Kämpfen, führen, Karriere machen: Was Deutschland von Israels Soldatinnen lernen kann

Frauen im Militär "Das ist immer die Frage beim ersten Date"InterviewEin Interview von Anne-Kathrin Hamilton21.07.2026 - 13:33 UhrLesedauer: 5 Min.Während Deutschland über Wehrdienst für Frauen diskutiert, sind...

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Kämpfen, führen, Karriere machen: Was Deutschland von Israels Soldatinnen lernen kann

Frauen im Militär

"Das ist immer die Frage beim ersten Date"

InterviewEin Interview von Anne-Kathrin Hamilton


21.07.2026 - 13:33 UhrLesedauer: 5 Min.

Während Deutschland über Wehrdienst für Frauen diskutiert, sind Israelinnen seit der Staatsgründung fest ins Militär eingebunden. Drei Offizierinnen berichten aus der Praxis.

Zeit zum Ausschlafen und Stadtbummeln bleibt dem Besuch aus Israel nicht. Für drei Tage reisen sechs Offizierinnen der israelischen Streitkräfte (IDF) nach Berlin, um sich mit Vertretern aus Medien, Politik und Militär auszutauschen. Möglich macht das die Denkfabrik European Leadership Network, die sich zum Ziel setzt, die europäisch-israelischen Beziehungen zu fördern. Während Deutschland über seine Kriegstüchtigkeit, die Wehrpflicht und die Rolle von Frauen im Militär diskutiert, sind Israelinnen längst fest in den IDF eingebunden.

In Israel gilt die Wehrpflicht für Frauen seit der Gründung des Staates. Sie dienen nicht nur im logistischen, medizinischen oder technischen Bereich, sondern übernehmen Führungspositionen, fliegen Kampfeinsätze und operieren in Spezialeinheiten. Im Gespräch mit t-online ordnen zwei Offizierinnen, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben, und Major Ella Waweya, IDF-Sprecherin für arabische Medien, ein, was Resilienz, Wehrpflicht und Gleichberechtigung in der Praxis für sie bedeuten.

t-online: Angesichts des Aggressors Russlands und des unzuverlässigen Partners in Washington will Deutschland seine Verteidigungsbereitschaft stärken. Bis zum Jahr 2035 soll die Bundeswehr auf eine Gesamtstärke von 460.000 Soldaten anwachsen. Der neue Wehrdienst gilt nicht für Frauen. Auch sind Frauen von einer potenziellen Wehrpflicht laut Grundgesetz ausgeschlossen. Ist Kriegstüchtigkeit möglich, ohne Frauen aktiv einzubinden?

Offizierin 1: Möglich ist es, aber Frauen steuern etwas bei, das sie von Männern abhebt und damit die Streitkräfte stärkt. Das gängige Argument ist ja, dass Soldatinnen ihren Kameraden körperlich unterlegen und für Kampfeinsätze nicht fit genug wären. Aber ich kenne Fälle, in denen Frauen Prüfungen besser als ihre männlichen Mitstreiter bestanden haben. Zudem bringen Frauen eine wertvolle emotionale Komponente mit.

(Quelle: IDF Spokesperson's Unit // CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=184464000)

Zur Person

Oberstleutnant Ella Waweya (geb. 1989) ist die ranghöchste arabisch-muslimische Offizierin der israelischen Streitkräfte. Sie dient als Sprecherin für arabische Medien. Unter dem Spitznamen "Captain Ella" informiert sie Araber in sozialen Medien über Israel und die IDF. Anders als die anderen beiden IDF-Offizierinnen, die aus Sicherheitsgründen nur anonym in diesem Interview zu Wort kommen, darf Waweya mit Bild und Namen gezeigt werden.

Das klingt klischeehaft, oder?

Offizierin 1: Vielleicht, aber die Erfahrung aus der Praxis zeigt, dass wir Frauen im Gegensatz zu Männern in der Truppe eher nach friedlichen Lösungen suchen und Konflikte schlichten, anstatt zu eskalieren.

Offizierin 2: Frauen besitzen ein gewisses Feingefühl, was sich besonders positiv auf menschliche Beziehungen auswirkt. Doch wir sind viel mehr als das. Wir sollten nicht allzu sehr in den Kategorien "Frauen" und "Männer" denken. Am Ende besitzt jede Person individuelle Stärken, und man muss den Bereich finden, wo sie diese einbringen kann.

Ella Waweya: In Israel spielt die Frage zwischen Mann und Frau im Militär keine Rolle. Jeder schaut individuell, wie er etwas beitragen kann – auch freiwillig. Für mich gilt die Wehrpflicht zum Beispiel nicht, da ich arabische Wurzeln habe. Dennoch bin ich der IDF beigetreten. In Israel gehört das Militär fest zur Gesellschaft. Es macht uns und unsere Familien stolz, die Uniform zu tragen.

Welche gesellschaftliche Bedeutung hat der Militärdienst für Frauen in Israel über die reine Verteidigungsfähigkeit hinaus?

Offizierin 1: Das Militär spielt eine große Rolle im sozialen Leben. Die erste Frage bei einem Date in Israel ist immer, wo der andere dient. Damit erhalten wir einen ersten Eindruck von unserem Gegenüber.

Offizierin 2: Es fühlt sich an, als wäre man Teil einer Familie. Das Gefühl der Zugehörigkeit und das Ansehen innerhalb der Gesellschaft sind enorm.


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Das Militär ist für uns Frauen in Israel ein berufliches Sprungbrett.


IDF-Offizierin


Seht ihr die zweijährige Wehrpflicht nicht als Eingriff in eure individuelle Freiheit? In Israel geht es mit 18 Jahren gleich nach der Schule zum Militär, während sich Frauen in Deutschland bereits ihrer Karriere widmen oder auf Weltreise gehen können.

Offizierin 2: Das Militär ist für uns Frauen in Israel ein berufliches Sprungbrett. All das Wissen, die Erfahrungen und Fähigkeiten, die wir sammeln, sind für unsere spätere berufliche Laufbahn entscheidend. Junge Frauen erhalten wichtige Positionen. 18-Jährige lernen, viel Verantwortung auf ihren Schultern zu tragen.

Offizierin 1: Meine 18-jährige Nichte arbeitet in einer strategischen Einheit. Basierend auf ihrer Arbeit werden wichtige Entscheidungen getroffen. Das prägt einen jungen Menschen.

Waweya: In Israel ist der Anteil der Frauen unter den Offizieren hoch. Den jungen Menschen werden dadurch wichtige Werte vermittelt. In meinen Augen rückt auch die Gesellschaft näher zusammen. Das Militär bringt nicht nur Christen, Muslime und Juden zusammen, sondern auch Juden aus der ganzen Welt, die sich dem Militär anschließen, etwa aus Europa.

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Das Militär ist also in Israel ein berufliches Sprungbrett für Frauen. Aber wie sieht das für Mütter aus?

Offizierin 1: Wir haben viele Mütter im Militär, auch in den Kampfeinheiten. Es gibt etwa Brigadekommandeurinnen, und da ist es klar, dass sie nicht jeden Abend zu ihren Kindern heimkehren können. Das sind harte Entscheidungen, die man als Mutter treffen muss. Aber das Militär unterstützt Familien etwa finanziell bei der Kinderbetreuung.

Wie unterstützt das Militär noch?

Waweya: Es geht nicht nur darum, Mutter zu sein. Ich pflege zum Beispiel ein krankes Familienmitglied und erhalte in Notfällen Urlaubstage. Das Militär muss jedem Flexibilität bieten, damit es funktioniert – nicht nur Müttern, sondern auch Vätern und gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kindern. Das ist keine Frage des Geschlechts.

Deutschland will den Frauenanteil in der Bundeswehr um 20 Prozent anheben. Welche Schritte sind nötig, um dieses Ziel zu erreichen?

Offizierin 2: Es sollte deutlich aufgezeigt werden, welche Chancen und Perspektiven das Militär jungen Frauen eröffnet. Viele denken sofort an Kampfeinsätze und einen Dienst an der Waffe, aber das Militär ist viel mehr als das. Es gibt auch wichtige Stellen im logistischen, technischen und medizinischen Bereich mit guten Karriereaussichten. Zusätzlich sollten die Benefits hervorgehoben werden.


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Aus meiner Sicht befindet sich Deutschland in einer Identitätskrise.


Ella Waweya


Benefits bieten auch andere Arbeitgebende in Deutschland – mit günstigeren Arbeitsbedingungen, wie Kritikerinnen argumentieren. Wozu sich als Frau dem Militär verpflichten?

Waweya: Aus meiner Sicht befindet sich Deutschland in einer Identitätskrise. Die Frage ist: Wofür steht ihr als Deutsche ein? Welche Werte wollt ihr kollektiv vertreten und demnach beschützen? In Israel ist das Militär ein großer Teil unserer Identität.

Kritisiert wird auch, dass die Bundeswehr überfordert wäre, die militärische Infrastruktur für einen höheren Frauenanteil zu stellen.

Offizierin 2: Wir Frauen erwarten in Israel keine Sonderbehandlung. Getrennte Unterkünfte, Duschen, Toiletten und Umkleiden. Das ist alles, was es braucht. Ansonsten gelten für uns die gleichen Bedingungen wie für die Männer.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Sie sich als Frau gegenüber den männlichen Kameraden mehr beweisen müssen?

Offizierin 1: Ich spüre es gelegentlich.

Offizierin 2: Wirklich? Ich nicht. Oft machen wir uns als Frauen selbst den Druck. Aber wir leisten doch das Gleiche wie die Männer und müssen uns nicht verstecken.

Vielen Dank für dieses Gespräch!