Festival-Krise im Musikhimmel: Reeperbahn 2026 unter Druck
Empfehlungen der Redaktion Am noch jungen Freitagabend eine Stippvisite im Traditions-Club Indra, wo sich Anfang der 1960er die ganz jungen Beatles ihre erst...
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Empfehlungen der Redaktion
Am noch jungen Freitagabend eine Stippvisite im Traditions-Club Indra, wo sich Anfang der 1960er die ganz jungen Beatles ihre ersten Sporen verdienten. Schlange vor dem Eingang, Geduld ist gefragt. Im knallvollen Haus lädt der ostholsteinische Rap-Poet Dominik Hartz mit seinem hornbebrillten Duo-Partner zur Kostprobe des Mitte Oktober erscheinenden neuen Albums. Ein euphorisch bejubelter Auftritt im entspannten Bildungsbürger-Groove.
Kleine Verschnaufpause im Pub mit den Bayern in Oktoberfest-Laune, ein sattes 7:0 gegen Union Berlin. Auch das gehört zum individuellen RBF-Gesamtpaket.
Dann weiter über den Kiez zur Sankt-Pauli-Kirche, oberhalb des Pudel Clubs an den Elbterrassen. Die rot gelockte Actrice Elin Hall aus Reykjavik sitzt am weißen Flügel und glänzt einmal mehr durch hypnotische Bühnenpräsenz. Ein konzentrierter Moment inmitten eines Festivals, das selten zur Ruhe kommt. Danach der wuchtige Aufschlag von Della Savvidou mit ihrer Band. Eine bemerkenswerte Musikerin aus Zypern, zwischen Alternative Rock und Dark Dreamy Pop, mit fauchiger Stimme, die sofort hängen bleibt. Im Januar 26 gewann Della als erste zypriotische Künstlerin überhaupt den internationalen „Music Moves Europe“-Award. Momentaufnahmen aus dem weltweiten Newcomer-Tableau mit rund 450 Bands und Musikerinnen.
Branchenmodus: Showcases und Newcomer
Wer wollte, konnte bereits gegen 10 Uhr morgens in den Branchenmodus einsteigen und sich bis weit nach Mitternacht von einer „Rezeption“ zur nächsten hangeln. Hier ein Showcase, dort ein Schwatz.

Es gab einen „Boozy Brunch“ des Eintrittskarten-Vermittlers TicketSwap in der Alten Liebe. Das Centre National de la Musique lud mit Croissants und Co zum petit-déjeuner-Speed-Listening durch 14 exportfähige Newcomer. Man sollte sich die Bollerköpfe von Ditter oder die opernhaften Chansons mit Rap-Untermalung von Oria merken.
Metal-Spotlight und Major-Label-Wirrwarr
Erstmals mit eigenem Event vertreten war das Wacken Open Air. Im Bahnhof Pauli empfingen die Wackener ihre Kutten-Kumpels, anschließend ballerten diverse Metal-Berserker für Fans. Ein Modul des neuen Festival-Schwerpunkts „Spotlight On: Heavy“. Als einziger der drei Majors waren die Platzhirsche von Marner Music mit eigenem Treff vertreten. Dazu ein komplett unübersichtliches Empfangs-Feuerwerk bewährter und neu aufgestellter Plattenfirma-Konstrukte. Lustiges Finale: Die „Subtilen Saufgelage“ spätnachts vor der Meuterei in der Friedrichstraße.
Die Festplatte im Kopf war ohnehin voll, und so hätte man zufrieden nach Hause fahren können. Doch über dem hanseatischen Musikhimmel hängen dunkle Wolken.
Zukunftssorgen trotz Rekordjahr
„Zukunftssorgen nach erfolgreichem Reeperbahn Festival 2026“ überschrieb der NDR seinen kleinen TV-Bericht. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer will die Förderung der seit zwei Jahrzehnten existierenden Sause deutlich zurückfahren.
Der Bundeszuschuss für 2027 soll auf drei Millionen Euro sinken. 2025 waren es 6,27 Millionen Euro, für 2026 rund 4,5 Millionen. Alexander „Alex“ Schulz, Gründer des RBF und Leiter des Elbjazz, raunte entsprechend mahnend in die Kamera. Die internationale Strahlkraft und Programmvielfalt sei keineswegs selbstverständlich.
Bei den noch folgenden Haushalts-Sitzungen stehen harte Verteilungskämpfe an. Zumal auch andere Convention-Festivals um ihre Zukunft rangeln.
Aktuell ist die Musik in buntester Vielfalt da. Das Publikum ist da. Die sich häutende Branche ist da. Die Frage ist nur, ob und wie die politischen Rahmenbedingungen künftig noch mitspielen.
Robin Schmiedebach Photography