Dieses Buch gibt jungen Obdachlosen eine Stimme
Harter Alltag auf der Strasse Dieses Buch gibt jungen Obdachlosen eine Stimme In «Wie Treibholz auf Asphalt» erzählen 14 junge Wohnungslose, was sie auf die ...
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Harter Alltag auf der Strasse Dieses Buch gibt jungen Obdachlosen eine Stimme
In «Wie Treibholz auf Asphalt» erzählen 14 junge Wohnungslose, was sie auf die Strasse getrieben hat und was sie dort erleben. Die Gesprächsprotokolle sind harte Kost – aber enthalten auch ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit.
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«Für ein glückliches Leben brauche ich einfach nur Anerkennung und Freude», sagt der 15-jährige Lukas. Mit 14 Jahren warf seine Mutter ihn wegen seines Drogenproblems aus der Wohnung. Er schlief zuerst bei Freunden, später in einem Zelt am Berliner Alexanderplatz. Doch eines Tages wurde sein Schlafplatz angezündet.
Seine Geschichte ist eine von vielen in «Wie Treibholz auf Asphalt». Für das rund 300 Seiten starke Buch hat die Juristin und Chefredaktorin eines Berliner Hochschulmagazins Kobai Halstenberg mit obdachlosen Menschen zwischen 15 und 26 Jahren gesprochen. Sie hat denen zugehört, denen sonst – ausser Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern und Mitarbeitern von sozialen Einrichtungen – kaum jemand zuhört.
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Bild 1 von 3. Als Jugendlicher auf der Strasse: Im Buch erzählen verschiedene Menschen aus ihrem Leben.
Bildquelle: Vanessa Mundle / Fischer Sauerländer GmbH.
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Bild 2 von 3. Mehrere Szenen im Buch sind in schwarz-weissen Bildern illustriert.
Bildquelle: Vanessa Mundle / Fischer Sauerländer GmbH.
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Bild 3 von 3. Das Sofa der Freunde, bei denen der 15-jährige Lukas zuerst schlief.
Bildquelle: Vanessa Mundle / Fischer Sauerländer GmbH.
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Gewalt und fehlender Halt
Die Schicksale ähneln sich oft. Viele der Jugendlichen stammen aus Familien, die von Sucht, Gewalt oder instabilen Verhältnissen geprägt sind. Statt ihre Zukunft zu entdecken und Grenzen auszutesten, kämpfen sie mit Depressionen, Suchterkrankungen und existenzieller Unsicherheit.
Lukas leidet seit seinem elften Lebensjahr unter Depressionen. Nachdem ihn seine Mutter aus der Wohnung geworfen hatte, fand er zunächst bei Freunden Unterschlupf. Als auch diese Möglichkeit wegfiel, blieb nur die Strasse. «Irgendwann bin ich zu diesen Autos gegangen, die Essen für Obdachlose austeilen», erzählt er. «Von denen habe ich mir ein Zelt geholt und am Alexanderplatz übernachtet. Dort habe ich eine Weile geschlafen, bis das Zelt von ein paar Leuten abgefackelt wurde. Ich weiss nicht, warum.»
Auch der 22-jährige Simon hat Gewalt erlebt: «Vor zweieinhalb Wochen lag ich da. Mein Gesicht war blutüberströmt, weil ich jemanden nach 5 Euro gefragt hab. Was hat der gemacht? Mir mit dem Schlagstock eine reingehauen, volle Kanne. Keiner hat was gesagt.»
«Ich hatte niemanden mehr»
Die heute 20-jährige Isi kam bereits mit elf in eine Kriseneinrichtung. Konflikte mit dem Stiefvater belasteten das Familienleben, später starb ihre Mutter an Krebs. Mit 12 nahm Isi erstmals Drogen. «Ich hatte niemanden mehr. Von einem Moment auf den anderen war ich komplett auf mich alleine gestellt.» Zuerst wohnte sie in einer Einrichtung, dann auf der Strasse. Dort fühlte sie sich schutzlos und bedroht.
Buchhinweis
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«Wie Treibholz auf Asphalt – Junge Menschen erzählen von ihrem Leben auf der Strasse». Herausgegeben von Kobai Halstenberg. Illustriert von Vanessa Mundle. Fischer Sauerländer, 2026.
Trotz aller Härten erzählen viele Jugendliche auch von Menschen, die ihnen geholfen haben. Besonders wichtig seien Anlaufstellen für obdachlose Menschen. Dort erhalten sie Essen, Kleidung und Unterstützung bei Behördengängen, der Wohnungssuche oder der Suche nach einem Therapieplatz. Dort fühlen sie sich endlich – und oft erstmals überhaupt – ernst genommen.
Warum die Gesellschaft hinsehen muss
Die 24-jährige Kalina, die nach Jahren auf der Strasse eine Ausbildung zur Kinderpflegerin geschafft und den Weg zurück in ein geregeltes Leben gefunden hat, formuliert eine eindringliche Botschaft: «Die Gesellschaft muss diese jungen Leute sehen. Und sie muss verstehen, dass es wichtig ist, ihnen eine Chance zu geben.»
«Wie Treibholz auf Asphalt» ist ein Buch, das aufwühlt. Es erzählt von Menschen, die wir gerne übersehen oder gar abwerten, die wir aber besser verstehen sollten. Das Buch erzählt von Verachtung und Gleichgültigkeit, aber auch von Mut, Unterstützung und neuen Chancen. Vor allem ist es aber ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit.
Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 05.08.2026, 17:40 Uhr. ; zehr/lics