Handelsstreit: Trump greift nach Kanadas Kulturpolitik
Bild: Shutterstock.com Netflix auf Französisch als Zankapfel zwischen Washington und Ottawa: Wie weit Handelspolitik inzwischen in nationale Souveränität hineinreicht. Der Streit zwischen den...
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Netflix auf Französisch als Zankapfel zwischen Washington und Ottawa: Wie weit Handelspolitik inzwischen in nationale Souveränität hineinreicht.
Der Streit zwischen den USA und Kanada eskaliert: Washington verhängte Ende August Strafzölle von 50 Prozent auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar. Kanada kündigte Gegenzölle in vergleichbarer Höhe an, die am 8. September in Kraft treten sollen.
In der Ära Trump wird ein Handelsstreit allerdings nicht comme d’habitude abgehandelt. Er wird zur Frage nationalen Stolzes und zum Exerzierplatz für Machtdemonstrationen mit Überraschungseffekt. Gerade erst benannte Trump den Ontariosee für US-Bundesbehörden per Dekret in "Lake America" um.
Nun reicht der Konflikt tief in die kanadische Innenpolitik hinein. Zu den Streitpunkten gehört ausgerechnet der Schutz der französischen Sprache – und die Frage, welche Inhalte Streamingdienste ihren Nutzern zeigen.
Auffindbarkeit als Handelshemmnis
Im offiziellen National Trade Estimate Report 2026 beanstanden die USA kanadische Regeln für Online-Streamingdienste. Dabei geht es unter anderem um die sogenannte "discoverability": Kanadische und französischsprachige Inhalte sollen auf Plattformen leichter auffindbar und sichtbar werden.
Washington sieht in solchen Vorgaben ein mögliches Handelshemmnis. Für Ottawa und Québec dagegen berührt die Forderung einen politisch hochsensiblen Bereich: den Schutz der französischen Sprache und der eigenen Kultur gegenüber der Übermacht englischsprachiger Inhalte.
Premierminister Mark Carney erklärte am 22. August unmissverständlich: "Für die Amerikaner sind Fragen der französischen Sprache, der Québecer Kultur und der frankophonen Kultur Irritationen. Hier in Québec, hier in Kanada sind sie Rechte – fundamentale Rechte."
Wenn Handelspolitik zur Kulturpolitik wird
Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer bestätigte gegenüber CBC, dass die "discoverability" in den Verhandlungen angesprochen worden sei. Zugleich spielte er die Bedeutung des Konflikts herunter: Die französische Sprache sei für Washington keine rote Linie, an der ein gutes Handelsabkommen scheitern werde.
Ähnlich demonstrativ äußerte sich Handelsminister Howard Lutnick: "Interessiert es mich, wie die Quebecer sprechen? Was könnte Amerika weniger interessieren?"
Gerade darin liegt das Problem. Denn sobald Regeln über Sprache, Kultur und die Sichtbarkeit heimischer Medieninhalte Gegenstand von Handelsverhandlungen werden, verschwimmt die Grenze zwischen dem Abbau wirtschaftlicher Barrieren und dem Eingriff in politische Entscheidungen eines anderen Staates.
Die New York Times berichtet, dass die Auseinandersetzung um französischsprachige Inhalte zu den Punkten gehörte, an denen sich der Konflikt zuspitzte.
Washington bewegt sich
Inzwischen deutet sich ausgerechnet bei diesem Streitpunkt eine Entspannung an. Kanadas Handelsminister Dominic LeBlanc begrüßte am 27. August, dass Washington seine Position zu "discoverability" und zur Förderung französischer Sprache und kanadischer Kultur zurücknehme.
Noch ist damit allerdings kein Neustart der Verhandlungen verbunden. Reuters meldete parallel: Zwischen beiden Regierungen gibt es derzeit keinen offenen Verhandlungskanal.
Der Konflikt ist damit nicht beendet. Aber gerade die Bewegung Washingtons macht sichtbar, worum es ging: Eine Regel darüber, welche Filme und Serien Nutzer auf Streamingplattformen finden, wurde plötzlich zur handelspolitischen Verhandlungsmasse.
Kanada hat daraus eine Frage der Souveränität gemacht – und bei diesem Punkt bislang nicht nachgegeben. Der Fall zeigt, wie schnell Handelskonflikte heute Bereiche erfassen können, die mit Zöllen wenig zu tun haben: Sprache, Kultur und am Ende die Frage, wer darüber entscheidet, was Menschen auf ihren Bildschirmen überhaupt zu sehen bekommen.