Ich fühlte mich heimatlos, enttäuscht von den „Linksintellektuellen“
Früher vertiefte sich unsere Autorin in „Gender Studies“, heute findet sie, Mutterschaft und Familie würden zu wenig geschätzt. Wer die Rechten stoppen wolle, müsse die Dogmen des eigenen linken Milieus überdenken – sieben davon nennt sie
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Wir schreiben das Jahr 2026. Die Gefahr des Dritten Weltkrieges ist so nah wie nie zuvor, die Umwelt wird weiter zerstört, Menschen beschimpfen und bedrohen sich in den sozialen Medien und der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt. Ich habe Angst. Um die Gesellschaft, die Umwelt. Und die Politik. Dabei war ich lange Zeit zugegebenermaßen kein politischer Mensch. Das änderte sich erst in der Corona-Zeit. Ich kann es sogar genau datieren. Es war im April 2020. Als publik wurde, dass die damalige Bundeskanzlerin Merkel meinte, man solle mit den „Öffnungsdiskussionsorgien“ aufhören. Es war, als sei ich mit einem Schlag aus meinem tiefen apolitischen Schlaf erwacht.
Öffnungsdiskussionsorgien? Der Bürger soll nicht mitdiskutieren, mitdenken, kritisch die Politik beobachten dürfen? Vielleicht wäre dieser achtlose Kommentar auch wieder vergessen worden, wenn ich in den darauffolgenden Monaten nicht mit ansehen musste, wie sich der Meinungskorridor verengte, seriöse Wissenschaftler in den Leitmedien nicht mehr zu Wort kamen oder ständig mit dem Etikett „umstritten“ behängt wurden. „Die Wissenschaft weiß, was das Richtige ist, nur die ungebildeten Aluhutträger wollen es nicht wahrhaben.“ Diese Attitüde war deutlich spürbar, auch im eigenen Freundeskreis.
Ich fühlte mich heimatlos, enttäuscht von der eigenen Hood der „Linksintellektuellen“, zu denen ich mich zähle.
Wir waren die Avantgarde
Als der Krieg in der Ukraine begann, vertiefte sich die Enttäuschung: die zunehmende Verrohung unserer Sprache, die schleichende Kriegsbagatellisierung, die ausgerechnet von der Partei meiner jungen Erwachsenenzeit, den Grünen, propagiert wurde, machte mich sprachlos. Schlimmer war die mediale Ausgrenzung pazifistischer Positionen – oft, was besonders traurig ist, unter dem Deckmantel einer proklamierten Demokratie-Rettung. Sämtliche Parteien der Mitte und die meisten etablierten Medien in Deutschland schimpfen seit Beginn des Krieges auf die pazifistischen „Putin-Freunde“, lehnen diplomatische Initiativen ab, lassen die Sprache im öffentlichen Diskurs verrohen und plädieren für eine seit den 1930er-Jahren nicht mehr gekannte Aufrüstung. Ich war (und bin immer noch) sprachlos: Darf man heutzutage in Deutschland kein Pazifist mehr sein?
So viel zur Politik. Aber die Heimatlosigkeit beschränkt sich leider nicht nur darauf. In den 90ern habe ich Amerikanistik studiert. Wir waren die coolen Subversiven, im Gegensatz zu den verschlafenen Germanistikstudenten, die immer noch ihre alten Theoretiker aus den 70ern lasen. Wir vertieften uns in Gender- und Queer-Studies, als hier in Deutschland noch niemand auch nur davon gehört hatte. Wir waren die Avantgarde. In den nächsten Jahrzehnten verschob sich das Ganze.
Die Thesen, die damals noch randständig und für die meisten exotisch waren, wurden Mainstream. Zumindest an den Unis und in den Redaktionen. Plötzlich kannte jeder Judith Butler und Donna Haraway, Geschlecht war nicht natürlich, sondern konstruiert und Rassismus natürlich strukturell.
Geschlechteridentität ist nicht ausschließlich sozial konstruiert
Mittlerweile bin ich 55 Jahre alt. Ich habe drei Kinder großgezogen und sehe vieles recht anders als in meiner Studienzeit. Man könnte es auch so formulieren: Meine Sicht auf die Welt hat sich entradikalisiert. Ich sehe ein, dass die Welt weitaus komplexer ist, als sie damals für mich als junge Frau im Seminarraum aussah. Heute glaube ich weder, dass die Welt ein großes kulturelles Konstrukt ist, noch dass sie sprachlich verfasst ist, noch dass die Geschlechteridentität ausschließlich sozial konstruiert wird, noch dass wir in Deutschland in einem ausgrenzenden patriarchalischen System leben und Frauen in Deutschland benachteiligt werden.
Als Mutter eines Sohnes und zweier Töchter sehe ich vielmehr, dass es eher Jungs sind, die in der Schule oder an den Universitäten zu kämpfen haben. Ich finde, dass Mutterschaft und Familie in unserer Gesellschaft zu wenig wertgeschätzt werden und ich finde manches diskursive Framing von Rassismus (Stichwort „struktureller Rassismus“) und manche Definition von Diskriminierung (wie etwa die Behauptung, dass Unterschiede hervorzuheben oder gar anzuerkennen mit Diskriminierung gleichzusetzen sei) nicht nur sachlich falsch, sondern auch kontraproduktiv.
Mir fällt nicht im Traum ein, die AfD zu wählen
So. Wetten, dass mich einige unter Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, spätestens jetzt dem Lager der Rechten zuordnen?
Das Irritierende ist nur: Ich will weder zurück zu einem christlich-reaktionären Familienbild noch bin ich ein Putin-Fan noch im Geringsten illiberal, was Geschlechteridentität oder Formen des Zusammenlebens betrifft, und gleich gar nicht rassistisch. Es würde mir nicht im Traum einfallen, die AfD zu wählen.
Wenn ich bis jetzt nur von mir gesprochen habe, dann nicht, weil ich mich und meine politischen Gefühle für bedeutender halte als die von anderen – ich habe von ihnen gesprochen, weil ich glaube, dass ich mit diesen Gefühlen nicht allein stehe.
Zu viele enttäuschte Bürger
Es gibt zu viele enttäuschte Bürger, von denen sich viele davon mangels Alternative der AfD zugewandt haben. Darunter auch Akademiker. Und wer glaubt, den Menschen, die AfD wählen, ginge es nur um das komplexe Thema Migration, der irrt. Die AfD ist nicht über Nacht groß geworden. Wir (ich sage jetzt „wir“, weil das grün-linke Milieu immer meines war), haben sie groß gemacht. Wenn wir die Rechten stoppen wollen, müssen wir bei uns anfangen. Wir dürfen uns nicht verhärten, dogmatisch und radikal werden. Wir müssen mit der plumpen „FCK-AfD“ Politik aufhören und auch unsere eigenen Dogmen in Frage stellen.
Kleiner Test: Würden Sie sich trauen, der Lehrerin Ihres Sohnes oder Ihrer Tochter zu sagen, dass Sie es nicht gut finden, wenn sich fast sämtliche Ethikstunden obsessiv um das Thema Frauenrechte und Rassismus drehen? Wahrscheinlich nicht. Denn irgendwie möchte man sich auf diese Diskussionen nicht einlassen. Weil… warum eigentlich? Wäre ja nicht verboten … aber irgendwie fühlt es sich nicht gut an …
Dies erinnert mich an meine Kindheit in den 1970ern in einem Münchner Vorort. Als atheistisches Kind in einem liberalen Haushalt aufwachsend, erinnere ich mich noch gut an das Gefühl, nicht wirklich laut sagen zu wollen, dass ich nicht an Gott glaube, auch nicht am Sonntag in die Kirche gehe, und zwar, weil es sich irgendwie einfach nicht gehörte. Menschen haben einen guten Instinkt dafür, was die Gesellschaft gerade für akzeptabel und richtig hält. Man muss die Glaubenssätze einer Gesellschaft nicht irgendwo lesen, um sie zu kennen. Sie gehören so sehr zu unserem gesellschaftlichen Subtext, dass wir ihre Dogmatik nicht in Frage stellen.
Zu den unausgesprochenen Glaubenssätzen, die den Mainstream in den letzten Jahren geprägt haben, würde ich folgende zählen:
1. Es gibt keine linke Cancel Culture.
2. Unterscheidungen in Bezug auf Geschlecht, Kultur oder Race zu machen, ist gleichzusetzen mit Diskriminierung.
3. Menschen mit Migrationshintergrund sind wie Frauen diskriminiert und haben eine Sonderstellung.
4. Soziale Folgen der Immigration dürfen nicht thematisiert werden.
5. Unsere Überzeugungen beruhen auf Fakten, die der anderen sind bloße Meinungen.
6. Pazifisten sind entweder naiv oder Putin-Freunde.
7 . Wir sind moralisch verpflichtet, Menschen, die all das leugnen, keine öffentliche Plattform zu bieten.
Es hat keinen Sinn, weiter zu bezweifeln, dass auch diese Glaubenssätze sich nicht nur in unserem gesellschaftlichen Subtext, sondern auch in unseren Universitäten, Schulen, Literaturhäusern fest verankert haben – und in den letzten Jahren auch von staatlicher Stelle verteidigt wurden. Ich denke zum Beispiel an die Bundeszentrale für politische Bildung, die in den letzten Jahren auf ihrer Website behauptet hat, die traditionelle Familienstruktur müsse als überholt betrachtet werden, die neue verbindliche Norm seien die neuen Väter.
Sie wollen eine Atmosphäre des Faschismus etablieren
Ja, wir brauchen eine Alternative. Aber keine, die AfD heißt. Denn die AfD ist keine Alternative. Zumindest keine für Menschen, die in einem liberalen, weltoffenen, demokratischen Land leben wollen. Die meisten AfD-Wähler haben ja keine Ahnung, welche Katze in dem Sack steckt, den sie sich mit der Wahl dieser Partei einkaufen. Es ist eine Katze, die bereit ist, Deutschland umzukrempeln, nach einem Führerprinzip zu agieren, Cancel Culture von rechts zu betreiben, völkisch zu denken und eine Atmosphäre des Faschismus zu etablieren. Wer daran zweifelt, lese die Ausführungen der führenden intellektuellen Köpfe dieser Partei. Derer, die im Hintergrund agieren, Bestseller herausbringen (die nicht auf der Spiegel-Liste sichtbar sind) und mythisch aufgeladene Visionen für Deutschland entwickeln.
Auch wenn dieser Tage sowohl von rechts wie von links die geradezu schicksalshafte Haltung dominiert, dass die AfD nicht mehr aufzuhalten sei: An dieser Stelle irren beide. Weder unser eigenes Leben noch die Entwicklung einer Gesellschaft sind prädeterminiert. Wir müssen nur aufhören, mit offenen Augen in unser eigenes Desaster zu stürzen.
Die kulturdominante Seite muss bereit sein, ihre Positionen nicht länger anderen aufdrücken zu wollen. Sie muss sich für Kritik öffnen, die Radikalität ihrer Dogmen überdenken und Ressentiments überwinden – genauso wie das die Enttäuschten und zu den rechten Parteien Übergelaufenen oder mit ihnen Liebäugelnden tun müssen. Nur so kann der fortlaufenden Eskalation entgegengewirkt werden, die wir sonst alle noch bitter bereuen würden.