Grundrecht auf Wohnen statt leer stehende Wohnungen

Plank, Getzner, Schneider, Bärnthaler et al. Grundrecht auf Wohnen statt leer stehende Wohnungen Zweitwohnsitze, hohe Mieten, schlechte Infrastruktur – Österreichs Raumplanung muss nachhaltiger werden....

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Grundrecht auf Wohnen statt leer stehende Wohnungen

Plank, Getzner, Schneider, Bärnthaler et al.

Grundrecht auf Wohnen statt leer stehende Wohnungen

Zweitwohnsitze, hohe Mieten, schlechte Infrastruktur – Österreichs Raumplanung muss nachhaltiger werden. Das ist sozial wie ökologisch gerecht und erleichtert den Alltag

Kommentar der anderen

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Christina Plank Michael Getzner Antonia Schneider Richard Bärnthaler

Wie wir wohnen, beeinflusst maßgeblich, welche Lebensmodelle leicht oder schwer umsetzbar sind. Es bestimmt, wie lange wir für tägliche Wege brauchen, welche Angebote und Dienstleistungen für uns zugänglich sind und wo wir uns begegnen können. Gebäude und Verkehr verursachen zudem einen beachtenswerten Anteil an Emissionen – im vergangenen Jahr waren diese Sektoren für fast 40 Prozent des österreichischen CO2-Ausstoßes verantwortlich. Wohnen hat damit weitläufige ökologische, soziale und wirtschaftliche Auswirkungen. Denn zum Wohnen braucht es nicht nur die eigenen vier Wände, sondern auch vielzählige Versorgungsstrukturen wie Verkehrsinfrastruktur, lokale Betreuungsangebote und Grünflächen zur Erholung.

Eine große gelbe Turmkran steht neben einem im Bau befindlichen Beton-Wohngebäude, mit hellem Himmel im Hintergrund.
Warum stehen so viele Wohnung leer? Und wie sieht es mit leistbaren Wohnen aus?

Unser Wohnumfeld erfüllt vielerorts jedoch weder soziale noch ökologische Anforderungen. Um aufzuzeigen, wie beide Ziele gemeinsam erreicht werden können, beschreiben sogenannte "Korridore" für zukunftsfähiges Wohnen den Spielraum, in dem Menschen gut versorgt leben können, ohne eine nachhaltige Zukunft zu gefährden. Verringerter Energieverbrauch und hohe Lebensqualität sind kein Widerspruch, sondern eine Frage der gerechten Ressourcenverteilung. Dafür braucht es raumplanerische Maßnahmen, die soziale Ungleichheiten verringern, Straßenraum gerecht aufteilen und Menschen ihre alltäglichen Erledigungen erleichtern.

"Zukunftsfähiges Wohnen betrifft nicht nur die Wohnung selbst, sondern auch die Wege und Infrastrukturen des täglichen Lebens."

In Österreich stehen etwa 230 000 Wohnungen leer – genug, um ganz Graz zu beherbergen. Auch ist der bewohnte Raum sehr ungleich verteilt: Neun Prozent der Menschen leben auf über 80 m2 pro Kopf und beanspruchen somit 25 Prozent des gesamten Wohnraums. Zugleich wird Wohnen für viele Haushalte zunehmend schwer leistbar. So stiegen Mieten und Immobilienpreisen in den vergangenen 20 Jahren deutlich stärker als die durchschnittlichen Einkommen.

Trotz Leerstand und ausreichender Wohnflächen können viele Menschen daher nicht auf jene Wohnungen zugreifen, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Besonders deutlich wird dies, wenn sich Wohnbedürfnisse ändern. Familien benötigen nach der Geburt eines Kindes oft mehr Platz, während Menschen nach einer gesundheitlichen Verschlechterung auf eine barrierefreie Wohnung angewiesen sein können. Wenn ein Umzug aufgrund hoher Kosten oder mangelnder Verfügbarkeit nicht möglich ist, können prekäre Wohnsituationen entstehen, teilweise mit existenziellen Folgen.

Flexiblere Wohnformen

Hohe Wohnkosten tragen zudem zur Ernährungsarmut bei, da Haushalten nach der Begleichung von Miete und Nebenkosten häufig weniger Geld für Lebensmittel zur Verfügung steht. Sie führen außerdem dazu, dass Menschen in Wohnungen verbleiben, die etwa bei Hitze stark überhitzen. Gerade für von Armut betroffene Haushalte entstehen dadurch zusätzliche gesundheitliche Belastungen.

Um diese Herausforderungen zu bewältigen, braucht es eine stärkere Verankerung von Wohnen als soziales Grundrecht, die konsequente Umsetzung teils bereits bestehender Regelungen, etwa zur Besteuerung von Zweit- und Drittwohnsitzen, sowie eine zweckgebundene Leerstandsabgabe. Diese Maßnahmen können dazu beitragen, Wohnraum effizienter zu nutzen, spekulativen Leerstand zu verringern und mehr Wohnungen für jene Menschen verfügbar zu machen, die sie tatsächlich benötigen.

Gleichzeitig müssen flexiblere Wohnformen und intergenerationale Wohnprojekte als Antwort auf wandelnde Wohnbedürfnisse gestärkt werden. Die Förderung des Umbaus von Ein- zu Mehrfamilienhäusern, ein stärkerer Fokus auf Nachverdichtung sowie die systematische Nutzung von Leerstand durch Gemeinden können zu einer gerechteren und ökologischeren Nutzung von Raum beitragen.

Weit auslegbar

Auch der bereits im Mietrecht verankerte Wohnungstausch birgt großes Potenzial. Verändern sich Wohnbedürfnisse etwa durch Familienzuwachs, Trennung oder Krankheit, können zwei Haushalte ihre Wohnungen und Mietverhältnisse gegenseitig übernehmen. Dadurch lassen sich kostspielige Übergangsphasen und prekäre Wohnsituationen vermeiden. Da Mieterinnen und Mieter jedoch zahlreiche, teils weit auslegbare Voraussetzungen wie einen "wichtigen Grund" sowie die "Zumutbarkeit für die Vermieterin" erfüllen müssen und nur begrenzt vor Mieterhöhungen geschützt sind, wird dieses Instrument bisher nur selten genutzt.

Doch zukunftsfähiges Wohnen betrifft nicht nur die Wohnung selbst, sondern auch die Wege und Infrastrukturen des täglichen Lebens. Der Einfluss von Infrastruktur auf den Alltag wird vor allem im Bereich Care-Arbeit sichtbar: Lange Wege, die durch autozentrierte Stadtplanung und Zersiedelung entstehen, erschweren die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit und belasten insbesondere Menschen mit Betreuungs- und Pflegeaufgaben. Ihre Mobilitätsmuster unterscheiden sich von jenen rein Erwerbstätiger: Während deren Arbeitswege häufig länger, aber weniger zahlreich sind, umfasst Care-Arbeit zahlreiche kurze, miteinander verknüpfte Wege, etwa zur Kinderbetreuung, Schule, Pflege oder Nahversorgung. Die bestehende Infrastruktur unterstützt diese Anforderungen vielerorts nur unzureichend.

Wege verkürzen, Siedlungen verdichten

Dies erschwert die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Care-Arbeit. Da Frauen nach wie vor einen Großteil der Care-Arbeit übernehmen, sind sie von diesen Belastungen besonders betroffen. Damit wird auch die Erwerbsbeteiligung jener Menschen eingeschränkt, die Care-Arbeit leisten.

Um Wohnumfelder alltagstauglicher zu gestalten, müssen Wege verkürzt, Siedlungen verdichtet und öffentliche Verkehrsangebote ausgebaut werden. Eine integrierte Verkehrs- und Siedlungsplanung kann dazu beitragen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen und Care-Arbeit stärker dort zu verankern, wo sie gemeinsam getragen werden sollte: in der Öffentlichkeit.

Wohnumfelder spiegeln gesellschaftliche Prioritäten wider. Durch raumplanerische und rechtliche Maßnahmen können sie deutlich nachhaltiger und sozial gerechter gestalten werden als heute. Alltagstaugliche Wohnumfelder, kurze Wege, eine Begrenzung der Profite mit Wohnraum und dynamische Wohnkonzepte können dazu beitragen, Versorgungsstrukturen zu schaffen, die sowohl unserer Umwelt als auch ihren Bewohnerinnen und Bewohner gerecht werden. (Plank, Getzner, Schneider, Bärnthaler, 9.9.2026)

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