Parlamentsjournalismus: Wie hat sich die Arbeit im Bundestag verändert

Anruf im Hauptstadtbüro der F.A.Z. Die Frankfurter Kollegen wünschen sich einen Text für die Jubiläums-F.A.S. Thema: Wie hat sich der Parlamentsjournalismus verändert in den vergangenen 25 Jahren? Gute Frage. A...

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Parlamentsjournalismus: Wie hat sich die Arbeit im Bundestag verändert

Anruf im Hauptstadtbüro der F.A.Z. Die Frankfurter Kollegen wünschen sich einen Text für die Jubiläums-F.A.S. Thema: Wie hat sich der Parlamentsjournalismus verändert in den vergangenen 25 Jahren? Gute Frage. Aber auch ziemlich groß. Eines der wenigen Dinge, die noch wie früher sind, ist, dass Reden hilft. Wir fangen mal an.

fhau. Du bist seit 30 Jahren Parlamentskorrespondent, ich erst seit fünf. Wie war unser Beruf, als du anfingst? Hast du jeden Tag Anzug und Krawatte getragen?

elo. Am 1. Mai 1996 erschien mein erster Artikel als Parlamentskorrespondent . . .

fhau. Ortsmarke: Bonn.

elo. Ja. Damals schrieben wir noch „Frau“ vor den Namen, wenn ein Politiker nicht männlich war. Vier Jahre später war Angela Merkel CDU-Vorsitzende. Anzug und Krawatte waren die normale Dienstkleidung. Noch als wir längst in Berlin waren, wurde ich mal freundlich von einem Kollegen verspottet, als ich mit offenem Hemdkragen im Reichstagsgebäude erschien. „Die F.A.Z. ohne Krawatte! Das hätte es früher nicht gegeben!“ Heute kann man auch beim Ministerinterview Turnschuhe anziehen.

fhau. Die Minister tragen ja selbst welche. Mir kommt es so vor, als wäre früher zwar vieles strenger geregelt gewesen - Anrede, Kleidung, Ausdrucksweise -, aber im Umgang trotzdem lockerer. Ältere Kollegen schwärmen davon, wie sie in Bonn in der Kneipe saßen, und plötzlich kamen Politiker rein, setzten sich dazu, und man diskutierte und trank.

elo. Tja. Da hat das Smartphone viel verändert. Immer öfter wurde fotografiert, gefilmt, dann ins Netz gestellt. Politiker sind vorsichtiger geworden, auch was die Nähe zu Journalisten angeht.

fhau. Gleichzeitig erreichen wir sie viel schneller: per Instagram-Direktnachricht, Whatsapp, Signal. Die Frage wäre, ob das was besser macht.

Wir fragen 30 Abgeordneten, was sich für sie verändert hat

Schnell merken wir: Viele Dinge, die den Parlamentsjournalismus verändert haben, haben auch den Rest des Landes verändert. Aber unseren Beruf besonders: Er lebt von Kommunikation, Information, Verständigung. Verändert sich die, verändert sich für uns alles. Für die Politiker auch? Wir beschließen, einigen von ihnen unsere Frage zu stellen - solchen, die schon mehr als zwanzig Jahre Bundespolitik machen. „Was ist für Sie die deutlichste Veränderung, die Sie im Kontakt mit und in der Beobachtung von Hauptstadtjournalisten feststellen?“, schreiben wir per E-Mail an rund dreißig Abgeordnete.

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem F.A.Z.-Hauptstadtkorrespondenten Eckart Lohse am 20. März 2018 bei einem Empfang im Berliner Redaktionshaus
Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem F.A.Z.-Hauptstadtkorrespondenten Eckart Lohse am 20. März 2018 bei einem Empfang im Berliner RedaktionshausJulia Zimmermann

fhau. Wenn du mal alles zusammenrechnest: Arbeitest du mehr als vor 25 Jahren?

elo. Ich hab nie die Stunden aufgeschrieben. Reisen, Abendtermine und Wochenendarbeit gab es immer. Aber es gibt fast keine Freiräume mehr. Alle sind ständig erreichbar. Guckt man mal 'ne Stunde nicht aufs Handy, hat man direkt 17 neue Nachrichten. Ich erinnere mich an einen Samstag Anfang vorigen Jahres. Ein paar Tage vorher hatte die AfD der Union bei einem Antrag zur Migrationspolitik zu einer Mehrheit im Bundestag verholfen. Große Unruhe im Merz-Lager. Es war gerade halb vier nachmittags, ich hatte die Bundesliga angestellt, als ein wichtiger Politiker mich erreichen wollte. Ich habe kurz überlegt: Bayern München oder Arbeit? Dann habe ich mit dem Politiker telefoniert.

fhau. Die Kollegen in Frankfurt, die unsere Texte online stellen, arbeiten ja inzwischen in Schichten. Wir Korrespondenten nicht. Manchmal habe ich morgens um sieben, wenn mein Wecker klingelt, schon die Bitte um einen Text auf dem Handybildschirm - und abends, wenn ich schlafen gehe, poppt noch eine Frage der Kollegen auf.

elo. Ich bin mal mit Kanzler Scholz nach China geflogen. Als wir dort landeten, war es nach deutscher Zeit Samstag Morgen um fünf. Der Kanzler hatte im Flugzeug etwas Interessantes erzählt. Früher hätte ich keine Sekunde daran gedacht, gleich zu schreiben - der Tag fing ja in Deutschland erst an. Aber so habe ich einen Text verfasst, den eine Kollegin schnell online gestellt hat. Frisches Futter für die Samstagmorgenleser. Und ich dachte: schnell neues Futter für Samstagmittag und Sonntag sammeln.

„Begegnungen sind knapper geworden. Gespräche kürzer“

Mehr als die Hälfte der Abgeordneten beantwortet unsere Frage - eine hohe Quote. Die Politiker scheint das Thema ebenfalls umzutreiben. Viele bestätigen, dass alles schneller geworden sei. „Begegnungen sind knapper geworden. Gespräche kürzer“, schreibt uns Gitta Connemann, seit 2002 für die CDU im Bundestag. Ebenso lange ist ihr Fraktionskollege Stephan Mayer (CSU) dabei. „Wenn Sie eine Mail bekommen und darauf nicht binnen zwei Tagen antworten, kommt oft eine Mail hinterher, wo die Antwort bleibe.“ Früher sei das anders gewesen. „Da war auch nicht alles besser, aber wir waren weniger getrieben.“

Dieses Wort, „getrieben“, verwenden auch andere. Zum Beispiel Wolfgang Kubicki von der FDP. Er saß schon Anfang der Neunziger mal im Bundestag, zuletzt - bis vor einem Jahr - war er dessen Vizepräsident. Er sieht vor allem die Journalisten als die „Getriebenen“. Und beobachtet Auswirkungen auf die Qualität ihrer Arbeit. „Die Notwendigkeit eines zügigen Outputs steht mitunter einer tiefgründigen Auseinandersetzung im Weg.“ Klar: Wer immer schneller immer mehr liefern muss, kann weniger gründlich sammeln. Andere betonen noch eine weitere Sorge: dass Journalisten dann vor allem Grelles, Auffälliges sammelten. „Der Kampf um Aufmerksamkeit hat sich drastisch verschärft“, schreibt die Grüne Claudia Roth. Sie war Chefin der Grünen und ist mit Unterbrechungen seit 1998 im Bundestag. Klicks, Likes und Interaktionen zählten immer mehr. In Roths Antwort klingt ein Großthema an, das viele Abgeordnete und auch uns beschäftigt: die wachsende Bedeutung der sozialen Netzwerke.

Bundeskanzler Gerhard Schröder spricht nach einem Treffen mit George W. Bush im Oktober 2001 im Flugzeug mit Journalisten.
Bundeskanzler Gerhard Schröder spricht nach einem Treffen mit George W. Bush im Oktober 2001 im Flugzeug mit Journalisten.ddp

elo. Angela Merkel war die Letzte im Kanzlerjob, die sich ohne Social-Media-Dauerrauschen einarbeiten konnte. Das Smartphone kam erst 2007 auf den Markt.

fhau. Kommt mir unendlich lang her vor. Heute vergeht doch kein Tag, an dem wir nicht über irgendein X-Posting eines Abgeordneten oder ein Kanzler-Reel reden oder schreiben würden. Können wir ja nicht ignorieren. Bist du eigentlich noch auf X aktiv?

elo. Zurzeit nicht. Anfangs hab ich beim großen Twitterrausch mitgemacht. Meine Artikel gepostet, die Artikel von Kollegen empfohlen, Anekdoten verbreitet, von denen ich dachte, das könnte klicken. Aber dann habe ich gemerkt, dass das viel Zeit frisst, die für die Recherche an anderen Themen verloren geht. Aber vielleicht bin ich auch nur zu bequem. Du bist aber ja aktiver in den sozialen Medien, nicht wahr?

fhau. Nur noch auf Instagram. Da poste ich privat, aber auch zu meiner Arbeit. Auch manchmal Fotos backstage, von einem Parteitag oder einer Dienstreise. Das gefällt vielen, ich glaube, weil sie verstehen wollen, unter welchen Bedingungen Zeitungsartikel entstehen.

„Viele wollen direkt über die sozialen Medien kommunizieren“

Für Politiker haben die sozialen Netzwerke einen riesigen Vorteil: Sie können selbst bestimmen, was sie wie veröffentlichen. Kein Journalist setzt ein randständiges Zitat in die Überschrift oder stellt eine kritische Nachfrage. „Viele politische Akteure wollen direkt über die sozialen Medien kommunizieren“, analysiert auch Hubertus Heil, früher SPD-Arbeitsminister und seit 1998 im Bundestag. Er sieht allerdings auch gravierende Folgen. „Es gibt keine durch Journalismus kuratierte Wahrnehmung der Wirklichkeit mehr.“ Das wiederum verändere die Arbeit auch für Politiker. „Es wird auch für politische Akteure immer schwieriger, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, wo alles immer gleich laut ist.“ Der CDU-Politiker Michael Meister, der sogar schon seit 1994 im Bundestag sitzt und aktuell Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit im Kanzleramt ist, beschreibt als Konsequenz eine „stärker inszenierungsorientierte Berichterstattung“, die vor allem Selbstdarstellern nütze.

Aber man kann auch anders erfolgreich sein: Der gerade beliebteste Politiker in Deutschland, SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius, verzichtet auf exzessives Posten. Auch sein Parteifreund Rolf Mützenich, seit 2002 im Bundestag und bis vor einem Jahr Fraktionsvorsitzender, hält Distanz. Er habe sich an Social-Media-Debatten „kaum beteiligt“, schreibt er uns. „Das kann auch ein Nachteil für mich gewesen sein. Aber ich glaube, dass man den Kompromiss nicht über Verlautbarungen hinbekommt. Und den Kompromiss brauchen wir in der Politik.“ Aber wie entstehen Kompromisse - und sind sie dann auch gelungen? Darüber diskutieren Politiker und Journalisten oft. Nicht nur öffentlich.

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Großer Andrang: Bundeskanzler Olaf Scholz im Jahr 2024 bei einer Pressekonferenz
Großer Andrang: Bundeskanzler Olaf Scholz im Jahr 2024 bei einer PressekonferenzAP

elo. Stichwort Hintergrundgespräche – also solche, aus denen wir nicht zitieren sollen. Wie gehst du mit den Infos um, die wir da bekommen? Einerseits wollen die Politiker nicht als Quellen genannt werden, andererseits wollen sie natürlich immer, dass ihre Sicht der Dinge in die Artikel einfließt. Auch nach all den Jahren wäge ich immer wieder ab: Welche Informationen verwende ich, ohne die zugesagte Vertraulichkeit zu brechen? Oft startet dann erst eine Recherche.

fhau. Ein früherer Minister hat mir mal erzählt, er sage allen jungen Abgeordneten seiner Partei, die neu nach Berlin kämen, „unter drei“ gebe es nicht. Also die höchste Vertraulichkeitsstufe. Er meinte: Es wird sowieso alles, was wir sagen, geschrieben – also passt auf. Mein Eindruck ist, dass fast alle Abgeordneten sich entsprechend verhalten. Außer, man kennt sich schon länger und redet unter vier Augen. Dann kann es wirklich spannend werden. Das haue ich dann nicht einfach raus – ich will ja, dass der Informant weiter mit mir spricht. Hast du den Eindruck, Politiker vertrauen uns weniger an als früher?

elo. Schwer zu sagen. Auch heute erzählt in aller Regel kein Politiker einem Journalisten Dinge, damit die ein Geheimnis bleiben. Ich habe das System früh kennengelernt. Ende der Neunziger rief mich ein wichtiger SPD-Mann mit dem Handy aus Nordafrika an. Damals eine technische Sensation. Er steckte mir viele Interna aus der Partei und sagte mehrfach, das seien Informationen für meinen Hinterkopf. Unerfahren, wie ich war, fragte ich, ob ich nichts davon aufschreiben dürfe. Kurze Pause. Schlechte Verbindung, dachte ich. Aber vermutlich musste er erst über die Naivität meiner Frage hinwegkommen. „Was denken Sie, warum ich seit einer Viertelstunde mit Ihnen telefoniere?“ Was schon so ist: Die Politiker sind vorsichtiger geworden, weil wir heute interessante Informationen schnell in den Liveblog posten. Schon um zu verhindern, dass die Konkurrenz uns zuvorkommt. Manchmal würde ich mich über etwas mehr Langsamkeit freuen.

Ein Abgeordneter beobachtet „grenzüberschreitende Methoden“

Die Politiker, die uns antworten, trauen uns offenbar zu, fair über ihre Perspektive zu berichten. Obwohl sie unseren Berufsstand auch kritisieren. Für den CDU-Abgeordneten Olav Gutting, seit 2002 im Bundestag, ist die größte Veränderung, dass Journalisten häufiger als früher gegen journalistische Standards verstießen. Früher habe „bei aller notwendigen kritischen Distanz ein gewisses Maß an Transparenz und Verlässlichkeit“ das Miteinander geprägt. Heute seien teils „grenzüberschreitende Methoden“ zu beobachten. Als Beispiel nennt er, dass Journalisten unter „falscher Identität oder mit irreführenden Angaben versuchen, sich Zugang zu Abgeordnetenbüros zu verschaffen, um mutmaßliche Missstände aufzudecken“.

Andere beschreiben weniger krasse Phänomene. Mehrere erwähnen, dass auch Journalisten sich heute stärker selbst in Szene setzten, zum Beispiel in Talkshows. Manche Politiker weisen auch darauf hin, dass Redaktionen anders besetzt seien als früher. Klaus-Peter Willsch, seit 1998 für die CDU im Bundestag, sieht viele Leitmedien „in einem eher links-grünen Meinungskorridor“. Sie betrieben „Haltungsjournalismus“. Beinahe umgekehrt sieht es sein Parteifreund Günter Krings, seit 2002 dabei. Er lobt, dass Qualitätszeitungen „wie die F.A.Z.“ öfter mit einer Wertung überraschten, als es digitale Bubbles täten. „Das hat sicher auch damit zu tun, dass eine jüngere Journalistengeneration heute politisch und weltanschaulich weniger festgelegt scheint.“ Zugleich beschreiben mehrere Parlamentarier Effekte, die sie auf neu gegründete Medien zurückführen. Und auf eine neue Partei.

SPD-Wahlparty nach der Bundestagswahl 2002 im Willy-Brandt-Haus mit Manfed Bissinger, Gerhard Schröder und Burkhard Driest.
SPD-Wahlparty nach der Bundestagswahl 2002 im Willy-Brandt-Haus mit Manfed Bissinger, Gerhard Schröder und Burkhard Driest.Barbara Klemm

elo. Du bist bei uns zuständig für die AfD. Wie gehst du damit um?

fhau. Erst mal finde ich es gut – weil interessant. Ich erlebe viel, was ich bei anderen Parteien nicht erlebe, höre Standpunkte, die ich sonst nicht höre. Als Journalistin macht mich das neugierig. Aber oft sagt jemand auch etwas Abfälliges über Medien wie uns. Bis hin zu „Lügenpresse“. Im Zuschauer-Chat zur Pressekonferenz der AfD-Fraktion ist die Bezeichnung „Presstituierte“ für Journalisten üblich.

elo. Trifft dich das?

fhau. Schon. Weil es so grundsätzlich verächtlich ist. Aber interessant ist, wie viel AfD-Politiker mit uns reden. Übrigens auch bei Anlässen wie dem Neujahrsempfang, den die AfD-Fraktion für Journalisten von Zeitungen und Rundfunkanstalten gibt. Ich habe gehört, dass es separate Runden für Journalisten von neuen Medien geben soll – rechten Portalen und Influencern. Das kenne ich von anderen Parteien nicht.

elo. Umgang mit neuen Parteien ist für uns immer eine Herausforderung. Als ich 1996 nach Bonn kam, war es schon selbstverständlich, mit Politikern der Grünen zu sprechen, obwohl die als Antiparteienpartei angetreten waren und es oft darum ging, wie es zumindest einzelne Politiker mit dem Linksextremismus halten. Dann kam die PDS dazu. Auch da die Frage, wie wir als Journalisten mit denen umgehen. Aber die AfD als zumindest in Teilen rechtsextreme Partei ist für den journalistischen Alltag sicher die derzeit größte Herausforderung.

fhau. Wir haben ja vorhin auch diskutiert, ob wir uns angreifbar machen, weil wir für diesen Text keine AfD-Politiker angefragt haben. Aber ich finde das richtig: weil wir Urgesteine fragen wollten. Und die AfD sitzt erst seit 2017 im Bundestag.

Gregor Gysi erinnert sich an das Misstrauen gegenüber der PDS

Auch manche Abgeordnete beschäftigt der Umgang mit neuen Akteuren besonders. Gregor Gysi, zur Wende SED- und dann PDS-Vorsitzender und - mit Unterbrechungen - seit 1990 im Bundestag, erinnert sich an das Misstrauen, das seiner Partei entgegengebracht wurde. „Damals fiel es Journalistinnen und Journalisten schwer, irgendetwas Positives über die PDS-Gruppe zu berichten.“ Heute sei es für Journalisten „schwierig, die AfD korrekt einzuordnen“.

Die Grüne Roth bewegt stärker, wie die AfD-Abgeordneten selbst auftreten. Sie kritisiert, dass die Fraktion „ihre Reden im Parlament einzig darauf ausrichtet, kurze Videos für Tiktok zu produzieren“. Die eigentliche Debatte spiele dabei keine Rolle mehr. „Das ist ein Angriff auf die parlamentarische Demokratie selbst.“ Portale wie „Nius“ verfolgten eine „antidemokratische Agenda“ und trieben Politiker vor sich her. FDP-Mann Kubicki beobachtet, dass sich im Journalismus Kräfteverhältnisse veränderten. Einige „Traditionsmedien“ pflegten zwar noch Journalisten „alter Schule“, doch deren Wirkmacht sei deutlich reduziert. Der Linke Dietmar Bartsch, seit 1998 mit Unterbrechung dabei, beschreibt in dem Zusammenhang ein ganz grundsätzliches Problem: Den politischen Parteien gehe es „nahezu ausschließlich“ um Zahlen, die an Wahlabenden aufleuchteten, und den Journalisten um Klicks und Auflagenzahlen. Das verführe beide Seiten zu Abkürzungen – was Bartsch problematisch findet. Wo bleibt dann eigentlich der Sinn?

Der damalige Vorsitzende der Partei PDS/Linke Liste Gregor Gysi 1994 bei einer Veranstaltung in Chemnitz
Der damalige Vorsitzende der Partei PDS/Linke Liste Gregor Gysi 1994 bei einer Veranstaltung in Chemnitzdpa

elo. Ich bin kein Kulturpessimist. Aber unser Geschäft ist schon sehr funktional und zielorientiert geworden. Typischer Fall: Es gibt einen politischen Streit. Wir schreiben drei Politikern eine Nachricht und bitten um eine Stellungnahme binnen zwei Stunden. Blogpost. Agenturmeldung. In die Printausgabe. Schnell noch über X oder Bluesky gesendet. Fertig.

fhau. Kenne ich. Ich schaffe es oft erst nach der eigentlichen Arbeit, in Ruhe zu reden. Abends, auf Empfängen, nach Diskussionsrunden, jetzt bald wieder auf den ganzen Sommerfesten. Da unterhalte ich mich mit Politikern, egal welcher Partei oder ob ich sie schon kenne. Kommt mir so vor, als wäre das so etwas wie beim Klavier die schwarzen Tasten: Du kannst auch auf den weißen allein spielen, aber dann fehlt was Entscheidendes.

elo. Ja, bei mir finden richtige Gespräche auch meistens abends statt. Ich bin Mitglied in zwei journalistischen Runden, in die wir politische Gesprächspartner einladen. Ich mag das ruhige Reden über zwei Stunden oder länger mehr als die Feste. Nicht dass die Politiker dann ihr Innerstes nach außen kehren. Aber alle sind etwas entspannter, die Gespräche dadurch oft interessanter.

fhau. Dafür lerne ich viele Leute neu kennen. Das ist für mich bestimmt wichtiger als für dich, ich bin halt noch nicht so lange dabei. Mir laufen dann Büroleiter von Abgeordneten über den Weg, Pressesprecher von Ministerien, Lobbyisten, Aktivisten. Und bei einem Glas Wein, ohne Anschlusstermin, redet man einfach anders. Da reichen schon fünfzehn Minuten. Manchmal verabrede ich mich aber auch zum Weiterreden.

„Es gibt Journalisten, bei denen ich gar nicht erst ans Telefon gehe“

Reden hilft – finden auch die Politiker, die unsere Frage beantwortet haben. Die Grüne Katrin Göring-Eckardt, dabei seit 1998, bedauert, dass es weniger „tiefgründigen Austausch“ als früher gebe. Den findet sie wichtig, denn Politik lebe durch Öffentlichkeit, und Journalisten hülfen den Politikern, diese herzustellen. Bettina Hagedorn betont, sie spreche gern mit Journalisten. Die SPD-Politikerin, seit 2002 im Bundestag und aktuell Parlamentarische Staatssekretärin im Umweltministerium, hebt hervor, dass es ihr um einen „vertrauensvollen Austausch“ gehe. „Es gibt Journalisten, bei denen ich gar nicht erst ans Telefon gehe, wenn ich die Nummer sehe. Mit anderen esse ich auch schon mal zu Abend.“ Wer sie aber schon mal „reingelegt“ habe, etwa indem er ein Zitat unautorisiert verwendet habe, mit dem spreche sie nicht mehr.

Die damalige Spitzenkandidatin der Grünen Katrin Görding-Eckardt bei einer Bundestagsrede im Jahr 2013
Die damalige Spitzenkandidatin der Grünen Katrin Görding-Eckardt bei einer Bundestagsrede im Jahr 2013REUTERS

CDU-Politiker Krings beobachtet, dass der verschärfte Wettbewerb unter den Journalisten auch die „Nachfrage nach Indiskretionen aus der Politik“ sowie deren Angebot angeheizt habe. „In der Berliner Republik scheint jeder von jedem die Handynummer zu haben.“ Auch SPD-Mann Mützenich bedauert, weniger tiefgründige bilaterale Gespräche mit Journalisten zu führen - die hätten auch ihn weitergebracht. Dennoch wolle er festhalten: „Ich lese weiter überregionale Zeitungen, auch mit Gewinn, wofür ich dankbar bin.“

Apropos: Welches Fazit ziehen die Politiker? Das Bild könnte verzerrt sein, denn Abgeordnete, die keinen Sinn darin sehen, sich mit uns über dieses Thema auszutauschen, hätten ja erst gar nicht mitgemacht. Trotzdem gibt es skeptische und optimistische Antworten. CDU-Mann Gutting sieht ein „spürbar gestiegenes Maß an Vorsicht im Umgang miteinander, das den offenen Austausch erschwert und das Verhältnis zwischen Politik und Medien auf eine neue, deutlich distanziertere Ebene hebt“. Auch der CSU-Parlamentarier Mayer beobachtet auf beiden Seiten „mehr Misstrauen“. Daniela Ludwig, seit 2002 für die CSU im Bundestag, aktuell als Parlamentarische Staatssekretärin im Innenministerium, ruft Politiker und Journalisten dazu auf, „sicherzustellen, dass Schnelligkeit nicht zu Oberflächlichkeit führt“.

Der Christdemokrat Gunther Krichbaum zieht den Vergleich mit dem Ausland. Wenn er „in dem ein oder anderen“ europäischen Land unterwegs sei, wisse er „die Bedeutung von Qualitätsmedien in Deutschland noch mehr zu schätzen“. Manche Abgeordnete setzen dabei auch ausdrücklich Hoffnungen in die F.A.Z. und die F.A.S. Der Linke Bartsch lobt: „Die F.A.S. bemüht sich, dass das Wort Recherche noch zum Repertoire eines Journalisten gehört.“ Und der CDU-Abgeordnete Krings benennt „positive Seiten“ der Veränderungen. Eine davon: „Qualitätszeitungen wie die F.A.Z. haben aus meiner Sicht die Chance genutzt, sich durch tiefere Recherche und klügere Analysen aus dem Meer der digitalen Konkurrenz herauszuheben.“

Ein schönes Schlusswort, finden wir. Und arbeiten jetzt mal weiter. Auf dem Handy leuchten schon wieder jede Menge Nachrichten auf.