Größte Raubkatze Europas soll in NRW ausgewildert werden – hier könnte das Tier bald durch den Wald streifen
wa.deNRWStand: 09.08.2026, 21:27 UhrKommentareUns auf Google folgenJahrhundertelang war sie in Nordrhein-Westfalen zu Hause. Dann wurde Europas größte Raubkatze ausgerottet. Jetzt planen Naturschützer die Rückk...
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Stand: 09.08.2026, 21:27 Uhr
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Jahrhundertelang war sie in Nordrhein-Westfalen zu Hause. Dann wurde Europas größte Raubkatze ausgerottet. Jetzt planen Naturschützer die Rückkehr des Tieres.
Hamm – Wer in den Wäldern des Rothaargebirges oder des Sauerlandes unterwegs ist, könnte in einigen Jahren eine außergewöhnliche Begegnung erleben: ein Luchs, der lautlos zwischen den Bäumen verschwindet. Was lange wie ein Traum klang, soll Wirklichkeit werden. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) NRW und die NRW-Stiftung arbeiten gemeinsam daran, den Luchs dauerhaft in Nordrhein-Westfalen anzusiedeln – in einem Land, aus dem er seit dem 18. Jahrhundert verschwunden ist.

Der Luchs (Lynx lynx) ist die größte wild lebende Katzenart Europas. Mit einem Gewicht von 20 bis 25 Kilogramm, langen Hinterläufen, einem charakteristischen Backenbart und den markanten Haarpinseln an den Ohrenspitzen ist er unverkennbar. Jahrtausendelang war er fester Bestandteil der europäischen Wildnis – auch in Nordrhein-Westfalen. Doch als Jagdkonkurrent und vermeintlicher Räuber von Nutztieren wurde er gezielt verfolgt.
Einst heimisch, dann ausgerottet: Der letzt Luchs in NRW wurde im Sauerland erlegt
Im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts wurde er in weiten Teilen Europas ausgerottet. In NRW endete seine Geschichte besonders früh und besonders präzise dokumentiert: 1745 wurde bei Schmallenberg im Sauerland der letzte Luchs des Landes erlegt – so vermerkt es das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima NRW (Lanuk).
Heute gibt es in ganz Deutschland laut der Deutschen Wildtier Stiftung nur noch rund 140 Exemplare – eine erschreckend kleine Zahl für ein Land dieser Größe. Die einzelnen Bestände im Bayerischen Wald, im Harz, im Pfälzerwald und im Schwarzwald sind dabei inselartig verteilt und liegen 50 bis 100 Kilometer voneinander entfernt. Zu weit, um sich natürlich zu vernetzen.
NRW als Brücke zwischen den Luchspopulationen
Genau hier kommt Nordrhein-Westfalen ins Spiel. Das Bundesland soll laut BUND und NRW-Stiftung zum Netzwerkpunkt der bereits besiedelten Gebiete werden. „Der Luchs ist Teil unserer Natur und seine Rückkehr macht diese um ein Stück reicher. Doch den Luchsen muss auf die Sprünge geholfen werden, da die Zerschneidung unserer Landschaften durch Straßen und Siedlungen eine selbstständige Wiederansiedlung behindert“, wird BUND-Landesvorsitzender Holger Sticht in einer Mitteilung zitiert.
Anders als der Wolf breitet sich der Luchs nämlich wesentlich langsamer aus. Sein Revier ist mit rund 200 Quadratkilometern – etwa so groß wie das Stadtgebiet Düsseldorfs – vergleichsweise riesig. Männliche Tiere beanspruchen sogar noch mehr Fläche und überlagern dabei das Revier von zwei bis drei Weibchen. Um sich fortzupflanzen und neue Gebiete zu erschließen, müssen Bestände näher beieinanderliegen als bisher.
In NRW soll Platz für rund 50 Tiere sein. Als potenzielle Lebensräume kommen große Waldgebiete wie das Rothaargebirge infrage – ein „Schlaraffenland für den Luchs“, wie BUND-Expertin Thiel-Bender es beschreibt. Inmitten von Rehen, seiner Leibspeise, und unberührten Wäldern wäre die Raubkatze genau in ihrem Element.
Luchse in NRW: Ab 2030 soll es ernst werden
Die NRW-Stiftung hat beschlossen, bis zu 144.000 Euro in das Projekt zu investieren. Innerhalb von fünf Jahren soll das erste Tier in die nordrhein-westfälische Wildnis entlassen werden – also ab etwa 2030. Im weiteren Verlauf sollen weitere Luchse folgen. Um geeignete Tiere für die Auswilderung zu finden, arbeiten BUND und NRW-Stiftung mit Zoos zusammen. Im Wuppertaler Zoo kümmern sich Luchskater Viktor und Luchskatze Missy um die Zucht – mit dem erklärten Ziel, Nachwuchs mit einer Perspektive auf die freie Wildbahn zu produzieren. Bislang habe es zwischen den beiden noch nicht gefunkt, teilte der Zoo mit.
Wissenschaftlich ist die Wiederansiedlung klar begründet: Experten der Weltnaturschutzunion IUCN und andere Luchs-Forscher mahnen, dass Populationsteile in Mitteleuropa möglichst schnell miteinander vernetzt werden müssen, um einer genetischen Verarmung der kleinen Bestände entgegenzuwirken.
Erste Luchse schon in NRW gesichtet
Dass der Luchs NRW noch nicht vergessen hat, zeigen aktuelle Sichtungen. Ende Oktober 2025 löste eine Fotofalle im Kreis Olpe aus und dokumentierte einen Luchs im Sauerland. Nur wenige Tage später, am 3. November, wurde derselbe Kater im Märkischen Kreis erneut fotografiert – das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima NRW (Lanuk) bestätigte beide Nachweise offiziell. Im Kreis Lippe wurden ebenfalls Tiere gesichtet. Im Februar machte der wandernde Kater allerdings weiter – eine Fotofalle in Hessen schnappte ihn.

Kein Risiko für Menschen
Wer nun Angst vor der Begegnung mit dem scheuen Jäger hat, kann beruhigt sein. Der NABU NRW ist eindeutig: „Dem Menschen wird der Luchs entgegen aller Vorurteile niemals gefährlich.“ Auch Übergriffe auf Nutztiere halten sich in Grenzen: In ganz Deutschland kommt es zu etwa zwei bis drei Vorfällen pro Jahr, bei denen jeweils ein bis zwei Tiere gerissen werden.
Im Gegenteil: Der Luchs ist ökologisch wertvoll. Als Beutegreifer an der Spitze der Nahrungskette reguliert er die Rehpopulation und damit indirekt den Verbiss im Wald. Wenn er ein Reh schlägt, profitieren davon auch andere Tiere – und der Waldboden selbst wird fruchtbarer.
Jeden Luchs erkennt man übrigens an seinem einzigartigen Fellmuster. „Die Punkte beim Luchs sind wie die Fingerabdrücke beim Menschen“, erklärt Thiel-Bender. Ob es sich bei den verschiedenen Sichtungen in NRW also um ein und dasselbe Tier handelt, lässt sich nur mit guten Aufnahmen aus der richtigen Perspektive feststellen.
Streng geschützt – aber immer noch bedroht
Trotz der Rückkehrpläne ist die Lage des Luchses ernst. In Deutschland steht er auf der Roten Liste als „stark gefährdet“, in NRW gilt er sogar als „durch extreme Seltenheit gefährdet“, wie der NABU NRW festhält. Zwar ist der Luchs streng geschützt – national nach dem Bundesnaturschutzgesetz, international durch die europäische FFH-Richtlinie und die Berner Konvention – doch eine reale Gefahr bleibt: illegale Abschüsse. Immer wieder werde die Raubkatze von manchen Jägern als Konkurrent betrachtet und illegal getötet, warnt der NABU. Das gefährde bundesweit die natürliche Wiederbesiedlung.
Zwar ist der Luchs im Bundesjagdgesetz als jagdbare Art aufgeführt, hat aber keine Jagdzeit. Der NABU NRW fordert deshalb, den Luchs ausdrücklich in der Landesjagdzeitenverordnung mit ganzjähriger Schonzeit aufzunehmen – um Übergriffe mit der Ausrede des Nichtwissens zu verhindern.
Umso wichtiger ist das aktuelle Ansiedlungsprojekt: NRW mit der Eifel, dem Arnsberger Wald und dem Rothaargebirge bietet dem Luchs laut NABU einige der wenigen geeigneten Gebiete im Land. Es wäre höchste Zeit, dass die Samtpfote hier wieder dauerhaft heimisch wird. (mit dpa-Material)
Ein Luchs ist Anfang August 2026 aus einem Tierpark ausgebüxt. Schon seit mehreren Tagen ist er mehrmals gesichtet worden – jetzt ist er tot. Das Tier musste von einem Jäger erschossen werden, da es den Hund eines Spaziergängers angegangen habe.