Fazit nach 40 Jahren Klimajournalismus: Wir schaffen das

FR-Autor Joachim Wille schreibt seit vier Jahrzehnten über die Klimakrise. In seinem Essay zieht er eine Bilanz von Warnungen, politischem Handeln und verpassten Chancen, die Krise abzuwenden. Und erklärt, was ihm Hoffnung macht.

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Fazit nach 40 Jahren Klimajournalismus: Wir schaffen das

Stand: 21.08.2026, 14:18 Uhr

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A young girl looks 08 June 1992 in Rio de Janeiro at at giant painting by a local artist that depicts the earth's environmental problems during the Earth Summit which runs from 03 to 14 June 1992. (Photo by AVANIR NIKO / AFP)

Beim Erdgipfel 1992 in Rio präsentierte sich Deutschland unter Helmut Kohl noch als klimapolitischer Vorreiter. © AVANIR NIKO/AFP/AFP

FR-Autor Joachim Wille schreibt seit vier Jahrzehnten über die Klimakrise. In seinem Essay zieht er eine Bilanz von Warnungen, politischem Handeln und verpassten Chancen, die Krise abzuwenden. Und erklärt, was ihm Hoffnung macht.

Eine Fotomontage: Der Kölner Dom, umspült von den Fluten eines Meeres. Darunter in großen Lettern: „Die Klima-Katastrophe“. Es war das Titelbild des Magazins „Spiegel“, veröffentlicht im August 1986. Das Thema: „Ozon-Loch, Pol-Schmelze, Treibhaus-Effekt. Forscher warnen.“

Der Titel war drastisch. Und er war völlig übertrieben. Schließlich würde es selbst bei einem extremen Klimawandel Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende dauern, bis ein steigender Meeresspiegel den Kölner Dom erreichen könnte. Zudem vermischte der Text Probleme, die man heute sauberer auseinanderhalten würde: den menschengemachten Treibhauseffekt und den Abbau der schützenden Ozonschicht in der Atmosphäre. Trotzdem war das Kölner-Dom-Menetekel eine Art Urknall der deutschen Klimaberichterstattung. Plötzlich war ein Thema, das bis dahin vor allem Meteorolog:innen und einige Umweltfachleute beschäftigt hatte, in der Öffentlichkeit angekommen.

Für mich als junger FR-Redakteur, der Umweltthemen früh zu seinem Schwerpunkt gemacht hatte, begann damals eine journalistische Reise, die nun vier Jahrzehnte andauert. Anfangs war der Klimawandel ein Zukunftsthema. Etwas, das nach den Berechnungen der Wissenschaft irgendwann im 21. Jahrhundert gefährlich werden würde. Heute braucht niemand mehr Computermodelle, um eine Vorstellung davon zu bekommen. Man muss im Sommer nur vor die Tür gehen, wo sengende Hitze herrscht. Oder in einen Laubwald, der im August schon seine Blätter abwirft. Oder an den Rhein, der ein Rinnsal geworden ist.

Rio war eine Aufbruchszeit

Anfang 1986 hatte die Deutsche Physikalische Gesellschaft die drohende „Klimakatastrophe“ beschrieben. Eine Warnung, die den „Spiegel“ zu seinem Dom-Titel inspirierte. Ein Jahr später folgte gemeinsam mit der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft die wissenschaftlich differenziertere „Warnung vor drohenden weltweiten Klimaänderungen durch den Menschen“. Die Forschenden beschrieben präzise den Mechanismus: Durch die Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas, durch Waldrodung sowie industrielle und landwirtschaftliche Aktivitäten steige die Konzentration von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in der Atmosphäre. Dadurch werde die Wärmeabstrahlung der Erde behindert. Die Folge könne bereits innerhalb von 50 bis 100 Jahren eine Erwärmung um mehrere Grad sein.

Das war keine Prophezeiung von Öko-Aktiven. Es war der Stand der Wissenschaft. Der spätere Physik-Nobelpreisträger Klaus Hasselmann machte das Problem 1987 in einem Radiointerview klar: Wenn man warte, bis der menschliche Einfluss auf das Klima zweifelsfrei aus den natürlichen Schwankungen herausrage, seien die Veränderungen womöglich bereits so groß, dass es „zu spät ist, korrigierend einzuwirken“.

Die Botschaft lautete: Handeln, bevor der letzte Beweis erbracht ist. Vorsorge statt Reparatur.

Die Politik in Deutschland reagierte. Der Bundestag setzte 1987 die Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ ein. Für mich als Umweltjournalisten waren ihre Sitzungen und Berichte faszinierend. Klimapolitik war noch kein Kulturkampf. Abgeordnete aller Parteien saßen mit Spitzenforscher:innen zusammen und versuchten, herauszufinden, was zu tun sei. Die Kommission empfahl 1990, den deutschen CO2-Ausstoß bis 2005 um mindestens 30 Prozent zu senken. Die Bundesregierung unter Helmut Kohl (CDU) beschloss schließlich ein nationales Minderungsziel von 25 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990. Deutschland verstand sich als klimapolitischer Vorreiter.

Man muss sich das aus heutiger Sicht noch einmal klarmachen: Eine CDU-geführte Bundesregierung verkündete damals das ambitionierteste Klimaziel der Welt. Kohl erklärte vor dem legendären UN-Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro zu Recht, Deutschland habe als erstes großes Industrieland die Verminderung der Treibhausgase aktiv in Angriff genommen – auch wenn ein großer Teil der Minderung dem Zusammenbruch der schmutzigen DDR-Industrie geschuldet war.

Eine Schlüsselfigur jener Jahre war Klaus Töpfer (CDU). Kohl hatte ihn 1987 zum Bundesumweltminister gemacht. Ich habe Töpfer über Jahrzehnte erlebt, interviewt und begleitet, diesen „Grünen mit CDU-Parteibuch“. Er dachte Umweltpolitik nicht als Nischenpolitik, sondern als Modernisierungspolitik – und zunehmend global. Beim Erdgipfel wurde er zum „Retter von Rio“. Er vermittelte zwischen den Interessen von Nord und Süd.

In Rio entstand 1992 mit der UN-Klimarahmenkonvention erstmals ein globales politisches Fundament für den Kampf gegen die Erderwärmung. Fast alle Staaten der Erde, deren politische Chefs sich unter dem Zuckerhut versammelt hatten, erkannten an: Die Konzentration der Treibhausgase muss auf einem Niveau stabilisiert werden, das eine gefährliche Störung des Klimasystems verhindert. Darunter so unterschiedliche Typen wie Bush senior, Kohl, Mitterrand, Li Peng, Suharto und Castro.

Rio war eine Aufbruchszeit, ein Lichtblick nach dem Ende des Kalten Krieges. Die Hoffnung vieler Menschen war, und sie beflügelte auch mich als Redakteur, das Thema ins Zentrum meiner Arbeit zu stellen: Die Welt würde sich nicht mehr länger um den möglichen Overkill mit Atomraketen, sondern um die wirklichen Probleme der Erde kümmern: Umwelt, Klima und Entwicklung. Hartmut Graßl, einer der Pioniere der deutschen Klimaforschung, erinnerte sich später in einem Interview mit mir: „Es gab damals eine viel größere Aufbruchsstimmung und viel mehr Bereitschaft, das Problem anzupacken.“ Und Töpfer sagte im Rückblick: „Wir waren damals so euphorisch.“ Genau. Das war es, was auch ich damals empfand.

Es folgten Rückschläge. Die USA wollten sich nicht auf verbindliche CO2-Minderungen festlegen, Entwicklungsländer pochten zu Recht darauf, dass die Industriestaaten die historische Hauptverantwortung trugen und beim CO2-Sparen vorangingen. Zugleich begann die fossile Wirtschaft zu begreifen, was ernsthafter Klimaschutz für ihr Geschäftsmodell bedeutete. Widerstand formierte sich.

Trotzdem gelang 1997 in japanischen Kyoto der nächste große Schritt. Das Kyoto-Protokoll verpflichtete die Industriestaaten erstmals völkerrechtlich zu einer Begrenzung ihrer Treibhausgas-Emissionen. Es war unvollkommen. Die USA ratifizierten es nie, und die Schwellenländer hatten noch keine CO2-Reduktionspflichten. Aber das Prinzip stand: Klimaschutz war nicht mehr bloß eine moralische Aufforderung, sondern konnte verbindliches internationales Recht werden.

Joachim Wille ist einer der Pioniere des Umwelt- und Klimajournalismus in Deutschland. Sein erster Zeitungsartikel erschien 1976, also vor 50 Jahren. Seit 1979 schreibt er für die Frankfurter Rundschau, wo er unter anderem Nachrichten- und Politikredakteur, Leiter des Ressorts Umwelt und Wissenschaft sowie Reporter war.

Joachim Wille im Herbst 2025. © Rolf Oeser

Doch der vielleicht folgenreichste klimapolitische Beschluss jener Zeit fiel nicht auf einem UN-Gipfel. Er fiel in Berlin.

Im Jahr 2000 beschloss die rot-grüne Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz, EEG. Dessen Kern war revolutionär: Wer Strom aus Wind, Sonne oder Biomasse erzeugte, bekam dafür einen garantierten Netzanschluss und für 20 Jahre eine feste Vergütung.

Was danach geschah, wird bis heute unterschätzt. Vor allem die Fotovoltaik, damals eine exotische und extrem teure Technik, bekam einen Massenmarkt. Eigenheimbesitzer ließen Solaranlagen auf ihre Häuser schrauben, Bauern statteten Scheunendächer damit aus, Bürgergruppen gründeten Energiegenossenschaften. Die Solarhersteller investierten in größere Fabriken. Die Stückzahlen stiegen, die Produktionsprozesse wurden effizienter, die Preise sanken. Über 60 Länder weltweit übernahmen später ähnliche Fördermodelle. Schließlich stieg China mit seiner gewaltigen Industrieproduktion ein.

Das deutsche EEG war damit der Startschuss für die weltweite Solarrevolution. Ich meine: Seinen Erfindern, einer Gruppe Bundestagsabgeordneter, darunter der inzwischen verstorbene Hermann Scheer (SPD) und Hans-Josef Fell (Grüne), gebührte dafür eigentlich der Friedensnobelpreis.

Heute ist Solarstrom in vielen Regionen der Erde die billigste Möglichkeit, Elektrizität zu erzeugen. Die Fotovoltaik wächst weltweit in einem Tempo, das selbst optimistische Szenarien von früher übertrifft. Aus der belächelten Nischentechnik wurde eine Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts. Deutschland bezahlte mit seiner Anschub-Förderung die Lernkurve, von der heute die ganze Welt profitiert.

Dann kam 2003. Dieser Sommer war für mich nach Rio ein zweiter Einschnitt in der Klimaberichterstattung. Europa erlebte eine bis dahin unvorstellbare Hitzewelle. Temperaturen von teils mehr als 40 Grad, ausgetrocknete Flüsse, Waldbrände, Ernteausfälle – und vor allem hohe Todeszahlen. Europaweit starben damals mehr als 70.000 Menschen mehr als „normal“.

Graßl sagte mir damals, er habe etwa ab der Jahrtausendwende erwartet, dass die Erderwärmung für die Menschen in Mitteleuropa nicht mehr nur in Messreihen, sondern unmittelbar erfahrbar werde – etwa durch Hitzewellen. 2003, bei einem Temperaturanstieg im globalen Mittel um 0,8 Grad, war es soweit.

Später prägte Graßl einen Satz, der mir im Gedächtnis geblieben ist: „Hitzetote zeigen die soziale Kälte einer Gesellschaft.“ Denn Hitze trifft nicht alle gleich. Wer ein gedämmtes Haus, einen schattigen Garten und genügend Geld, etwa für eine Klimaanlage, hat, kann sich leichter schützen. Gefährdet sind alte Menschen in überhitzten Wohnungen, Kranke, Pflegebedürftige und Menschen, die draußen arbeiten müssen. Klimapolitik ist damit auch Sozialpolitik.

Eigentlich hätte 2003 ein Weckruf sein müssen. Doch Deutschland hatte zwar mit dem EEG eine Zukunftsindustrie aufgebaut, begann aber bald, den eigenen Erfolg wieder zu demontieren. Firmen wie Solarworld, Q-Cells und Conergy stellten zeitweise die Weltspitze dar. Hunderttausende Arbeitsplätze entstanden im Sektor der erneuerbaren Energien. Doch als die Fotovoltaik richtig Fahrt aufnahm, reagierte die 2009 ins Amt gekommene Regierung von Union und FDP auf den Druck der Energiekonzerne. Das Merkel-Kabinett kürzte die Solarförderung drastisch. Besonders verbunden war dieser Kurs mit dem damaligen Umweltminister Peter Altmaier (CDU). Der „Altmaier-Knick“ wurde zum Symbol für den Absturz der deutschen Solarindustrie. Der Fotovoltaik-Zubau brach ein, viele Unternehmen gingen pleite, über 100.000 Arbeitsplätze verschwanden. China übernahm den Markt.

Deutschland verspielt seinen Vorsprung

Beim Wind folgte einige Jahre später ein ähnlicher Fehler. Unter Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wurde mit dem EEG 2017 das Fördersystem auf Ausschreibungen umgestellt und der Ausbau stärker gedeckelt. Die Konstruktion der Ausschreibungen erwies sich als problematisch. Der Einbruch folgte. Eine „Gabriel-Delle“, von der sich die Branche erst Jahre später erholte.

Es gehört zu den bittersten Erkenntnissen aus 40 Jahren Energiewende-Berichterstattung: Deutschland entwickelte viele der Technologien und politischen Instrumente, die für die klimaneutrale Wirtschaft gebraucht werden – und gab dann einen Teil seiner industriellen Führung freiwillig wieder aus der Hand. Das gilt für Solarzellen, in abgeschwächter Form für Windkraft und auch für die Elektromobilität, wo etwa VW, Audi, BMW und Mercedes bereits in den 1970er und 1980er Jahren Prototypen fertigten. Während China später dann strategisch komplette industrielle Wertschöpfungsketten in dem Sektor aufbaute, stampfte Deutschland sie ein und lies das Feld brachliegen. Unglaublich, aber wahr: Auch heute wird hierzulande noch darüber diskutiert, ob der Verbrennungsmotor nicht vielleicht doch noch eine große Zukunft hat. Natürlich lässt sich Geschichte nicht zurückspulen. Aber ich bin sicher: Ohne diese Retro-Politik stünde Deutschland heute wesentlich besser da – mit einer starken heimischen Solarindustrie, einer stabileren Windkraftbranche, einer früher elektrifizierten Autoindustrie, weniger Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten und einem Stromsystem, dessen Infrastruktur konsequent auf erneuerbare Energien zugeschnitten wäre. Deutschland hätte zeigen können, dass eine hoch entwickelte Industrienation Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und ambitionierten Klimaschutz zusammenbringen kann. Stattdessen wurde die Energiewende immer wieder beschleunigt - und dann abgebremst.

Zur Person

Joachim Wille ist einer der Pioniere des Umwelt- und Klimajournalismus in Deutschland. Sein erster Zeitungsartikel erschien 1976, also vor 50 Jahren. Seit 1979 schreibt er für die Frankfurter Rundschau, wo er unter anderem Nachrichten- und Politikredakteur, Leiter des Ressorts Umwelt und Wissenschaft sowie Reporter war.

Seit 2012 ist er freier Autor, seit 2016 zudem Co-Chefredakteur des Online-Magazins klimareporter.de. Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz, dem Hessischen Journalistenpreis und dem Umwelt-Medienpreis der Deutschen Umwelthilfe.

Immerhin, auf internationaler Ebene gab es einen Schub nach vorne, der lange kaum mehr erreichbar schien – beim Weltklimagipfel 2015, der COP 21. Die Euphorie, die ich damals miterlebte, war noch größer als die von 1992 in Rio. „In Paris hat es im Laufe der Jahrhunderte viele Revolutionen gegeben, aber heute wurde die schönste und friedlichste Revolution vollbracht: die Revolution gegen den Klimawandel“, sagte der damalige Regierungschef Francois Hollande, als dort am 12. Dezember der Weltklimavertrag beschlossen worden war, der erstmals alle Staaten zur Begrenzung von CO2 und CO. verpflichtete. Ziel: maximal zwei Grad Erwärmung gegenüber vorindustrieller Zeit, besser aber nur 1,5 Grad. Doch auch hier folgte, wie in Rio, schnell die Ernüchterung. Die Emissionen stiegen, trotz der hehren Versprechen umzusteuern, weiter an. Das 1,5 Grad-Ziel ist inzwischen fast schon gerissen

Und während Politik, Wirtschaft und Verbraucher:innen mit dem CO2-Sparen zögerten, veränderte sich das Klima immer stärker. Der Sommer 2018 brachte Europa und Deutschland eine extreme Kombination aus Hitze und Dürre, 2019 und 2020 waren kaum besser. Felder verdorrten, es begann das Waldsterben 2.0, der Rhein führte extremes Niedrigwasser. Hans Joachim Schellnhuber, der langjährige Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, sagte mir damals in einem Interview: „Es gibt vermutlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir schlafwandeln hinein in eine Klimakrise mit dramatischen Folgen für die Weltgemeinschaft. Oder wir führen bewusst die rasche Transformation zur Nachhaltigkeit herbei.“

Wie zur Bestätigung solcher Warnungen kam 2021 die Flutkatastrophe an Ahr und Erft. Mehr als 180 Menschen starben. Häuser wurden fortgerissen, Straßen, Brücken und Bahnstrecken zerstört. Wieder wurde sichtbar, was der abstrakte Begriff „Extremwetter“ bedeutet, wenn ein solches Ereignis eine dicht besiedelte Region trifft. 2022 folgte dann der nächste europäische Hitzesommer. Wieder Dürre, Waldbrände und Niedrigwasser.

Die Prognosen der 80er werden Realität

Schellnhuber sagte dazu: „Einen Klimawandel, der gravierende Auswirkungen hat, können wir nicht mehr abwenden.“ Das markierte eine neue Phase. Vier Jahrzehnte zuvor hatten Klimaforscher noch darüber gesprochen, wie eine gefährliche Veränderung des Klimas verhindert werden könne. Nun ging es zunehmend darum, wie viel davon noch abgemildert werden kann – und wie Gesellschaften durch die nötige Anpassung mit dem Unvermeidbaren umgehen.

Und jetzt 2026. Wieder hat Deutschland eine Mega-Hitze und -Trockenheit erlebt. Das dritte Jahr nach 2018 und 2022 mit solchen Extremen, die in einem unveränderten Klima nur alle 50 Jahre zu erwarten wären. Wälder brennen, inzwischen auch in Regionen wie der Eifel, die man früher nicht mit solchen Feuerlandschaften verband. Der Rhein erreicht historische Niedrigstände. Frachtschiffe können nur noch einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung transportieren, Lieferketten geraten unter Druck. Die Dürre schädigt Landwirtschaft und Wälder, Hitze belastet Beschäftigte, Straßen und Schienen, Kraftwerke und Industrie.

Das entspricht den Prognosen aus den 1980er Jahren. Die Richtung wurde damals erstaunlich genau beschrieben: steigende Temperaturen, häufigere und stärkere Hitzewellen, veränderte Niederschläge, Dürren, Extremregen, wachsende Risiken für Wälder, Landwirtschaft, Gesundheit und Infrastruktur.

Und die Politik?

Sie wirkt ausgerechnet jetzt merkwürdig erschöpft. Das Sinnbild dafür: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) machte Urlaub, während die Klimakrise Anfang August eskalierte, mit einer Bilanz von 14.000 Hitzetoten. Merz hat Klimaschutz ohnehin nicht zum zentralen Modernisierungsprojekt seiner Regierung gemacht, und seine Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will neue Gaskraftwerke bauen und zugleich den Ausbau der erneuerbaren Energien bremsen. Natürlich braucht ein Stromsystem mit hohen Anteilen von Wind- und Solarenergie gesicherte Leistung für Dunkelflauten. Darüber muss man nicht streiten. Die Frage ist, ob dafür neue langfristige fossile Abhängigkeiten geschaffen werden – oder ob Speicher, flexible Nachfrage, europäische Stromnetze, grüner Wasserstoff und andere klimaneutrale Lösungen mit derselben Entschlossenheit vorangetrieben werden.

Es müsste doch gerade einem Kanzler, der sich als Wirtschaftskenner versteht, einleuchten, dass der aktuelle Kurs in die Sackgasse führt. Inzwischen lässt sich die Rechnung für das Zögern ja immer konkreter in Euro ausdrücken. Allein die Hitzewelle vom 17. bis 30. Juni dieses Jahres hat Deutschland nach Berechnungen des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos rund 6,3 Milliarden Euro gekostet. Das ursprünglich für 2025 erwartete Mini-Wachstum könnte so zerbröseln.

Verkehrte fossile Welt. Besonders irritierend ist der deutsche Kurs, weil die technische Entwicklung global längst in die andere Richtung läuft. Solarstrom ist extrem billig geworden. Windkraft ist ausgereift. Batterien werden immer günstiger. Elektroautos setzen sich weltweit durch. China baut in gigantischem Tempo erneuerbare Energien, Netze und Speicher aus. Die Transformation, über die wir in den 1980er und 1990er Jahren noch theoretisch diskutierten, ist technologisch längst möglich. Die Frage ist, ob Deutschland hier wieder wieder zur Spitzengruppe aufschließt oder weiter zurückfällt.

Und das Fazit aus den 40 Jahren Klimapolitik, die ich hautnah verfolgt habe? Resignation, weil alles viel zu langsam vorangeht? Macht keinen Sinn. Zumal es Gründe zur Hoffnung gibt. Halten wir sie fest: Ohne die frühen Warnungen aus der Wissenschaft, ohne Rio und Kyoto, ohne das EEG, ohne das Pariser Klimaabkommen und ohne den Aufstieg von Wind- und Solarenergie wäre die Welt heute auf dem Weg in eine noch wesentlich stärkere Erwärmung. Die vielleicht wichtigste Lehre aus diesen vier Jahrzehnten lautet deshalb nicht, dass Klimapolitik nichts bewirkt. Sondern im Gegenteil: Dort, wo sie konsequent betrieben wurde, hat sie enorm viel verändert, siehe EEG. Intelligente Ideen sind stärker als Trump und Co.. Noch einmal Schellnhuber dazu: „Wir werden immer wieder ein paar überraschende Möglichkeiten finden, die Welt zu retten.“