Grünen-Politiker Omid Nouripour: „Europa muss von der Uefa lernen, um zu bestehen“
Gianni Infantino wollte Anteile an der WM an Trump-nahe Investoren verkaufen. Die UEFA organisierte innerhalb weniger Tage eine globale Mehrheit gegen den Plan – und brachte ihn zu Fall.
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Stand: 06.08.2026, 12:46 Uhr
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Die Uefa weist Gianni Infantino in die Schranken – daran sollten sich die deutsche und die europäische Außenpolitik gerne mal orientieren. Ein Gastbeitrag von Omid Nouripour (Grüne).
Wenn eine Interessenvertretung des europäischen Fußballs dem mächtigsten Mann des Weltfußballs die Stirn bietet und gewinnt, lohnt der Blick nach Brüssel. Was sich in den vergangenen Tagen zwischen der Fifa und der UEFA abgespielt hat, ist mehr als eine Fußballposse. Es ist ein Lehrstück über Machtbewusstsein und Bündnispolitik. Und darüber, wie man in einer Zeit zunehmender Regellosigkeit mit Machtmissbrauch umgeht. Die Europäische Union sollte dieses Lehrstück aufmerksam studieren.
Gianni Infantino wollte, gemeinsam mit einem Investorenkreis aus dem Umfeld von Donald Trump, das Tafelsilber des Weltfußballs verkaufen. Anteile an der Weltmeisterschaft und weiteren Turnieren sollten an private Investoren gehen, eingefädelt in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, vorbei an den eigenen Gremien, vorbei an jeder Corporate-Governance-Regel, die diesen Namen verdient. Man kann sich lebhaft vorstellen, wessen Taschen sich dabei gefüllt hätten. Es war der Versuch, eine der letzten globalen Institutionen, die noch etwas wert ist, in Mafia-Manier zu privatisieren.
Uefa: Mut zum Widerspruch
Selbst enge Vertraute Infantinos gingen auf Distanz: Sein Berater im Weißen-Haus-Gremium zur Weltmeisterschaft trat zurück und nannte den Plan unmissverständlich falsch. Und dann geschah etwas Bemerkenswertes: Die UEFA, die Union of European Football Associations, auch kein Verbund von Waisenknaben, stand auf.
Erstens hatte sie den Mut, öffentlich Nein zu sagen. Das klingt banal, aber das ist vielleicht immer der erste und schwierigste Schritt. Nicht mit der Suche nach Formelkompromissen oder der stillen Diplomatie hinter verschlossenen Türen. Und schon gar nicht mit der Hoffnung, durch Beschwichtigung etwas zu erreichen, sondern ein klares Wort: ein „schäbiger Hinterzimmer-Deal“, so nannte es die Uefa.

Zweitens wusste sie um die eigene Stärke. Ohne den europäischen Markt, ohne die europäischen Verbände und Vereine gibt es keinen Weltfußball, der sich vermarkten lässt.
Drittens suchte die UEFA mit großer Geschwindigkeit Verbündete – bis sie eine Mehrheit gegen Infantino organisiert hatte. Ausgerechnet der Fußballverband für die Staaten Nord- und Mittelamerikas und der Karibik (Concacaf) schloss sich der UEFA als Erster an, der asiatische Fußballverband (AFC) folgte alsbald. Aus einem europäischen Protest wurde eine majoritäre globale Front.
Und viertens scheuten die Europäer nicht vor Härte zurück: Die UEFA kündigte einen sofortigen Boykott sämtlicher Fifa-Wettbewerbe an, sollte Infantino seinen Plan nicht zurückziehen.
Infantinos Plan brach nach nur wenigen Tagen in sich zusammen. Und die Zukunft eines Fifa-Präsidenten, der das Vertrauen der Fußballwelt verloren hat, hängt am seidenen Faden.
Die ersten großen Fußballverbände rücken von ihm ab und stellen sich gegen seine Wiederwahl. Vor der WM galt er noch als dauergesetzt. Als Gegenkandidat wird Nasser al-Khelaifi gehandelt: ein Katari aus Paris – eine Personalie, die auf einen Schlag zwei Konföderationen hinter sich vereinen könnte.
Infantino: Nah am Vorbild Donald Trump
Die Handlungsweise Infantinos war nicht zufällig nah am Vorbild Donald Trumps, der mit seinem erratischen Größenwahn Europa und die Welt seit Jahren in Atem hält.
Was kann Deutschland, was kann die Europäische Union also von der UEFA lernen?
Erstens: Wir müssen es aussprechen, wenn die US-Regierung Recht bricht, unsere Interessen verletzt und unseren Werten zuwiderhandelt. Schweigen aus Rücksicht auf die transatlantische Freundschaft ist keine Stärke, sondern eine Einladung an Trump & Co., Europa weiter wie ihren Spielball zu behandeln.
Zweitens: Wir sind nicht das Kaninchen vor der Schlange. Europa verfügt über erhebliche eigene Machtmittel, und auch die Vereinigten Staaten sind von uns abhängig.
Das beginnt nicht beim französischen Rotwein und hört nicht bei deutschen Maschinenbau- und Chemieprodukten auf. Es reicht über Finanzdienstleistungen, Pharmazeutika und Rüstungskooperation bis hin zu digitalen Märkten, auf denen amerikanische Konzerne von europäischen Nutzern und europäischem Recht abhängig sind.
Unsere Macht als weltgrößter integrierter Markt ist gewaltig. Wer verhandelt, sollte wissen, was er selbst auf der Waage hat – und sollte es auch benennen.
Drittens: Wir müssen in der Welt jene suchen, die ebenso entsetzt und betroffen sind über den Kurs, den Donald Trump eingeschlagen hat. Es gibt zahlreiche demokratische Staaten, mit denen sich Bündnisse schmieden lassen, mit denen man sich unterhaken kann, um Washington ein Stoppschild aufzustellen: in Handelsfragen, bei gemeinsamen Standards für Technologie und Datensicherheit, bei der Verteidigung multilateraler Institutionen, die Trump am liebsten aushöhlen würde.
Die UEFA hat vorgemacht, dass man dafür nicht die größte Partei sein muss – man muss nur so lange werben, bis aus vereinzeltem Unmut eine Mehrheit wird. Mut, Stärke, Härte und neue Allianzen: Diese Rezeptur funktioniert – im Gegensatz zur reinen Appellpolitik à la Johann Wadephul. Europa muss von der UEFA lernen, um zu bestehen. Wegen Trump, wegen Putin. Und wegen der auf lange Sicht noch größeren Herausforderung China.
Chinas Machtpolitik orientiert sich schon längst an der erfolgreichen Rezeptur: Selbstbewusstsein, Bündnisbildung, das Wissen und der Einsatz um die eigene Hebelwirkung. Nur dient es dort nicht unseren demokratischen Werten, sondern diametralen Interessen, die mit den europäischen nicht vereinbar sind und Europa bedrohen. Es ist Zeit, aufzustehen, wie es die Uefa gemacht hat.