Forscher „schaffen“ neuen Ötzi – und entdecken brisantes Geheimnis seiner Tätowierungen

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Forscher „schaffen“ neuen Ötzi – und entdecken brisantes Geheimnis seiner Tätowierungen

Stand: 13.09.2026, 09:15 Uhr

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Forscher haben aus Fotos und CT-Daten einen digitalen Zwilling von Ötzi erschaffen. Seine Tätowierungen könnten medizinischen Ursprungs sein.

Seit 1991 steht Ötzi der Wissenschaft zur Verfügung. Damals wurde der Mann vom Similaun in den Gletschern des Schnalstals entdeckt und ins Tal gebracht – 5300 Jahre nach seiner rätselhaften Ermordung in 3213 Metern Höhe. Heute bewahrt das Archäologiemuseum Südtirol in Bozen die außergewöhnliche Mumie auf. Sie liegt in einer Kühlzelle bei minus 6 Grad und 99 Prozent Luftfeuchtigkeit. Lange stellte sich den Forschenden eine zentrale Frage: Wie lässt sich Ötzi eingehend untersuchen, ohne ihn aus der schützenden Kryokonservierungskammer zu holen?

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Dieser Artikel von Roberto Brumat entstand in Kooperation mit Corriere della Sera.

Nun ist ein neues Projekt entstanden: ein digitaler Zwilling von Ötzi. Geschaffen hat ihn ein interdisziplinäres Team um den Trentiner Archäologen Luca Bezzi, der gemeinsam mit seinem Bruder Alessandro das Unternehmen Arc-Team gegründet hat. Die internationale Fachzeitschrift „Heritage“ berichtete dieser Tage darüber.

Ötzi in der Kältekammer, 27.5.2010

Bis heute ist Ötzi, wie die Leiche genannt wird, die weltweit älteste Mumie. © MiS/IMAGO

Am Sitz von Arc-Team in Cles hatte das Team bereits zuvor gemeinsam mit der Universität Padua das Gesicht des heiligen Antonius von Padua dreidimensional rekonstruiert. Nun erstellten der Spezialist für digitale Archäologie und 3D-Dokumentation und seine Mitarbeitenden dort ein digitales 3D-Abbild der Mumie – in höchster Auflösung.

Forscher erstellen Ötzis digitalen Zwillings mittels CT-Daten und Fotografien

Dafür kombinierten sie 1.294 HD-Fotografien mit CT-Daten, die 2021 im Krankenhaus von Bozen aufgenommen wurden. Das Ergebnis: Der Mann aus dem Eis lässt sich künftig auch online und bis ins kleinste Detail untersuchen. Forscherinnen und Forscher müssen ihn dafür weder berühren noch aus seiner Kühlzelle bewegen.

Diese Zelle schützt Ötzi seit 1998 und ist weltweit einzigartig. Sie erfüllt einen doppelten Zweck: Konservierung und visuelle Zugänglichkeit für das Publikum. 2003 wurde die Zelle erneuert. Seitdem verfügt sie über ein Kühlsystem, das die Innenwände mit einer 1,5 Zentimeter dicken Eisschicht überzieht – für eine höhere Luftfeuchtigkeit – sowie über eine neue Beleuchtungsanlage.

„Dieses vom Archäologiemuseum Südtirol in Auftrag gegebene Projekt“, erklärt Luca Bezzi, „eröffnet neue Perspektiven für Forschung, Konservierung und Vermittlung. Zum ersten Mal vereint es in einem einzigen Modell die hochauflösende Dokumentation der Oberfläche einer Mumie und die fotogrammetrischen Daten der Computertomografie ihres Inneren.“ Dadurch lasse sich heute bereits das Knochenskelett virtuell untersuchen.

Was ging in Ötzi vor? Untersuchung innerer Organe geplant – Projekt lief nicht ohne Probleme

Der nächste CT-Scan, der in sieben Jahren geplant ist, werde Aufschluss über die inneren Organe geben. Das Gehirn etwa scheint leicht zu analysieren zu sein. Dabei sollen auch vielversprechende Technologien wie Blaulichtlaser eingesetzt werden. Elisabeth Vallazza, Direktorin des Archäologiemuseums Südtirol, betont: „Durch die regelmäßige Wiederholung dieser Analysen werden selbst minimale Veränderungen im Zustand der Mumie Ötzi erkannt und miteinander verglichen werden können.“

Das Projekt war ursprünglich gestartet worden, um die Funde des Mannes vom Similaun zu überwachen, wurde dann aber auf den Körper selbst ausgeweitet. Probleme blieben dabei nicht aus. „Leder, Fell, Holz, Kupfer, Pflanzenfasern, Feuerstein, Haut und Eis reflektieren das Licht auf sehr unterschiedliche Weise, daher haben wir die Aufnahmemethode an jedes einzelne Material angepasst“, berichtet Luca Bezzi. Die Bärenfellmütze, für die die neuralen Radiance-Fields der Künstlichen Intelligenz erprobt wurden, erwies sich als besonders schwierig.

„Diese Technologien arbeiten mit der Physik des Lichts und ermöglichten es uns, jene komplexe dreidimensionale Struktur in hoher Auflösung zu erfassen. Hätten wir uns hingegen auf traditionelle polygonale 3D-Modelle beschränkt, wären die Details spärlich geblieben“, so der Experte.

„61 Tätowierungen sind deutlich zu erkennen“: Experte vermutet medizinische Körpermarkierungen

Bei der Mumie selbst sei die Dokumentation aufgrund der Reflexionen der feuchten Haut, verursacht durch die Befeuchtung in der Zelle, eine Herausforderung gewesen. „Deshalb entwickelte das Team eine spezielle Aufnahmemethode mit polarisiertem Licht, wodurch störende Reflexe stark reduziert und ein Modell mit submillimetrischer räumlicher Auflösung erzielt wurde.“ Der Experte fügt hinzu, dass Ötzi möglicherweise die einzige Mumie sei, die mit einem Mix aus CT und Fotogrammetrie dokumentiert wurde.

„Die 61 Tätowierungen sind deutlich zu erkennen und könnten medizinische Tätowierungen sein, eine Art heilende Akupunktur. Der nächste, hochinteressante Schritt wird sein, herauszufinden, ob sie kranke Bereiche seines Körpers abdeckten“, sagt Bezzi. Dies würde beweisen, dass die Ärztinnen und Ärzte der Kupferzeit alles andere als primitiv waren. Damit könnte der digitale Zwilling von Ötzi nicht nur neue Erkenntnisse über seinen Gesundheitszustand liefern, sondern auch ein völlig neues Licht auf das medizinische Wissen prähistorischer Gesellschaften werfen.