„Sehr viel Zeit“: Psychologin warnt vor riskantem Arbeitstrend in Deutschland
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Gefahr für Beschäftigte: Psychologin warnt vor „Job Hugging“
Stand: 11.10.2026, 22:25 Uhr
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Viele Beschäftigte klammern sich trotz Frust an ihren Job. Eine Wirtschaftspsychologin erklärt, dass dahinter oft mehr als nur Bequemlichkeit steckt.
Hamburg – Der Wecker klingelt und schon beim Gedanken an die Arbeit zieht sich der Magen zusammen. Dass Beschäftigte mal keine Lust haben, ist normal. Jahrelange Unzufriedenheit im Job kann allerdings nicht nur der Karriere schaden, sondern auch der eigenen Entwicklung, erklärt Wirtschaftspsychologin Annette Kluge von der Ruhr-Universität Bochum der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Das Phänomen nennt sich „Job Hugging“. Dabei halten Beschäftigte trotz mangelnder Motivation und fehlender Aufstiegschancen an ihrem Beruf fest. In der Forschung wird das auch „kalkulatives Commitment“ genannt, erklärt Kluge. Mitarbeitende bleiben bei ihrem Arbeitgeber, weil sie nicht sicher sind, was mögliche Alternativen bringen. Das kann den Weg ins sogenannte „Quiet Cracking“ ebnen – das schleichende, unbemerkte Ausbrennen im Berufsalltag. Aus Sorge vor dem Risiko eines Wechsels arrangieren sich viele lieber mit der dauerhaften Unzufriedenheit, als den Absprung zu wagen.
Arbeitsphänomen „Job Hugging“: Beschäftige können den Anschluss verpassen
„Wir wissen, wie wir zum Arbeitsort kommen, wir haben Vergünstigungen, ein Firmenticket, Betriebsrente, etablierte Fahrgemeinschaften und Freundschaften am Arbeitsplatz“, sagt Kluge. „Bei einem Wechsel geben Beschäftigte das womöglich auf.“ Es gebe also immer Faktoren, die „Job Hugging“ begünstigen. Zudem sei es für eine Familie mit Kindern gefühlt riskant, die Sicherheit des alten Jobs aufs Spiel zu setzen.
Aber auch die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt kann eine Rolle spielen. Die Transformation der Industrie und die jüngste Insolvenzwelle in Deutschland verstärken das Sicherheitsbedürfnis vieler Beschäftigter und bremsen die Wechselbereitschaft. Auch KI ist zunehmend ein Thema. „Derzeit arbeiten viele Unternehmen an Konzepten zur Nutzung von KI‑Systemen, die Prozesse in Organisationen effizienter machen sollen“, so die Expertin. „KI-Anwendungen sind in fast allen Bereichen einsetzbar.“ Aber: Wer an einem Job festhält und sich nicht weiterentwickelt, verpasse womöglich den Anschluss.
„Es gibt immer gewisse Risiken, sich für einen neuen Job zu entscheiden. Es gibt aber auch das Risiko, dass die eigenen Kompetenzen kurz- und mittelfristig veraltet sind bzw. unbrauchbar werden“, erklärt Kluge. Nichts zu tun und den Job nicht zu wechseln, kann also auch ein Risiko sein.
„Job Hugging“ kann der eigenen Entwicklung schaden
„Job Hugging“ schade aber nicht nur der eigenen Karriere, sondern auch der persönlichen Entwicklung. „Wir verbringen sehr viel Zeit im Job, da sollten wir Dinge tun, die wir mögen, uns faszinieren und motivieren, in einem Umfeld, das uns gut behandelt“, erklärt die Wirtschaftspsychologin. Gibt es gerade keine Alternative zum unliebsamen Job, empfiehlt Kluge, aktiv zu werden und beispielsweise im Selbststudium oder an einer Akademie neue Kompetenzen zu erwerben. „Wenn man die Zeit des ‚Hugging‘ sinnvoll nutzt, gibt es auch weiterhin Chancen für die Karriere.“
Wer hingegen zu häufig den Job wechselt, bewirkt sogar das Gegenteil und „kann seine Kompetenzen weder wirkungsvoll einbringen, noch Erfolge sehen“, warnt Kluge. Gerade junge Menschen würden eine höhere Wechselbereitschaft zeigen, da sie meist weniger an einen Ort gebunden sind. „Als Daumenregel gilt eine Verweildauer von ca. zwei bis drei Jahren“, so Kluge. „In dieser Zeit können sich Beschäftigte erst einmal einarbeiten, um dort auch sinnvolle und wertvolle Erfahrungen machen zu können.“
Laut der Wechselwilligkeitsstudie 2026 von Xing sind 34 Prozent der 3.418 sozialversicherungspflichtig Befragten in Deutschland offen für einen Jobwechsel. Zu den Gründen zählen Zuversicht, in den nächsten sechs Monaten einen neuen Job zu finden, sowie Demotivation am Arbeitsplatz. Julian Stahl, Arbeitsmarktexperte bei Xing, nimmt daher auch die Führungsebene in die Verantwortung. „Wer Menschen halten wolle, müsse nicht nur Sicherheit bieten, sondern auch verhindern, dass der Arbeitsalltag zur dauerhaften Motivationsbremse werde“, sagt er. (Quellen: eigene Recherche, Wechselwilligkeitsstudie Xing)