„Gar nicht geschlafen": Siebtklässler berichten von sieben Stunden TikTok am Tag

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„Gar nicht geschlafen": Siebtklässler berichten von sieben Stunden TikTok am Tag

Stand: 25.09.2026, 08:00 Uhr

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Maja Sommer hält einen Workshop zum Thema Medienkompetenz und Gefahren von Social Media in der Weibelfeldschule Dreieich.

Maja Sommer hält einen Workshop zum Thema Medienkompetenz und Gefahren von Social Media in der Weibelfeldschule Dreieich. © Leonie Schäfer

Laut einer Studie zeigt mehr als jeder vierte Jugendliche bereits einen suchtgefährdeten Umgang mit Social Media. Expertin Maja Sommer spricht mit Schülern aus Dreieich.

Dreieich – Ein kurzer Moment der Stille und schon wandert die Hand wie von selbst zum Handy. Die Bewegung wirkt automatisiert. Unbewusst, aber zielsicher greifen wir in die Hosentasche, den Rucksack oder auf den Tisch neben uns. Denn das Smartphone ist immer in unserer Nähe, begleitet uns von Raum zu Raum. Beinahe so, als bräuchten wir etwas, das uns ständige Ablenkung garantiert.

Den Schülerinnen und Schülern einer siebten Klasse der Weibelfeldschule in Dreieich ist dieses Phänomen bekannt. „Ich bin manchmal sieben Stunden am Handy“, berichten mehrere Jugendliche. Noch bevor der Workshop von Social-Media-Expertin Maja Sommer überhaupt gestartet hat, tauschen sich die Jungs und Mädchen über ihre täglichen Bildschirmzeiten aus. „Wenn wir scrollen, vergeht die Zeit so schnell. Wir vergessen sogar zu essen“, sagt ein Schüler und erntet Zustimmung aus den eigenen Reihen.

Eine Entwicklung, die nicht nur im Mikrokosmos der Weibelfeldschule zu beobachten ist: Laut einer DAK-Nutzungsstudie zeigt mehr als jeder vierte zwischen 10 und 17 Jahren einen suchtgefährdeten oder bereits krankhaften Umgang mit sozialen Medien. Die aktuelle JIMplus-Studie zeigt, dass etwa 60 Prozent der 14- bis 17‑Jährigen regelmäßig Kurzvideos auf TikTok schauen. 13 Prozent der Befragten verbringen sogar mehr als drei Stunden pro Tag auf der App. Weitere 24 Prozent scrollen ein bis drei Stunden pro Tag.

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Schulprojekt „Medienkompetenz heute!“ sensibilisiert Jugendliche für digitale Gefahren

Wie man dieser Endlosspirale entkommt, erfahren die Jugendlichen von Maja Sommer. Ihre Unterrichtsstunden hat Lehrerin Verena Stefanski an diesem Vormittag für den Workshop der Social-Media-Trainerin geblockt. Gemeinsam mit ihrem Team „Social PROJect“ gibt Sommer Workshops, um Schülerinnen und Schüler schon ab der vierten Klasse für einen bewussten und reflektierten Umgang mit der Online-Welt zu sensibilisieren. Auch im vergangenen Jahr war sie Teil des Schulprojekts „Medienkompetenz heute!“, mit dem sich unser Verlag auch in Kooperation mit dem Bad Homburger Start-up „Digital School Story“ für Medienbildung einsetzt.

„Ihr müsst euch immer selbst fragen: ‚Wie viel Zeit lasse ich mich einfach nur berieseln?‘“, sagt Sommer. Wer seine Bildschirmzeit etwa damit verbringt, selbst ein Spiel zu programmieren, Grafiken zu erstellen oder Videos zu bearbeiten, arbeitet kreativ und eigenständig. Er bewegt sich weg von der Rolle des passiven Konsumenten und wird zum Gestalter. Oftmals sind die Jugendlichen jedoch gefangen, im Strudel aus nie enden wollenden Kurzvideos. „An einem Wochenende habe ich gar nicht geschlafen, weil ich nur auf TikTok war“, erzählt ein Schüler – und ist damit gewiss nicht allein. Schließlich sind Plattformen wie TikTok, Instagram und Snapchat darauf ausgelegt, dass Nutzende möglichst viel Zeit dort verbringen.

Maja Sommer hält einen Workshop zum Thema Medienkompetenz und Gefahren von Social Media in der Weibelfeldschule Dreieich.

Mit regem Interesse nehmen Schüler der Weibelfeldschule am Workshop teil. Sie sprechen dabei auch über den eigenen Umgang mit Social Media. © Leonie Schäfer

Weniger Bildschirmzeit – Maja Sommer empfiehlt, Push-Nachrichten auszuschalten

Die Inhalte gehen nie aus, ständig werden neue Videos gepostet oder vorgeschlagen. Apps wie Snapchat belohnen ihre User mit sogenannten Flammen, allerdings nur, wenn sie jeden Tag mindestens ein Bild oder Video an Freunde verschicken. Und ist es endlich gelungen, eine App zu schließen, locken Push-Benachrichtigungen. Die sollte man in seinen Einstellungen am besten deaktivieren, rät Sommer: „Ihr werdet euch wundern, wie viel Zeit ihr auf einmal habt.“

Zeit, die man nutzen kann, um analogen Hobbys nachzugehen, eigene Interessen zu entdecken und auszubilden – oder um mit anderen Menschen in Verbindung zu gehen. Im Klassenraum scheinen sich alle einig zu sein, dass man sich öfter draußen treffen könnte, anstatt nur miteinander zu telefonieren oder zu chatten. Wer einmal verstanden hat, dass er kostenlose Plattformen mit Lebenszeit und persönlichen Daten bezahlt, nimmt vielleicht bewusster Abstand.

Cybergrooming: Jeder dritte Jugendliche hat Erfahrung mit sexueller Belästigung im Netz

Doch nicht nur Techkonzerne haben ein Interesse an den Daten und der Aufmerksamkeit von Kindern und Jugendlichen. Auch erwachsene Menschen machen sich die Anonymität des Internets zunutze, um gezielt Kontakt zu Minderjährigen aufzubauen. Laut der repräsentativen JIM-Studie hat etwa jeder dritte Jugendliche in Deutschland bereits sexuelle Belästigung im Internet erlebt. Auch in der siebten Klasse der Weibelfeldschule ist das kein abstraktes Thema: Mehrere Schülerinnen und Schüler berichten im Workshop, schon verstörende Nachrichten von deutlich älteren Menschen erhalten zu haben. Sommers Tipp: „Stellt eure Profile auf privat. Ihr seid kein Freiwild, ihr seid nicht die Zielscheibe. Aber ihr müsst euer Schutzschild auch verwenden.“

Neben optimierten Einstellungen und einem geschärften Blick für die Taktiken der Plattformen ist ein Rat denkbar einfach: Zuckt die Hand das nächste Mal Richtung Smartphone, einmal tief durchatmen und überlegen: „Warum will ich da eigentlich dran?“ Ist die Antwort Gewohnheit oder Langeweile, fällt es vielleicht leichter, dem Impuls nicht nachzugeben.