Lernen aus der NATO-Geschichte: Kriegsangst wirkt jahrzehntelang nach

Im August vor 29 Jahren ging die Angst um in Deutschland. Nicht nur wegen des Terrors der Rote-Armee-Fraktion und der Suche nach den Mördern des Bankiers Jürgen Ponto: Auch ein möglicher Angriff der Warschauer-...

  • 5 min read
Lernen aus der NATO-Geschichte: Kriegsangst wirkt jahrzehntelang nach

Im August vor 29 Jahren ging die Angst um in Deutschland. Nicht nur wegen des Terrors der Rote-Armee-Fraktion und der Suche nach den Mördern des Bankiers Jürgen Ponto: Auch ein möglicher Angriff der Warschauer-Pakt-Staaten und die Sorge um den Zusammenhalt im Verteidigungsbündnis der NATO trieben viele Menschen um. „Zieht Amerika die Vorne-Verteidigung in Zweifel?“, titelte die F.A.Z. am 4. August 1977 im Aufmacher auf der ersten Seite. Es ging um eine Geheimstudie für den damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Jimmy Carter, wonach im Falle eines sowjetischen Angriffs die westliche Verteidigung bis zu einer Linie entlang der Flüsse Weser und Lech zurückgenommen werden sollte.

Für Westdeutschland hätte das fatale Folgen gehabt: Ein Drittel bis ein Viertel des Gebiets der Bundesrepublik, darunter der Großteil von Bayern, Hessen und Niedersachsen, dazu Hamburg und Schleswig-Holstein, wären damit im Kriegsfall faktisch aufgegeben worden. Die Flussnamen Weser und Lech gaben der gedachten Verteidigungslinie den Namen, doch tatsächlich zeigen mittlerweile veröffentlichte NATO-Dokumente, dass die Linie noch ein gutes Stück weiter westlich lag.

Angst vor dem „Schlachtfeld Deutschland“

Hinter dem Geheimpapier, das über amerikanische Zeitungen bekannt geworden war, standen zum Teil wirtschaftliche Erwägungen: Es schien den Studienautoren aus den militärischen Kreisen in Washington zu teuer, die Strategie der Vorwärtsverteidigung für Deutschland aufrechtzuerhalten. In einer kurzen Übersicht über die damaligen Vorgänge weisen die Ökonomen Marcel Schlepper aus München und Timo Wochner aus Zürich auch darauf hin, dass die NATO eine Vorwärtsverteidigung direkt an der innerdeutschen Grenze gegen die sowjetische Panzerübermacht nicht hätte bewerkstelligen können. Unklar blieb damals, ob das Geheimpapier nur ein Gedankenexperiment von Analysten war oder eine Abkehr der Vereinigten Staaten von dem Prinzip, das gesamte NATO-Territorium zu verteidigen.

So oder so schürten die Nachrichten über die Geheimstudie die Ängste in der Bevölkerung. „Schlachtfeld Deutschland“ betitelte die Zeitschrift „Der Spiegel“ einen Artikel. Das Vertrauen der Bewohner der Ortschaften östlich der Weser-Lech-Linie, dass die NATO sie vor einem sowjetischen Angriff schütze, ging – im Vergleich zu den Deutschen westlich der Linie – scharf zurück. Zumindest subjektiv dachten viele Westdeutsche östlich der Linie, dass ihre Sicherheit auf dem Spiel stehe. Schlepper und Wochner zeigen das anhand von damaligen Umfragen.

Verstärkt wurden die Ängste der Bevölkerung dadurch, dass bestimmte militärische Einrichtungen auf westdeutschem Gebiet im Einklang mit der Weser-Lech-Linie platziert waren. Die Häufung von NATO-Manövern östlich der Linie deutete zugleich darauf hin, dass es dabei nicht nur um Gedankenspiele ging.

Die Ängste der Westdeutschen vor einem Angriff aus dem Osten bewahrheiteten sich nicht. 1989 brach der Ostblock zusammen, und die Berliner Mauer fiel.

Wie die Weser-Lech-Linie die Wirtschaft trennt

Die historische Episode ist für Ökonomen ein seltenes natürliches Experiment, eine seltene Gelegenheit, die wirtschaftlichen Folgen von Kriegsängsten im echten Leben zu untersuchen. Möglich ist das, weil die beiden Ökonomen die wirtschaftliche Entwicklung der Ortschaften in einem engen Band östlich und westlich der Weser-Lech-Linie vergleichen können. Vor 1977, vor dem Bekanntwerden der Geheimstudie in Washington, zeigten sich im Vergleich der Ortschaften östlich und westlich der Linie keine nennenswerten Unterschiede. Danach aber haben die östlichen Ortschaften sich wirtschaftlich schlechter entwickelt als die westlichen Gemeinden.

Das geschah auf zweierlei Weise, wie Schlepper und Wochner zeigen. Zum einen sank die Zahl der Unternehmen östlich der Verteidigungslinie. Die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen östlich der Linie wirtschaftlich überlebten, fiel in den zehn Jahren nach Bekanntwerden der Geheimstudie um vier Prozentpunkte, verglichen mit den Unternehmen in den Ortschaften westlich der Linie. Die Wahrscheinlichkeit, dass neue Unternehmen zuzogen oder gegründet wurden, war östlich der Linie 16 Prozentpunkte niedriger als westlich.

Zweitens wirkte auf die östlichen Ortschaften negativ, dass die dortigen Unternehmen weniger investierten, sowohl in Gerätschaften als auch in Immobilien – auch hier im Vergleich mit den Kommunen westlich der Verteidigungslinie. Die Logik ist klar: Niemand investiert gern in einer Region, die im Kriegsfall zum Schlachtfeld würde. So schädigte die Angst der Bewohner vor einem drohenden Krieg die wirtschaftliche Entwicklung. Einen vernachlässigbaren Anteil daran hat wohl die Bevölkerungsentwicklung. Die Ortschaften östlich der Linie verloren im Vergleich mit den westlichen Kommunen nur minimal Einwohner.

Die Kriegsangst wirkt jahrzehntelang nach

Was auf den ersten Blick wie ein kurzfristiger regionaler Schock nach der Geheimstudie scheint, hatte langandauernde negative Folgen. Das monatliche Einkommen von Ortschaften östlich der Verteidigungslinie war im Jahr 2019 – noch vor der Covid-Pandemie und mehr als 40 Jahre nach der Geheimstudie – im Mittel 155 bis 223 Euro niedriger als in den westlichen Ortschaften. Das entspricht einem Minus von 4,2 bis sechs Prozent. Die geringeren Investitionen östlich der Linie und die im Vergleich sinkende Zahl an Unternehmen schadeten der Attraktivität der Region, was sich auch noch Jahrzehnte später auswirken kann.

So einfach die Ergebnisse der Studie sich darstellen lassen, so sehr geht dabei verloren, welchen Aufwand die beiden Autoren betrieben haben, um an die historischen Statistiken über die Zahl von Unternehmen, über Unternehmensgründungen und -abgänge oder die Einkommen in den Ortschaften zu gelangen. Dafür lässt sich nicht simpel über das Internet auf Datenbanken zugreifen. Dafür haben die Autoren auch historische Verzeichnisse von Handwerkern und Unternehmen aus den Ortschaften gesucht und digital erfasst. Es ist eine sehr arbeitsintensive und kluge wirtschaftshistorische Aufarbeitung – mit einem besonderen Wert für die heutige Zeit, in der der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die Unsicherheit über das amerikanische Verhältnis zur NATO abermals Kriegsängste schüren.

Viele Studien hat es in den vergangenen Jahren gegeben, deren Autoren die Kosten tatsächlicher Kriege beziffern und damit die Notwendigkeit höherer Verteidigungsausgaben begründen. Schlepper und Wochner aber schauen gerade nicht auf Kosten tatsächlicher Kriege, sondern auf die Unsicherheit, die schon die Angst vor Kriegen auslöst, und die damit verbundenen wirtschaftlichen Schäden. Eine glaubwürdige Verringerung des Kriegsrisikos sei Schlüsselbedingung, um die wirtschaftliche Entwicklung langfristig zu fördern, resümieren die Autoren.

Marcel Schlepper, Timo Wochner (2026): Economic Development in the Shadow of War. CES-Ifo-Working Paper Nr. 12915.