Frankreich versinkt in einer Dreifachkrise

Bildungsproteste, Schuldenberg, Populismus: Frankreich versinkt in einer multiplen Krise, deren Ursachen sich überlagern. Dabei hätte Europa eine solide Führung aus Paris nötiger denn je

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Frankreich versinkt in einer Dreifachkrise

Grande Nation

Frankreich versinkt in einer Dreifachkrise

Bildungsproteste, Schuldenberg, Populismus: Frankreich versinkt in einer multiplen Krise, deren Ursachen sich überlagern. Dabei hätte Europa eine solide Führung aus Paris nötiger denn je

Analyse

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Stefan Brändle

aus Paris

Eine Gruppe von Polizeiangehörigen in Schutzmontur schreitet energisch voran, während im Vordergrund ein brennender Mülleimer auf einer Straße in Paris steht.
Es kam auch wieder zu Gewalt bei den Protesten.

Auch Greta Thunberg war gekommen. "Sie rauben uns unsere Zukunft", erklärte die schwedische Klimaaktivistin (23) vor dem Gymnasium Paul Eluard in der Pariser Vorstadt Saint-Denis, wo Schüler am Dienstag den "Akt V" ihrer Protestbewegung ausriefen.

200 Gymnasien von 3700 waren blockiert, weniger als letzte Woche. Bei Demonstrationen in vielen Städten schlossen sich Gewerkschaften, Eltern, Anwälte und Linkspolitiker an, im Bemühen, einen "Zusammenfluss des Kampfes" (convergence des luttes) zu bewirken. Die Demos waren allerdings auch spärlicher besucht. Gewalttätige Trittbrettfahrer legten sich einmal mehr mit der Polizei an.

Eine Frau mit blonden Haaren steht vor einem Zaun. Sie trägt ein gestreiftes Oberteil und ein Tuch mit schwarz-weißem Muster um die Schultern. Ihre Hände sind erhoben, und sie blickt ernst. Im Hintergrund sind weitere Personen und Bäume zu sehen.
Greta Thunberg protestierte auch mit.

Die Entschlossenheit der Gymnasiasten bleibt intakt. Ihre Forderungen werden laut Umfragen von einer Mehrheit von 54 Prozent der Franzosen unterstützt. Immer mehr richtet sich der Protest gegen das anonyme, bei den Schulabgängern verhasste Hochschul-Wahlverfahren "parcoursup". Schüler und viele Lehrer fühlen sich dabei eher an Big Brother gemahnt. Sie verlangen ein neues Online-Einschreibverfahren. Nötig wäre dazu aber eine tiefgreifende Bildungsreform, die mehr Gewicht auf die Berufslehre als auf die Hochschuldiplome legen würde.

Hohe Staatsschuld

Für ihre Ursprungsforderungen nach mehr Lehrern und Schulsanierungen verlangen die Lycée-Verbände 10 Milliarden Euro. Der satte Betrag offenbart vor allem die Ohnmacht der Regierung. Frankreich macht nicht nur eine Schul-, sondern auch eine mindestens so gravierende Finanzkrise durch. Die Staatsschuld von 3600 Milliarden Euro lässt seit Wochen die Zinsen steigen. Für die 10-Jahres-Anleihen, die sogenannten OATs, zahlt das Schatzamt an einzelnen Tagen über fünf Prozent Zins. In Paris geht bereits das Schreckgespenst der aus der Griechenlandkrise bekannten Troika um: Werden Währungsfonds, EU-Kommission und Europäische Zentralbank den Franzosen bald eine Austeritätskur verordnen müssen?

Vor diesem düsteren Hintergrund hat die französische Nationalversammlung am Dienstag die Debatte über den Haushalt 2027 aufgenommen. Darin ist allerdings nicht von neuen Milliardenausgaben die Rede, sondern eher von Einsparungen. Die Linke spricht von Austerität und mobilisiert dagegen. Denn in einem halben Jahr sind in Frankreich Präsidentschaftswahlen – kein idealer Anlass, um den Wählern höhere Steuern oder andere Opfer abzuverlangen. Das Unbeugsame Frankreich (LFI) des Linken-Tribuns Jean-Luc Mélenchon will der Regierung von Sébastien Lecornu das Vertrauen entziehen und sie zu Fall bringen. Das wäre indes nur möglich, falls sich die Sozialisten und die Rechtspopulisten von Marine Le Pen anschließen.

Eine Gruppe von Menschen befestigt ein großes weißes Banner an einer Wand mit der Aufschrift „MACRON, TU CASSES L'ÉCOLE! MOBILISATION GÉNÉRALE!“ während einer Demonstration in Nantes, Frankreich, am 13. Oktober 2026. Im Vordergrund schwenkt eine Person eine andere Fahne mit Schriftzügen in Rot und Blau. Die Proteste richten sich gegen schlechte Lernbedingungen an Schulen.
Auch gegen Emmanuel Macron wird Stimmung gemacht.

Lecornu sitzt auf jeden Fall in der Klemme: Kommt er den Gymnasiasten finanziell entgegen, werden die Finanzmärkte der Regierung in Paris die Schlinge umlegen; übergeht er die Mittelschüler, droht ihm dagegen ein anhaltender Sozialkonflikt wie 2019 durch die rabiaten Gelbwesten.

Keiner hört auf Macron

Präsident Emmanuel Macron rief die Demonstrierenden vor dem fünften Akt am Dienstag zu "Ruhe und Ordnung" auf. Doch die Nation hört seit langem nicht mehr hin. Viele werfen Macron vor, er sei vor zehn Jahren angetreten, die politischen Extreme zu bekämpfen, habe aber genau das Gegenteil erreicht. Im zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahl im Mai 2027 sehen die Umfragen die Populisten Le Pen und Mélenchon vorne. Das hieße, dass Frankreich ab Mai 2027 von einer oder einem Radikalen regiert würde. Beide haben ein gefährliches Wirtschaftsprogramm, beide hegen gewisse Affinitäten zu Wladimir Putin.

Bloß, wenn Putin mit US-Präsident Donald Trump weiter gemeinsame Sache macht, können die Europäer nicht anders, als Gegensteuer zu geben. Das setzt voraus, dass Berlin, Paris und London ge- und entschlossen vorgehen. Die Frankreich-Wahl könnte Europa eine neue Dynamik verleihen und zur Sicherung der Ukraine und des europäischen Ostens beitragen. Mit Le Pen oder Mélenchon im Elysée würde aber alles anders. Und sowohl der Schulstreit als auch die Haushaltsdebatte leisten derzeit in erster Linie den Populisten im Land Vorschub. (Stefan Brändle aus Paris, 13.10.2026)

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