Für Frauenbewegung in Orbans Ungarn essenziell
Während der Regierungszeit von Viktor Orbán hatten in Ungarn Frauenrechte einen schweren Stand. Für die Frauenbewegung waren Internet und Social Media sehr wichtig, schreibt die Medienwissenschaftlerin Györgyi Horváth anlässlich eines Vortrags Montagabend in Wien in einem Gastbeitrag.
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Social Media
Während der Regierungszeit von Viktor Orbán hatten in Ungarn Frauenrechte einen schweren Stand. Für die Frauenbewegung waren Internet und Social Media sehr wichtig, schreibt die Medienwissenschaftlerin Györgyi Horváth anlässlich eines Vortrags Montagabend in Wien in einem Gastbeitrag.
Online seit gestern, 20.21 Uhr
Die 16 Jahre der Herrschaft von Viktor Orbán (2010–2026) gelten weithin als eine Phase des demokratischen Rückschritts in Ungarn, und die Geschlechtergleichstellung sowie die Frauenrechte gehörten zu den Bereichen, in denen sich die Lage im Land erheblich verschlechterte: Das Orbán-Regime sprach Frauen im Rahmen einer streng konservativen Familienpolitik konsequent und ausschließlich in ihrer Rolle als Mütter an, und NGOs, die sich für Frauenrechte einsetzten, wurden systematisch behindert. Gleichzeitig entwickelten sich im Laufe dieser 16 Jahre das Internet und die sozialen Medien rasant weiter, was einige der Pläne von Viktor Orbán durchkreuzte.
Gegenwärtig werden die sozialen Medien allgemein als ein Raum angesehen, der von Desinformation und groß angelegter politischer Manipulation geprägt ist, also als eine Kraft, die demokratische Normen untergräbt. Doch in einem Land, das einen schrittweisen Wandel hin zur Autokratie durchlief, wie es in Ungarn der Fall war, wo die Regierung ab 2015 die öffentlichen Medien ihrer eigenen Ideologie unterordnete, bis 2018 ein eigenes Medienimperium aufgebaut hatte um diese Ideologie zu verbreiten, und wo nur eine Handvoll unabhängiger Medien überleben konnte, gewannen das Internet und insbesondere die sozialen Medien zunehmend an Bedeutung, weil sie als Plattformen nicht direkt unter Orbáns Kontrolle standen.
Von Massenmedien ignoriert
Unter diesen Umständen wandten sich die ungarischen Bürger*innen zunehmend den sozialen Medien als Informationsquelle zu. Sie nutzten diese Plattformen auch als Räume für zivilgesellschaftliche Selbstorganisation, um Themen von gemeinsamem Interesse zu diskutieren, neues Wissen zu erwerben – beispielsweise über Frauenrechte – und gelegentlich, um Bürger*innen für bestimmte Anliegen zu mobilisieren.
Besonders Facebook entwickelte sich bereits im Jänner 2011 zu einer wichtigen Plattform für die Organisation und Mobilisierung regimekritischer Bürger*innen. Ebenfalls auf Facebook begannen sich die ersten basisorientierten Frauenbewegungen in Ungarn zu organisieren. Dort diskutierten sie öffentlich zahlreiche Themen, die für sie von Interesse waren, aber von den ungarischen Massenmedien lange Zeit ignoriert worden waren, wie häusliche Gewalt gegen Frauen, mangelhafte medizinische Versorgung von Frauen in Entbindungskliniken oder alltäglicher Sexismus.
Diese Diskussionen erreichten ein breites Publikum und verschafften feministischen Anliegen eine beispiellose öffentliche Sichtbarkeit. So nutzten beispielsweise ungarische Frauen in den Jahren 2012–2013 Facebook, um eine landesweite Protestkampagne zu starten und Druck auf die Regierung auszuüben, häusliche Gewalt unter Strafe zu stellen.
Derzeit umfasst die digitale Basis-Medienlandschaft des feministischen und frauenrechtsorientierten Aktivismus in Ungarn etwa 50 bis 60 große Online-Räume, bei denen es sich überwiegend um Social-Media-Kanäle auf Facebook, Instagram, YouTube und seit kurzem auch auf TikTok, handelt.
Influencer organisierten Demos
Die politische Rolle der „Digital Content Creators“ mit vielen Followern in den sozialen Medien in Ungarn kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. So waren es am 16. Februar 2024 Internet-Influencer – und nicht Oppositionsparteien oder NGOs –, die in Budapest eine Massendemonstration gegen Missbrauch in staatlichen Kinderheimen und gegen die Versuche der Orbán-Regierung, das Thema unter den Teppich zu kehren, organisierten. Die von Influencern organisierte politische Massendemonstration mit rund 50.000 Menschen war weltweit beispiellos.
Und im September 2026 waren es neben einer kleineren Zahl von Künstler*innen und Aktivist*innen erneut vor allem Content Creators, die die neue ungarische Regierung dazu aufriefen, endlich sinnvolle Maßnahmen im Bereich der Frauenrechte zu ergreifen. Die Kampagne wurde von Edina Hajnal und Angéla Murinai initiiert, zwei feministischen Content Creators, die Facebook-Seiten mit einer Vielzahl an Followern betreiben.
Hoher Grad an Online-Aktivismus
Insgesamt hat sich während der 16 Jahre des Orbán-Regimes ein wesentlicher Teil des politischen Engagements ins Internet verlagert. Dieses hohe Maß an politischer Aktivität im Internet wird auch durch eine in diesem Jahr veröffentlichte Eurostat-Studie bestätigt: Während in den EU-Ländern durchschnittlich 20,63 Prozent der Menschen online politisch aktiv sind, liegt dieser Wert in Ungarn bei 42,12 Prozent (an zweiter Stelle steht Slowenien mit 33,47 Prozent).
Es bleibt jedoch offen, ob dieser Trend anhalten wird, sollte es Ungarn gelingen, die Demokratie und das Vertrauen in traditionelle Institutionen wiederherzustellen. Die Errungenschaften feministischer Schöpferinnen digitaler Inhalte bleiben jedoch unbestritten. Während der Unterdrückung unter einem Regime, das äußerst konservative Geschlechterrollen aktiv gefördert hat, haben sie eine beträchtliche Anhängerschaft aufgebaut, feministisches Wissen verbreitet, regelmäßig politische Kommentare veröffentlicht und – wie sie es auch jetzt tun – wiederholt für bestimmte Anliegen mobilisiert.
Wenn der Feminismus heute in Ungarn überhaupt zum Mainstream gehört, dann ist das nicht zuletzt ihnen zu verdanken.