Grundsicherung: Ich habe meiner Tochter eine Hose gekauft – wie konnte ich nur!
Zehn Euro für eine gefütterte Leggings: Für viele Eltern ist das eine Selbstverständlichkeit. Unsere Autorin lebt mit ihren drei Kindern von Grundsicherung. Für sie bedeutet der spontane Kauf Sorgen. Worauf muss sie nun verzichten?
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Gestern kam ich zufällig an einer Filiale von Ernstings Family vorbei und habe dort zehn Euro ausgegeben. Für meine Tochter, die dringend neue Hosen benötigt. Der Kauf war ungeplant und impulsiv.
Das mag für die meisten nicht der Rede wert sein. Es wird einfach gekauft, was benötigt wird. Geld bezahlt, Problem behoben, Thema erledigt.
Für Familien wie meine, die von Grundsicherung leben, ist so etwas aber keine schlichte Erledigung. Es ist eine Entscheidung, die abgewogen, berechnet, gegengerechnet und meistens verworfen wird. Stattdessen tragen wir häufig das, was andere abgelegt haben, oder was gerade besonders günstig ist.
Wie konnte mir das passieren?
Wie konnte mir das also passieren? Wo war der Taschenrechner, der in meinem Kopf sonst stets im Hintergrund arbeitet? Der Rechner, der Freuden des Lebens, sofern sie etwas kosten, übertönt, und alles, was unvermeidbar ist, mit bedrohlichem Rattern untermalt?
Ganz ehrlich: Ich habe nicht die geringste Ahnung. Vielleicht hatte ich in Gedanken zu viel gerechnet. Vielleicht wollte ich einfach nur ein Stück Freude mit nach Hause bringen. Einen unverhofften Schatz, handschmeichelnd wie eine Herbstkastanie. So banal für die meisten, so wertvoll für meine Kleine.
Vielleicht wollte ich einfach nur Mutter sein. Eine Mutter, die ihrem Kind eine Hose kauft.
Selbstverständlich wie eine Umarmung
Da waren mein Termin, ein paar Minuten Zeitpuffer, ein Wäscheständer vor dem Laden. Und meine Hand, die sich in alter Gewohnheit ausstreckte, um die Stoffe zu tasten. Sie traf auf eine Leggings, herbstlich gemustert von außen, weich gefüttert von innen. Plötzlich überkam mich das unwiderstehliche Bedürfnis, die kleinen Beinchen meines Kindes in dieses hosengewordene Stück Geborgenheit zu hüllen – gemütlich, umsorgend, sorgenfrei. Selbstverständlich wie eine Umarmung.
Und schon stand ich an der Kasse. In meinem Kopf chaotische Leere und wilde Entschlossenheit: Morgen würde ich wieder rechnen, vernünftig sein, sparsam, hart und sachlich. Heute jedoch würde ich während meines Termins immer wieder nach dem weichen Stoff der Hose tasten. Mich darauf freuen, meiner Tochter diesen Schatz gleich nach meiner Rückkehr zu zeigen.
„Ist die weich!“, wird sie rufen. „Ist die für mich? Da ist ja noch ein Etikett dran! Darf ich das abschneiden, Mama? Darf ich?“ Und dann wird das Kind, das sonst in aller Regel über die abgelegte Kleidung der Schwestern oder Fremder versorgt wird, diese Hose freudestrahlend spazieren tragen. Es wird sie viele Wochen, wenn nicht über Monate, „die neue Hose“ nennen, während ihre älteren Schwestern darauf hoffen, auch bald etwas Neues zu bekommen. Vielleicht sogar mit einem Etikett daran.
Und genauso ist es gekommen.
Das hatte jedoch Folgen: Heute habe ich mich hingesetzt und Gelder hin- und hergeschoben, damit die zehn Euro nicht so sehr ins Gewicht fallen. Einen Euro weniger hier ausgeben. Einen Euro mehr dort einsparen. Den Kindern Nudeln mit Tomatensoße servieren – da freuen sie sich, und ein paar weitere Euro sind ausgeglichen. Ich schaffe das. Denn in unserem Haushalt bin ich die Finanzministerin. Nur, dass ich statt mit Milliarden mit Centbeträgen rechne.
75 Euro, die in der Familienkasse fehlen
Ich schaffe das – bisher. Doch was werde ich tun, wenn der Kindersofortzuschlag für meine drei Kinder nun tatsächlich wegfällt, so wie von der Bundesregierung geplant? Wie fange ich dann eine Zehn-Euro-Hose finanziell wieder auf? Was soll ich tun, wenn mir monatlich je Kind 25 Euro in der Familienkasse fehlen – insgesamt 75 Euro?
Es gibt nichts mehr, was ich kündigen könnte. Nichts mehr außerhalb der Fixkosten und der Ernährung. Und selbst da trickse und bastele ich, dass selbst das Klischee der schwäbischen Hausfrau mir anerkennend zuzwinkern dürfte. Wobei ich noch nicht einmal Maultaschen einfach so zubereiten könnte. Ich müsste auch die Zutaten erst einmal durchrechnen, von einem Besuch im Schwabenland ganz zu schweigen.
Ja, inzwischen kann ich vieles. Not macht erfinderisch, wie man so schön sagt. Was ich aber nicht kann: 75 Euro monatlich herbeirechnen. Ich bin Mutter. Meine Kernkompetenz heißt Fürsorge, nicht Alchemie. Ich kann aus Pappresten Fantasiewelten zaubern oder aus Essensresten ein üppiges Picknick. Aber ich kann keine 75 Euro aus dem Nichts erschaffen. Nicht mit allen weichen Hosen dieser Welt.
Klara Gosens ist ein Pseudonym. Der richtige Name der Autorin ist der Freitag-Redaktion bekannt.