Warum Franz von Assisi auch 800 Jahre später noch provoziert
Friedensstifter, Prediger der radikalen Armut, Ökologe avant la lettre: Franz von Assisi wird für vieles in Anspruch genommen. Auch für manches, was er nicht war. Vor 800 Jahren ist er gestorben.
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Franz hat sich vor aller Welt zum Narren gemacht und daran erinnert, wie radikal die christliche Botschaft ist: Was man vom Mann aus Assisi lernen kann
Friedensstifter, Prediger der radikalen Armut, Ökologe avant la lettre: Franz von Assisi wird für vieles in Anspruch genommen. Auch für manches, was er nicht war. Vor 800 Jahren ist er gestorben.
Volker Leppin03.10.2026, 05.30 Uhr
7 Leseminuten

Ein radikaler Heiliger: Franz von Assisi erinnert daran, was es heissen würde, ohne Kompromisse Christ zu sein.
Chiara Negrello für NZZ
Ein junger Mann steht plötzlich in der Öffentlichkeit, nackt vor einem Bischof. Der Skandal ist perfekt: Als das geschah, am Anfang des 13. Jahrhunderts in Assisi, vermischten sich bei der Bevölkerung vermutlich Erschrecken und klammheimliche Freude miteinander. Denn der nackte Mann war Francesco, der Sohn des bekannten, wohlhabenden Kaufmanns Pietro di Bernardone.
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Die meisten hielten Francesco, den Spross aus gutem Hause, ohnehin schon für einen Spinner. Wenige Wochen zuvor war er aus der Stadt ausgeritten, hatte Handel getrieben – und dann war er unter Umständen, über die man nur munkeln konnte, verschwunden. Auch das Geld, das er für seinen Vater eingenommen hatte, war weg, so viel zumindest wusste man. Zurückgekehrt war statt des reichen Jünglings ein stinkender, wilder, ausgezehrter Mann. Und nun, vor dem Bischof, sollte er dem Vater endlich das Geld zurückgeben. Das tat er auch: Er warf es ihm hin, und seine Kleider gleich hinterher.
In dieser Szene verdichtet sich nicht nur das franziskanische Ideal, nackt dem nackten Jesus zu folgen. Hier zeigt sich auch die entscheidende Wende im Leben des Franz von Assisi: ein Generationenkonflikt, der ihn in die Arme der Kirche trieb.
In den Biografien des Heiligen kommt der Vater in der Regel schlecht weg: Er versteht den Sohn nicht, verfolgt ihn, sperrt ihn weg. Das lässt sich nicht schönreden. Aber was dabei untergeht, ist, dass auch Pietro auf seine Weise ein guter Christ war. Natürlich half er den Armen und Aussenseitern – nur sehen wollte er sie nicht und schon gar nicht fühlen. Er schickte ihnen seine Spenden lieber durch Boten.
Ein Kuss für die Kranken
Da setzte der Sohn an. Er ging selbst von Assisi, der Stadt am Berg, hinunter zu den Kranken im Tal. Er brachte ihnen seine Almosen mit eigener Hand, und dabei beliess er es nicht. Er schloss, so erzählen die Biografen, einen Leprakranken in die Arme und küsste ihn. Das ist nicht zur Nachahmung empfohlen, muss man in pandemieerfahrenen Zeiten hinzufügen – aber beeindruckt sein kann man von der Konsequenz schon, die den Kranken nicht durch seine Krankheit definiert, sondern dadurch, dass er ein Kind Gottes ist. Das ist es, was so viele Menschen mit Krankheit oder Behinderung ersehnen. Franz gab es ihnen.
Es war diese Haltung, die der Vater nicht verstand, erst recht nicht, als der Sohn auch noch sein Vermögen unterschlug. Er liess es in dem Kirchlein von San Damiano, zum Wohle der Kirche statt zum Profit des Vaters. Genau dieselbe Spannung, die sich hier zeigt, wurde dann in jener oben beschriebenen Szene offenkundig. Als Franz nackt dastand, war es der Bischof, der ihn bedeckte.
Franz, der erklärt hatte, er wolle nicht mehr Pietro seinen Vater nennen, sondern Gott allein, hatte auch eine neue Mutter gefunden: die Kirche. Das ist vielleicht das Irritierendste an diesem Heiligen: Er, der so klar kritisieren konnte, wie die frühkapitalistischen Muster seines Elternhauses Eigennutz vor Nächstenliebe stellten, sah offenbar gar nicht, wie die Kirche seiner Zeit in Reichtum schwelgte.

Im Juli 1228 legte Papst Gregor IX. den Grundstein zum Bau der Basilika San Francesco in Assisi. Heute beherbergt sie die Reliquien des heiligen Franz.
Chiara Negrello für NZZ
Eigentlich war das kapitalistische Modell der damals moderne Lebensentwurf. Während die Kirche in verkrusteten hierarchischen Strukturen gefangen war, repräsentierten die Kaufleute wie Pietro eine moderne Ethik, in der man seine Güter nicht erbte, sondern durch eigene Anstrengung verdiente. In Assisi war es sogar zum Krieg zwischen diesen aufstrebenden bürgerlichen Schichten und dem etablierten Adel um die politische Macht gekommen.
Traum und Kalkül
Nun fand der Kaufmannssohn Franz 1209 Schutz bei den traditionellen, mit dem Adel verbundenen kirchlichen Mächten, ja, am Ende bei Innozenz III. – ausgerechnet bei einem Papst, der die Machtgier und Herrschsucht der mittelalterlichen Nachfolger Petri repräsentierte wie kaum ein zweiter. Das war eine merkwürdige Allianz zwischen Poverello und dem Papst.
Gott hatte sie angeblich durch einen Traum gestiftet: Dem Bischof von Rom war Franz als Stütze der Kirche erschienen. Dieser Traum gehört in eine Linie der theologisch-literarischen Deutungen des Franz, die auch zu der berühmten Erzählung von dem sprechenden Kruzifix geführt hat, das Franz angeblich aufforderte, die Kirche wieder aufzurichten. Was den Papst dazu führte, freundlich mit Franz umzugehen, dürfte allerdings weniger ein Traum gewesen sein als ein nüchternes Kalkül: In Franziskus hatte man eine Gestalt gefunden, die es erlaubte, das Armutsideal gefahrlos in die Kirche zu integrieren.
Der Ärger, den die Kirche sich mit den häretisierten Bewegungen der Waldenser und Katharer eingehandelt hatte, sollte sich nicht wiederholen. Deren Ideal sollte eingehegt und domestiziert werden. Dafür war Franz ein guter Kandidat – nicht weil er naiv gewesen wäre, sondern weil er Zeit seines Lebens ein treuer Diener der Kirche war. Gott habe ihm «einen so grossen Glauben zu den Priestern» gegeben, schrieb er in seinem Testament, dass er sie «achten, lieben und ehren» wolle «wie meine Herren».
Dieses Testament war derselbe Text, in dem Franz Anweisungen für das franziskanische Leben gab, die den Radikalen unter seinen Nachfolgern zur Grundlage werden würden. Deswegen hielt sogar Papst Gregor IX. fest, dieses Vermächtnis habe nicht dieselbe Verbindlichkeit wie die offizielle Ordensregel. Damit versuchte er Franz und seine Ideale einzufangen – aber das geht eben nicht so einfach. Und es geht auch nicht mit modernen Schubladen.

Der Heilige, der mit den Tieren sprach: Bild aus dem Leben des heiligen Franz in Assisi.
Chiara Negrello für NZZ
Friede mit dem Wolf
Man hätte das gerne: Franz, der religiöse Friedensstifter. Franz, der Ökologe avant la lettre. Beides war er nicht. Das heisst nicht, dass er nichts Bemerkenswertes zu diesen Fragen beizutragen hätte. Als er 1219 das Lager von Sultan al-Malik al-Kamil betrat, tat er das offenkundig friedlich, immerhin. Aber er kam da aus dem Lager der Kreuzfahrer, und am Ende war seine Absicht eben nicht ein Religionsdialog, für den man Franz heute gerne heranzieht, sondern er zielte auf die Bekehrung des Sultans.
Hätte er Erfolg gehabt, wäre das Ziel der Kreuzfahrer ohne Kampf erfüllt gewesen – bezeichnenderweise in einer Situation, in der sie, nach ihrer vernichtenden Niederlage gegen die Araber im Sommer desselben Jahres, auf militärischen Erfolg erst einmal nicht hoffen konnten. Auch wenn spätere Legenden noch Erzählungen von einer heimlichen Bekehrung des Sultans nachtrugen: Der historische Franz erreichte sein Ziel nicht und wurde vermutlich überhaupt nur deswegen freigelassen, weil er völlig harmlos wirkte. Al-Kamil fand ihn wohl auch nicht eindrucksvoller als seinerzeit die Bürger von Assisi.
Weniger ernüchternd ist ein Blick auf sein Verhältnis zur Natur. Auch unter der Schicht vieler Legenden lässt sich eine besondere Beziehung zur Schöpfung, wohl auch zu den Tieren erahnen. Natürlich ist die Erzählung von dem Wolf, der das Städtchen Gubbio bedrohte und mit dem Franz per Hand- beziehungsweise Pfotenschlag Frieden schloss, erfunden. Die Geschichte, dass er predigend auf Vögel zuging und sie mit Worten der Bergpredigt pries, könnte hingegen einen wahren Kern haben – und gesichert ist natürlich sein berühmter Sonnengesang, in dem er die Gestirne als Geschwister ansprach.
Der Text hat auch seine Kanten: Er endet mit der mahnenden Erinnerung an den «zweiten Tod», dem vernichtenden Gericht für die Sünder. Dieser Franz passt schlecht zu der Brunnenfigur mit süssen Tierchen, die manchen Vorgarten ziert, und auch sonst hört man solche Drohungen vielleicht nicht so gerne – es ist kein Zufall, dass Papst Franziskus sein Zitat des Sonnengesangs in der Umwelt-Enzyklika «Laudato si’» von 2015 vorher abbrach.
Kompromiss mit dem Alltag
Derselbe Papst hat dabei aber auch klar benannt, dass die Gedanken des Heiligen des 13. Jahrhunderts nicht eins zu eins auf das heutige Problem eines menschengemachten Klimawandels zu übertragen sind. Natur ist für Franz in erster Linie Schöpfung, Spiegel und Abbild Gottes. Solche theologische Tiefe würde sicher manchem kirchlichen Beitrag zu Umweltfragen heute guttun, erschöpfen kann sich der Diskurs darin in der Kirche nicht und schon gar nicht in der Gesellschaft insgesamt.
Die Faszination dieses Armen aus Umbrien liegt ohnehin in anderem – es ist letztlich jener Franz vor dem Bischof. Der nackte, verletzliche junge Mann, der doch eine solche ungeheure Kraft ausstrahlt. Der seine Zuwendung zu den Nächsten mit einer Radikalität lebt, die herausfordernd ist. Wenn überhaupt, scheint heute das Christentum von Franziskus’ Vater lebbar: Versöhnt mit einem insgesamt säkularen Alltag, besucht man den Gottesdienst und spendet hier und da.
Das mag als gut christlich durchgehen. Es sei denn, man trifft auf einen wie Franz. Der sagt, genau das sei nicht genug. Christusnachfolge, Nächstenliebe lebt sich nicht vom Sessel aus, sondern fordert eine Lebensumkehr. Franz hat sein bequemes Leben hinter sich gelassen, er hat sich in den Augen anderer zum Narren gemacht. Und darin an die Radikalität der christlichen Botschaft erinnert und daran, dass christlicher Glaube sich nicht immer als Kompromiss mit dem Alltag durchbuchstabieren lässt.
Volker Leppin ist evangelischer Theologe und Professor of Historical Theology an der Yale University. Im Herder-Verlag ist soeben sein Buch «Franz von Assisi. Ein unbequemer Heiliger» erschienen.
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