Frankie Stew & Harvey Gunn sagen "Goodbye"

Noch einmal in Melancholie schwelgen: Auf seinem Abschiedsalbum setzt das britische Hip-Hop-Duo Frankie Stew & Harvey Gunn auf viel Altbewährtes. Und überrascht nach 15 Jahren doch mit neuen Facetten, sogar mit Rockmusik.

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Frankie Stew & Harvey Gunn sagen "Goodbye"

Am Ende steht kein epochaler Abschiedstrack, kein Paukenschlag, noch nicht mal ein Refrain: „Goodbye for Now“ heißt der zweiminütige letzte Song des gleichnamigen letzten Albums, mit dem das britische Hip-Hop-Duo Frankie Stew & Harvey Gunn seine Bandkarriere beendet. Tschüss, bis auf Weiteres. Wie kaum jemand sonst haben die beiden Musiker aus Brighton es vermocht, ein ganz bestimmtes Gefühl hervorzurufen: Melancholie. Sie tropfte aus jedem Album, schwang in den Instrumentals mit und blitzte in den Lyrics auf. Und sie zog sich durch die eineinhalb Dekaden Bandgeschichte.

Auch wenn „Goodbye for Now“ mit einigen Überraschungen aufwartet, ist es ein schlüssiges Abschiedsalbum. Die Melancholie überwiegt. Klanggerüste aus zurückgenommenen (E-)Piano-Akkorden oder verträumten Gitarren-Pickings, im Hintergrund atmosphärische Synthesizer, dazu extrem fett produzierte Basskicks (wie eigentlich immer bei den Beats von Harvey Gunn) und nervöse Hi-Hats. Über diese Gerüste rappt Frankie Stew in seinem unverwechselbaren Duktus: vorsichtig grübelnd, als würde er in einer Art stream of consciousness seine Gedanken laut aussprechen, vorgetragen in British English und einem Flow, der sich in Spoken-Word-Manier recht eigenwillig über den Beat schiebt.

Selbstzweifel, Geldnöte, Zukunftssorgen und Mental Health

Dieser Sound ist paradigmatisch für die Musik des Duos, und so knüpfen viele Songs auf der neuen Platte klangtechnisch an die neun Vorgängeralben an: „Man of the house“ und „Bluey“ etwa, aber auch „Dentist“ oder „Spider-Man“.  Es gibt einprägsame, gesungene Hooks wie in „The Mirror“ oder „I’d stand in the Rain“ und Balladen wie „Every Thing“, ein Liebeslied, das – tränenerstickt intoniert – klingt, als wäre es nach einem Streit entstanden. Frankies Stimme, die ohnehin meist wahnsinnig nah wirkt (mutmaßlich, weil er bei der Aufnahme sehr dicht am Mikrofon ist), hört sich so noch präsenter an, unmittelbarer.

DSGVO Platzhalter

Auch inhaltlich reiht sich das neue Album in die bisherige Diskographie ein: Frankie Stew & Harvey Gunn haben in ihrer Musik immer ihr Privatleben thematisiert, Selbstzweifel, Geldnöte, Zukunftssorgen, mental health. Nun sind Familie und Vaterschaft die zentralen Themen (wie auch bei anderen Rappern in ähnlichen Lebensphasen, etwa auf Loyle Carners 2025er Album „hopefully!“). So rappt Frankie vor allem über seine Familie. Der Einunddreißigjährige ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Deren Aufwachsen und das Familienleben nehmen inhaltlich viel Raum auf dem Album ein, wie auch schon auf den Vorgängerplatten. Und auch Frankies Haartransplantation spielt abermals eine Rolle.

Musik für die Mittelschicht?

Dieser radikale Bezug auf die eigene, ziemlich normale Lebenswelt (die eben nicht aus Drogen, Partys, dicken Autos und Jetset besteht) macht die Musik des Duos einerseits sehr nahbar und maximal authentisch. Statt um filmreifes Storytelling, irre Rapgeschwindigkeit oder ausgefeilte Wortspiele, um Elend, Rassismus oder politische Großthemen geht es meist um einigermaßen durchschnittliche Alltagssorgen.

Andererseits ist genau das auch ein Manko: Die eigene, einigermaßen spießige Lebenswelt zu besingen, das wirkt auf Dauer dann doch etwas kleinbürgerlich, langweilig. Musik für die Mittelschicht, wenn man so will – zumindest inhaltlich. Hier wäre etwas mehr Abwechslung wünschenswert gewesen.

Ausgerechnet immer ich

Die bietet das neue Album immerhin musikalisch: Einige Beats klingen organischer als früher, man hört mehr „echte“ Instrumente. Eine gezupfte Gitarre hier, ein richtiges Schlagzeug da. Und dann sind da die Überraschungen: Auf der zweiten Albumhälfte machen die beiden Künstler auf einmal etwas für sie Neues – Rockmusik. „Fish and chips“ beginnt mit einer gedämpften Bassline, darüber setzt ein Gitarren-Lick ein, bevor Frankies Rap diesen Groove garniert und sich das Ganze in einem fast schon punkigen Chorus auflöst. Auch „Traffic“ ist ein mit Sprechgesang getoppter Rocksong, dessen Gitarren an die fernöstlichen Klänge der niederländischen Instrumental-Band Yin Yin erinnern. Und mit „Why always me“ hat das Duo sogar eine Art Rockballade auf die Platte gepackt.

So gerät „Goodbye for Now“ trotz der relativen inhaltlichen Eintönigkeit zum würdigen Abschiedsalbum, das neben dem Altbekannten eine neue Facette des Duos offenbart. Blickt man auf das Gesamtwerk, stechen einzelne Songs heraus – das auf verspielte Art treibende „Put It on Me“ vom ersten Album etwa, die 2018er Single „Coconuts“ oder das wunderschön-eingängige „Tortoise“ von der besten Platte der beiden, „Breathing Exercises“. Viele Lieder jedoch klingen beim ersten Hören ähnlich. Frankie Stew & Harvey Gunn machen keine Musik, die einfache Hits oder Tiktok-taugliche Snippets abwirft. Doch lässt man sich darauf ein, bleiben nach und nach Textfragmente hängen, Melodieversatzstücke, Beat-Elemente. Vor allem aber versetzt die Musik einen in diese ganz besondere Stimmung: eine zarte Traurigkeit.

„Remember the days, now it’s just empty space“, singt Frankie Stew auf dem ersten Song des letzten Albums. Erinnere dich an die alten Zeiten, denn nun herrscht nur noch Leere. Womit wir wieder bei der Melancholie wären.

Frankie Stew & Harvey Gunn: „Goodbye for Now“. Ditto Music.