Franzobels Einwürfe: Fehler sind in unseren Breiten fremd geworden
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen. Kolumne © APA / Helmut FohringerRalf Rangnick gestand bei seiner WM-Analyse Fehler einFranzobel, 1967 in Vöcklabruck geboren, ist Schriftsteller und Sport...
- 3 min read
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen. Kolumne



© APA / Helmut Fohringer
Franzobel, 1967 in Vöcklabruck geboren, ist Schriftsteller und Sport-Fan.
vor 10 Minuten
20. September 2026 um 06:00
Wie oft hört man bei Sportlern: „Das müssen wir analysieren.“ Was dabei herauskommt, erfährt man nie. Insofern war es überraschend, dass Ralf Rangnick bei seiner Analyse des WM-Turniers Fehler eingestanden hat. Die Spieler hatten zu viele Freiheiten, die Unterkunft war suboptimal, Leistungsträger unfit.
Es war überhaupt eine Woche der Offenbarungen, wobei die des Kabarettisten Gunkl zutiefst erschütterten. Beim Teamchef ging es um Spielerbespaßung, beim Spaßmacher war Schluss mit lustig. Rangnick hat ein paar Fehler in der Planung eingestanden, Paal ein Schwerverbrechen. Man kann die Geständnisse nicht vergleichen, aber eine Parallele gibt es doch, nämlich den öffentlichen Umgang mit Geständnissen. Für Gunkl fordern Beeinflusser die Todesstrafe (Pfählen, Vierteilen, Entschniedelwutzen), beim Teamchef den Rücktritt. Beide haben ihre Offenheit vermutlich längst bereut.
Kürzlich meinte eine Isländerin, dass es in Österreich keine Kultur für Fehler gibt. Während es in ihrem Land normal ist, dass man zugibt, etwas falsch gemacht zu haben, wird bei uns herumgedruckst. Zwar gab es einst Selbstgeißler, die sich schuldbewusst die Rücken blutig peitschten, aber das ist lange her. Mittlerweile will jeder makellos sein. Dabei passieren ständig Fehler, aus denen man lernen kann.
Im Gegenteil, wir suhlen uns im Zerfleischen der Sündenböcke, weil wir selbst immer alles richtig machen.
— Franzobel
Insofern hat mich die selbstkritische Analyse des Teamchefs gefreut. Nur so ist es möglich, dass wir uns künftig verbessern. Bei Gunkl kommen Geständnis und Entschuldigung freilich zu spät. Der Mann ist erledigt, Kindesmissbrauch unverzeihlich. Aber auch hier wäre ein früheres Eingeständnis gut gewesen. Hätte er vor zehn, zwölf Jahren Hilfe gesucht, wäre dem Kind wohl nichts passiert. Aber wer gibt schon zu, dass er nicht perfekt ist?
In Österreich fehlt dafür die Kultur. Liegt es am Katholizismus, der Fehltritte in den Beichtstuhl sperrt, an einer tief verwurzelten Angst vor der Obrigkeit oder am aktuellen Perfektionswahn? Der Umgang mit den Geständnissen zeigt es – niemand lobt den Teamchef für seine Selbstreflexion, und keiner sagt, Gunkl, so schreckliche Dinge er auch begangen hat, ist trotzdem ein Mensch, wenn auch ein kranker. Im Gegenteil, wir suhlen uns im Zerfleischen der Sündenböcke, weil wir selbst immer alles richtig machen. Hier können wir von den Isländern lernen, bei denen ein Sprichwort sagt: Kein Ei ist so weiß, dass es nicht irgendeinen Fleck hat. „Das müssen wir analysieren“ muss keine leere Phrase bleiben. Die Angst vor Fehlern darf nicht schlimmer sein als die Fehler selbst. Es ist schwer, so etwas tief Verwurzeltes zu überwinden, aber notwendig, jedenfalls bestimmt kein Fehler.