(+) Gerüchte über Machtansprüche in Hamburg: das ist der Al-Zein-Clan

Anzeige Polizei Familienoberhaupt Mahmoud Al-Zein (r.) bei einer Gerichtsverhandlung 2008 in Berlin. Seine Spitznamen: „Präsi...

  • 5 min read
(+) Gerüchte über Machtansprüche in Hamburg: das ist der Al-Zein-Clan

Anzeige

Polizei

Familienoberhaupt Mahmoud Al-Zein (r.) bei einer Gerichtsverhandlung 2008 in Berlin. Seine Spitznamen: „Präsident“ und „Pate von Berlin“. Neben ihm sitzt sein Anwalt.
DB Pool

Nach Explosion und tödlichen Schüssen in der Schanze rückt der Al-Zein-Clan in den Fokus. Was über mögliche Strukturen in Hamburg bekannt ist.

Erst explodiert eine Handgranate, dann werden auf demselben Gelände in der Schanze zwei Männer erschossen. Die Ermittler prüfen einen Milieu-Hintergrund. Immer wieder fällt im Kontext der Taten ein Name: Al-Zein. Wer ist die Großfamilie – und welche Rolle spielt Clankriminalität schon jetzt in Hamburg?

„Unterstützt du die? Gibst du denen Rückenwind?“, fragt jemand den Ex-Boxer Ismail Özen in einem Videotelefonat. Dann setzt der Anrufer nach: „Diese Al-Zeins?“ Eine Aufnahme des Videos kursierte in bestimmten Kreisen. Etwa zur selben Zeit ging eine Handgranate auf dem Gewerbegelände an der Lagerstraße hoch, auf dem auch mehrere Firmen von Özen ihren Sitz haben. Und am Dienstag wurden hier zwei Männer erschossen und ein weiterer schwer verletzt.

Schüsse in der Schanze: Hinweise auf Konflikt im Milieu

Anzeige

Die genauen Hintergründe sind unklar, vieles deutet aber auf einen Konflikt im Milieu hin. Die Abteilung für Organisierte Kriminalität ermittelt gemeinsam mit der Mordkommission.

Die WochenMOPO 36/26

Drei deutsche Wochenmagazine liegen auf rotem Hintergrund; das mittlere berichtet über einen Einsatz in einer AfD-Hochburg.

Die WochenMOPO – ab Freitag neu und überall, wo es Zeitungen gibt!
• Sachsen-Anhalt wählt: MOPO-Reporter macht SPD-Wahlkampf in der AfD-Hochburg
• Zwei Tote in der Lagerstraße: Was über die Schanzen-Morde bekannt ist
• 16 Seiten Sport: Große HSV-Transferbilanz & Bornemann über St. Paulis schwierige Lage
• Jede Woche mit 36 Seiten Rätsel und Kultur: The BossHoss, Johannes Oerding und vieles mehr

Ein Name wird in diesem Zusammenhang immer wieder genannt: Al-Zein. Der kriminelle Teil der Großfamilie ist bislang vor allem aus Berlin und Nordrhein-Westfalen bekannt. Doch könnten Akteure aus diesem Umfeld versuchen, auch in Hamburg stärker Fuß zu fassen?

Anzeige

„Clankriminalität macht nicht an der Hamburger Stadtgrenze halt“, sagt Thomas Ganz, ehemaliger Ansprechpartner für Clankriminalität beim LKA Niedersachsen. Der Hamburger Senat erklärte dagegen noch im Juni, in Hamburg seien keine Clanstrukturen wie in Berlin oder Nordrhein-Westfalen festgestellt worden.

Thomas Ganz, ehemaliger Clanexperte des LKA Niedersachsen, arbeitet inzwischen als Berater für Clankriminalität.
hfr

Thomas Ganz bewertet die Lage im Gespräch mit der MOPO anders: Auch in Hamburg gebe es familiäre und clanartige Strukturen – etwa auf St. Pauli, rund um den Hafen und im Umland. Zudem lebten hier Menschen mit Familiennamen, die im Kontext von Clankriminalität fallen. 

Anzeige

BKA-Chef Holger Münch beschrieb Clans 2019 als „ethnisch abgeschottete Subkulturen“, die meist patriarchalisch-hierarchisch organisiert seien und einer „eigenen Werteordnung“ folgten. Gemeint sind dabei eng verbundene Familienstrukturen, innerhalb derer einzelne Angehörige kriminelle Netzwerke gebildet haben – nicht die Großfamilie als Ganzes. Der Name allein lasse keine Rückschlüsse auf kriminelle Verbindungen zu, betont auch Ganz.

Der Ursprung des Al-Zein-Clans

Die Al-Zeins werden den Mhallami zugerechnet, einer arabischsprachigen Bevölkerungsgruppe mit Wurzeln im südostanatolischen Raum. Teile wanderten später in den Libanon aus. In den 1970er- und 1980er-Jahren kamen die ersten Familienmitglieder nach Deutschland, ein Schwerpunkt entstand in West-Berlin.

Wie viele Menschen heute zu den verschiedenen Familienzweigen gehören, lässt sich kaum seriös beziffern. Ältere Schätzungen gingen von rund 3000 Angehörigen in Deutschland aus, andere Quellen sprechen von mehr als 10.000. Auch wegen unterschiedlicher Schreibweisen des Namens gibt es keine belastbare Gesamtzahl.

Bekannte Al-Zein-Fälle aus Berlin und Nordrhein-Westfalen

Einer der bekanntesten Angehörigen ist Mahmoud Al-Zein, der sich selbst als „Pate von Berlin“ bezeichnete. Von 2005 bis 2021 wurde er nach Behördenangaben fast 70-mal als Tatverdächtiger erfasst und elfmal verurteilt. 2021 verließ er Deutschland, bevor er abgeschoben werden konnte. Einer seiner Neffen, Fadie Al-Zein, schlug 2024 am Rande einer Gerichtsverhandlung auf einen Reporter von Spiegel-TV ein.

Für Aufsehen sorgte auch der spektakuläre KaDeWe-Raub 2014: Fünf Täter erbeuteten innerhalb von nur 79 Sekunden Schmuck und Uhren im Wert von rund 800.000 Euro. Unter ihnen waren mehrere Al-Zeins. Jehad Al-Zein wurde als Anführer später zu sechs Jahren und acht Monaten Haft verurteilt.

Ein weiterer bedeutender Familienzweig etablierte sich in Nordrhein-Westfalen. Ende 2022 verurteilte das Landgericht Düsseldorf Badia Al-Zein, der als Oberhaupt des Leverkusener Zweigs galt, unter anderem wegen Geiselnahme und Sozialleistungsbetrugs zu sechs Jahren Haft. Zwei seiner Söhne erhielten jeweils drei Jahre.

Auch eine Villa der Familie in Leverkusen beschäftigte die Justiz. Ein Sohn von Badia Al-Zein wurde später wegen Geldwäsche zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Einziehung der Immobilie wurde schließlich rechtskräftig.

Immobilien, Sicherheitsfirmen, Geldgeschäfte

„Immobiliengeschäfte aller Art sind das Kerngeschäft krimineller Clans und werden insbesondere auch zur Geldwäsche genutzt“, sagt Ganz. Auch in der Sicherheitsbranche stießen Ermittler immer wieder auf Unternehmen mit clanspezifischen Bezügen.

Hinzu kommen Geschäfte außerhalb des normalen Bankensystems. „Man kennt sich in der Szene. Wenn jemand kurzfristig Geld braucht, bekommt er es außerhalb des normalen Bankensystems – teilweise zu sehr hohen Zinsen“, sagt Ganz.

Werde anschließend nicht gezahlt, könne ein solcher Konflikt schnell eskalieren. „Wird das Geld nicht zurückgezahlt, beginnt der Druck, erst verbal, dann tätlich, wenn nötig – tödlich.“

Experte: „Die Clans rüsten auf“

„Die Clans, aber auch Banden und Einzeltäter rüsten auf“, sagt Ganz. Scharfe Schusswaffen seien inzwischen offensichtlich deutlich leichter verfügbar. „Wo früher Macheten, Fäuste oder Baseballschläger, später Messer zum Einsatz kamen, wird heute scharf geschossen.“

Zugleich nähmen die Verteilungskämpfe im kriminellen Milieu zu. Auch alteingesessene Gruppen würden aufrüsten, um ihre Reviere und Geschäfte zu verteidigen. Ganz rechnet deshalb mit einer Zunahme von Tötungsdelikten.

Die Ermittlungen in der Schanze laufen derweil weiter. Warum der 33-Jährige und der 47-jährige Türke erschossen wurden, ist noch offen. Ein Verdächtiger wurde bislang nicht gefasst. Im Hamburger Milieu kommt es regelmäßig zu gewaltsamen Machtkämpfen, wenn eine Gruppe versucht, ihren Einfluss auszubauen – und sich mit etablierten Strukturen anlegt. Ob Angehörige oder Strukturen aus dem Umfeld der Al-Zein-Großfamilie bei dem Konflikt tatsächlich eine Rolle spielen und ihren Einfluss in Hamburg ausbauen wollen, wird sich zeigen.

Anzeige

Anzeige