„Feinden gönnt man keine Trauerzeit“ – das sagen Experten zu den Angriffen aus der Union auf Bärbel Bas
StartseitePolitikStand: 13.10.2026, 18:57 UhrKommentareUns auf Google folgenDer Rücktritt von Bärbel Bas hat eine Debatte über den Umgangston in der Regierung ausgelöst. Experten ordnen die Attacken auf die SPD...
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Stand: 13.10.2026, 18:57 Uhr
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Der Rücktritt von Bärbel Bas hat eine Debatte über den Umgangston in der Regierung ausgelöst. Experten ordnen die Attacken auf die SPD-Ministerin für den Münchner Merkur ein.
München – „Nicht mehr tragbar“, „Fehlbesetzung“: Mit solchen Worten wurde Bärbel Bas (SPD) in den vergangenen Wochen bedacht – während sie gleichzeitig um ihre verstorbene Stieftochter trauerte. Bas selbst kritisierte die verbalen Angriffe in ihrer Rücktrittserklärung. Ihre Kritik richtete sich dabei ausdrücklich auch an den Koalitionspartner, die Union. Hat die CDU/CSU mit ihren Anfeindungen gegen Bärbel Bas Grenzen überschritten? Der Münchner Merkur hat zwei Experten um Einordnung gebeten.

Katja Wolter leitet das „Steinbeis Institut“. Ihr Job ist es unter anderem, Politiker zu beraten, die sich gegen persönliche Angriffe verteidigen müssen. Die Beraterin wertet die Vorwürfe der Union, die Arbeitsministerin arbeite zu langsam an Reformen, zwar grundsätzlich als sachliche Kritik. Anfeindungen wie „nicht mehr tragbar“ oder „Fehlbesetzung“, die ebenfalls gegen Bärbel Bas fielen, zielten aber nicht mehr auf die Sache, sondern auf den Menschen dahinter.
Bas kritisierte Anfeindungen aus Union – Expertin: „Wer in Trauerzeit nachlegt, verlässt Sachebene“
Gegenüber dem Münchner Merkur erklärt die Fachfrau: „Ein einzelnes hartes Wort macht noch keine Delegitimierung. Aber wenn es sich wiederholt, öffentlich statt am Verhandlungstisch läuft und wenn auch dann noch nachgelegt wird, als die Betroffene erkennbar in einer persönlichen Ausnahmesituation war – dann wirkt Kritik strategisch und ist kein Streit mehr um die beste Lösung: Sie schwächt, isoliert und legt den Rückzug nahe.“ Dies gelte unabhängig davon, ob das so beabsichtigt war.
Außerdem, so die Expertin: Ob eine Kritik sachlich oder persönlich sei, darüber würden nicht nur die Worte, sondern auch der Zeitpunkt entscheiden. Im Fall von Bärbel Bas bedeute das: „Wer in einer Trauerzeit weiter nachlegt, verlässt die Sachebene – egal, wie sachlich die Worte klingen.“
Kritik aus Union gegen Bärbel Bas: „Kein gutes Zeichen für Miteinander in der Koalition“
Ähnlich bewertet Friedemann Vogel, Professor für Diskurslinguistik an der Universität Siegen, die Vorgänge innerhalb der Merz-Koalition. Gegenüber dem Münchner Merkur sagte er, es handele sich bei den Vorwürfen gegen Bärbel Bas zwar nicht um klassische „Hate Speech“, aber wohl „um einen Versuch des ebenso angezählten Koalitionspartners CDU/CSU, Bas und die SPD zu delegitimieren und öffentlich zu diskreditieren“. Der Experte weiter: „Wenn dem so ist, dann ist das zumindest kein gutes Zeichen für das kooperative Miteinander in der Koalition.“
Klingbeil nennt Verbalattacken gegen Bas „unanständig“, van Aken nennt CDU „herzlosen Verein“
SPD-Chef Lars Klingbeil (SPD) sprang Bas auf Instagram zur Seite: Die Angriffe gegen sie seien „unanständig und verletzend“ gewesen. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) bezeichnete die Attacken der CDU gar als „unmenschlich und rücksichtslos“. Grünen-Chefin Franziska Brantner (Grüne) stellte fest, das politische Geschäft sei so hart geworden, „dass man es offensichtlich als Mensch kaum bestehen kann“. Besonders drastisch wurde der ehemalige Linken-Vorsitzende Jan van Aken. Die CDU sei „ein herzloser Verein von karrieregeilen Männern“.
Wer Politik wie Krieg beschreibt, sieht im Gegenüber irgendwann den Feind. Und Feinden gönnt man keine Trauerzeit.
Harte Worte auf beiden Seiten also – die Politikcoach Katja Wolter aber nicht überraschen. Für ihr Buch „Vertraute Feinde“ hat sie Bundestagsabgeordnete aus sechs Parteien interviewt und dabei sprachlich Erschreckendes vorgefunden. Sätze wie „Da muss ich mich dann wieder duellieren“, „Da baut sich eine Front auf“ oder „Ist doch schön, dann zurückzuschießen“ dominierten die Beschreibungen der Politiker, schildert sie. Sie gibt zu bedenken: „Wer Politik wie Krieg beschreibt, sieht im Gegenüber irgendwann den Feind. Und Feinden gönnt man keine Trauerzeit.“
Dass SPD und Grüne nun politische „Verrohung“ beklagen, sieht Diskurslinguist Friedemann Vogel aber auch als Taktik, die Politiker immer wieder anwenden würden. Es sei eine „typische rhetorische Strategie von politischen Eliten“, sich bei scharfer Kritik „als Opfer ‚verrohender Debattenkultur‘ zu stilisieren“. Damit werbe man für öffentliche Unterstützung oder lenke von eigenen Fehlern ab.
Streit in der Merz-Koalition um Bas: „Freund-Feind-Rhetorik und Angriffe gegen Personen“
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wies die Kritik am Umgang seiner Partei mit Bas am Montag nach einer CDU-Präsidiumssitzung zurück. Er habe von seiner Partei „jede persönliche, auch christliche Rücksichtnahme“ eingefordert und könne nicht feststellen, dass dagegen verstoßen worden sei.
Der Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand in der Unionsfraktion, Christian von Stetten (CDU), war gegenüber Bas jedoch durchaus persönlich geworden: „Die Ministerin ist nicht mehr tragbar. Seit Monaten blockiert sie die Reformen, die unser Land so dringend braucht“, wetterte er vor rund einem Monat in der Bild. Ein Unionsmann ließ sich laut Spiegel mit den Worten zitieren, Bas sei eine „Fehlbesetzung“. Zu welchem Zeitpunkt in der CDU von der Erkrankung der Stieftochter gewusst wurde, ist dabei nicht bekannt.
Diskurslinguist Vogel jedenfalls beobachtet durch die vielen Krisen- und Kriegsdiskurse der vergangenen Jahre einen deutlich schärferen Ton in Politik und Presse. Schwarz-Weiß-Denken, Freund-Feind-Rhetorik und Angriffe gegen Personen als solche würden zunehmen – und seien „inzwischen nicht mehr nur bei der AfD zu Hause“, so der Experte gegenüber dem Münchner Merkur.
Wird Bas als Frau in der Politik besonders angegriffen? Gesamtlage laut Studien eindeutig
Ob Bas besonders scharf angegangen worden ist, weil sie eine Frau ist, lässt sich laut Beraterin Katja Wolter an dem Einzelfall nicht seriös beurteilen. Die Gesamtlage aber sei messbar: In einer Studie der TU München mit HateAid berichteten 63 Prozent der Frauen und 53 Prozent der Männer von Anfeindungen im Netz. 68 Prozent der betroffenen Frauen erlebten sexistische Angriffe.
22 Prozent dächten über einen kompletten Rückzug aus der Politik nach, bei Männern seien es 10 Prozent. Soziolinguist Vogel bestätigt: Aus diskurskritischer Perspektive würden Frauen schneller auf ihre angeblich „fehlerhafte“ Person reduziert.
„Raue Debattenkultur ist kein Stilproblem, sondern Nachwuchsproblem für die Demokratie“
Persönliche Anfeindungen greifen darüber hinaus nicht nur unter den hohen Tieren im politischen Berlin um sich, sondern auch in den Kommunen: Politikberaterin Wolter macht darauf aufmerksam, dass laut einer Studie der Körber-Stiftung bereits 40 Prozent der ehrenamtlichen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister beleidigt oder bedroht wurden. Bei Frauen in größeren Stadträten seien es laut einer Studie der Heinrich-Böll-Stiftung sogar 59 Prozent.
28 Prozent der angefeindeten Ehrenamtlichen dächten über den Rückzug nach. 71 Prozent fürchteten, keine Nachfolge zu finden. Fachfrau Wolter folgert gegenüber unserer Redaktion: „Eine raue Debattenkultur ist deshalb kein Stilproblem, sondern ein Nachwuchsproblem für die Demokratie.“ (Quellen: eigene Recherche, frühere Berichterstattung) (smu)