschieben müssten, „um Bäume zu retten, statt sie einfach abzuholzen“.

Um diesem Grundsatz in der Politik und bei den Behörden Nachdruck zu verleihen, bittet die Gruppe, von ihr selbst erstellte, auch beim „Bücherwurm“ zu bekommende „Aktionspostkarten“ an den Bürgermeister, den Landrat, das Kreis-Bauamt und den niedersächsischen Wirtschaftsminister.zu verschicken. Der Aktivenkreis bringt sein Ansinnen auf eine einfache Formel: „Baumrecht bricht Baurecht“.