Klimakrise vom All: Die Copernicus-Satelliten vermessen eine Welt, die immer heisser wird
Niemand sammelt mehr Daten über den Zustand der Erde als die europäischen Copernicus-Satelliten. Sie messen Gletscher, Wälder, Dürren und sehen eine Welt, die aus den Fugen gerät. Die Schweiz beteiligt sich nicht daran. Kommt das gut?
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Niemand sammelt mehr Daten über den Zustand der Erde als die europäischen Copernicus-Satelliten. Sie messen Gletscher, Wälder, Dürren und sehen eine Welt, die aus den Fugen gerät. Die Schweiz beteiligt sich nicht daran. Kommt das gut?
Jeden Morgen betritt Daniel Mesples sein kleines Büro im Erdgeschoss, fährt den Computer hoch und kontrolliert die «Gesundheit meines Satelliten», wie er sagt. Es geht um dessen Lage, die Temperatur, eine Fülle von Zahlen, Kurven und Berechnungen eines möglichen Ausweichmanövers. Das Weltall ist voller Müll.
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Mesples, ein Mann im Kurzarmhemd und guten Schuhen, arbeitet seit 35 Jahren für die Europäische Weltraumorganisation (ESA) in Darmstadt. So lange schon blickt er aus der tiefsten deutschen Provinz auf die Welt.
Und was er in diesem Sommer sah, das gefällt ihm nicht.
In einem etwas in die Jahre gekommenen Gebäude in der Nähe des Bahnhofs Darmstadt, wo sich die Penner mit Doppelkorn die Sicht trüben, werden die Satelliten des sogenannten Erdbeobachtungsprogramms Copernicus betrieben.


«Wir sehen alles»: Daniel Mesples (links) im Kontrollzentrum der ESA.
Mehr als ein Dutzend Satelliten, manche kaum grösser als eine Waschmaschine, kreisen um unseren Planeten und messen die Luftqualität, die Wassertemperatur, Strömungen, Winde, Eisbedeckung, Ölteppiche.
Niemand sammelt mehr Daten über die Erde als die tonnenschweren Waschmaschinen von Copernicus, nicht die Nasa, nicht die Chinesen, nicht Elon Musk. Mit den Informationen und den Bildern der europäischen Satelliten könne man die Stabilität von Brücken in Thailand berechnen, das Absinken des Dogenpalasts in Venedig, den Zustand des Waldes in Kanada, die Biomasse im Amazonas. «Nichts bleibt verborgen», sagt Mesples, der Raumfahrttechnologe. «Wir sehen alles.»
«Schöne und zerbrechliche Erde»
Daniel Mesples, 59, wuchs in Südfrankreich auf, träumte früh davon, für die ESA zu arbeiten, studierte in England und zog 1990 in die Nähe von Darmstadt. Er war im Kontrollraum, als 1991 ERS-1, der erste europäische Erdbeobachtungssatellit, in die Umlaufbahn geschickt wurde. Auf Bildern von damals sieht man einen jungen Wissenschafter vor dickwandigen, milchkaffeefarbenen Computern, mit demselben neugierigen Blick wie heute, aber dichterem, dunklem Haar. Und weniger Sorgenfalten.
Es gibt viele berühmte Zitate ehemaliger Astronauten, die ihre ersten, etwas emotionalen Eindrücke aus dem All an die Bodenstationen funkten.
Vom Russen Juri Gagarin, der vor 65 Jahren als erster Mensch den Weltraum erreichte, sind die Worte überliefert: «Die Erde ist wunderschön, lasst uns diese Schönheit bewahren und steigern, nicht zerstören.» Der Amerikaner Jim Lovell, Kommandant des Flugs Apollo 13, der in die Geschichte einging mit dem Satz «Houston, wir haben ein Problem», soll gesagt haben: «Die Erde da draussen im All zu sehen, so gross wie dein Daumennagel, macht dir klar, wie klein und wie zerbrechlich dieser Himmelskörper ist.»
Und vielleicht macht das etwas mit einem, die Erde von weit her als Erbse zu sehen, wie die Astronauten auf ihren Weltraumflügen und wie Daniel Mesples seit 35 Jahren hinter seinem Laptop. Durch die Bilder der Satelliten, vor allem durch die globalen Daten, die sie liefern, erhält er eine Idee vom grossen Ganzen.
Dieser Blick macht einen Menschen wie Mesples, wenn man so will, zum Gegenspieler des Politikers, der den Baum sieht, nicht den Wald, sich in Details verfängt, kurzfristig plant, in Talkshows auf Stimmenfang geht und in nationalen Grenzen denkt, was im Kampf gegen den Klimawandel so viel Sinn ergibt, wie dem Anstieg der Meeresspiegel mit ein paar Erdwällen beikommen zu wollen.
Mesples’ Satellit, Sentinel-5P, auf dessen Gesundheit er jeden Morgen achtet, befindet sich auf einer Umlaufbahn in 824 Kilometer Höhe, macht einmal pro Tag ein Gesamtbild der Erdatmosphäre und erfasst verschiedene Gase wie Karbonmonoxid, das unter anderem Auskunft gibt über die Brände, die diesen Sommer nicht nur in Südeuropa wüteten, sondern auch in Grossbritannien, Belgien, Kanada; selbst in der Eifel, deutschem Mittelgebirge, wurden mehr als 200 Hektar vernichtet.
«Die Daten sind eindeutig, seit Jahrzehnten, aber noch immer gibt es Politiker, die behaupten, es handle sich beim Klimawandel um schwankende Wetterphänomene», sagt Mesples, Mann der Zahlen, in dessen Stimme zum ersten Mal so etwas wie Verzweiflung schwingt. Die ESA sei eine apolitische Behörde, betont er, «wir warnen nicht, wir messen nur». Es stehe alles in den Daten, fügt er an, man müsse sie nur lesen.

Eine Art Klimawandel-TV in Echtzeit: Nirgendwo werden mehr Daten über die Erde gesammelt als beim Erdbeobachtungsprogramm Copernicus.

Ein Modell des Satelliten Sentinel-5P in Mesples’ Büro.
Druck, Häme und Repression
Der diesjährige Sommer bereite ihm Sorgen, sagt Mesples. Unter der Hitze hätten besonders viele Seniorinnen und Senioren zu leiden, Menschen, die sich keine Klimaanlagen leisten und ihren Alltag nicht in heruntergekühlten Büros verbringen.
Er sei Wissenschafter, aber auch Vater zweier Kinder, es gehe um die Zukunft kommender Generationen. Ihm sei aufgefallen, dass es kaum mehr Mücken gebe wegen der Trockenheit, «früher sind die Windschutzscheiben der Autos voller toter Insekten gewesen». Neulich habe er gelesen, dass in Frankreich, seiner Heimat, Millionen von Legehühnern an der Hitze gestorben seien, «und wir nehmen das einfach hin».
Mesples winkt ab, er will nicht abschweifen, ja nicht persönlich werden, zurück also zum grossen Ganzen, den Copernicus-Satelliten, die gemessen hätten, dass die Meere dieses Jahr zwischen vier und acht Grad wärmer seien als in der Vergleichszeit zwischen 1991 und 2020.
Die weltweite Dürre sei nicht nur vom Weltraum aus dank den Messungen des Smos-Satelliten zu beobachten, sondern an den Ufern der Donau und des Rheins mit blossem Auge zu erkennen. «Gletscher schmelzen, Murgänge in den Alpen nehmen zu.» Man könne selbst das derzeitige Fichtensterben in Deutschland aufgrund der Trockenheit vom All aus beobachten und die Ausbreitung des Borkenkäfers mitverfolgen.
Copernicus sei für die Forschung unersetzlich, sagt Mesples, und es ist, nebst vielem, auch ein Klimawandel-TV in Echtzeit.
Mit neuartigen Satelliten wie CO2M oder Cristal, die in den nächsten Monaten in die Erdumlaufbahn geschickt würden, sagt Mesples, könne man die von Menschen verursachten CO2-Emissionen prüfen, den globalen Baumbestand, die Schneedecke. Die Vermessung der Welt, in der es immer heisser wird.
Die Daten zeigen nicht nur, wie sich Temperaturen, Winde, Wälder und Gletscher verändern, wie Städte wachsen und wie sich von Hitze stark betroffene Gebiete entvölkern. Sie ermöglichen, in gewissem Masse, auch eine Prognose. Einen Blick auf die Welt von übermorgen.
Die Auswertungen von neuen Satellitenbildern deuten auf mögliche Gefahrenzonen für künftige Überschwemmungen im Herbst. Risikogebiete für Erdrutsche wie in Blatten sieht man «aufgrund von Daten über die Hangstabilität aus dem All» zuweilen, Jahre bevor die Katastrophe als Gerölllawine die Häuser und Kirchen unter sich begräbt.
Der amerikanische Präsident Donald Trump aber, der von Wissenschaft etwa so viel hält wie von veganen Burgern, will von all dem bekanntlich nichts wissen.
Er liess auf Websites der Regierung nicht nur etliche Tabellen zur Erderwärmung streichen, sondern ersetzte Wörter wie Klimawandel durch Wetterextreme, weil nichts existieren kann, was keinen Namen trägt. Trump reagiert ähnlich auf Klimatologen, wie die Kirche im 15. Jahrhundert auf Nikolaus Kopernikus, den Namensgeber des europäischen Erdbeobachtungsprogramms, der nicht länger die Erde ins Zentrum unseres Planetensystems setzte, sondern die Sonne: mit Druck, Häme und Repression.
Trump baute über hundert Klimaschutzvorschriften seiner Vorgänger ab, öffnete Schutzgebiete für die Kohleförderung und ordnete an, die Ocean Observatories Initiative (OOI), ein 368 Millionen Dollar teures System zur Beobachtung der Meere mit über 900 Tiefseesensoren, einzustellen, was der Kongress jedoch verhinderte.

Mesples: «Die meisten, die hier arbeiten, machen es nicht nur fürs Geld. Wir haben eine Beziehung zu diesem Planeten.»

Daten über den Zustand der Welt. Daniel Mesples: «Wir warnen nicht, wir messen nur.»
Bundesrat unter Schock
Auch die Schweiz kennt klimawissenschaftsskeptische Vertreter in Bern. Walter Wobmann, ehemaliger SVP-Nationalrat, bezeichnete die Klimadiskussion in der Vergangenheit mehrfach als «Hysterie und Panikmache». Erich Hess, ebenfalls SVP, stellte das Ausmass des von Menschen gemachten CO2-Ausstosses infrage. Und für den SVP-Parteipräsidenten Marcel Dettling war der Klimawandel, zumindest noch vor zwei Jahren, «nicht schlecht für die Bauern».
Und es scheint, als würde sich eine gewisse Skepsis auch im Bundesrat fortsetzen. Albert Rösti zeigte sich unlängst in einem Interview über die «derart heftige Hitze» überrascht; Landwirtschaftsminister Guy Parmelin sprach diese Woche gar «von einem Schock», obwohl Klimatologen seit Jahren vor solchen Szenarien warnen.
Es steht eben alles in den Daten, wie Daniel Mesples in Darmstadt jeweils sagt. Würde man ihnen vertrauen, wäre man als Bundesrat vielleicht nicht überrascht und schon gar nicht schockiert – was ja nichts anderes bedeutet, als dass man erstarrt –, obwohl man es doch hätte besser wissen müssen.
«Nacktes Unverständnis»
Dazu passt, dass der Bundesrat sich gegen den Willen des Parlamentes aus Kostengründen entschieden hat, nicht am Copernicus-Programm der EU teilzunehmen.
Noch sind die Bilder und Erhebungen der ESA-Satelliten frei verfügbar, auch für die Schweiz. «Aber ob das immer so bleibt, ist fraglich», sagt der Klimaphysiker Reto Knutti von der ETH. Daten zu nutzen, aber sich nicht an den Kosten zu beteiligen, hält er für eine «kurzfristige Strategie».
Für die Forschung in der Schweiz werde das Folgen haben, «weil man aus gewissen Programmen ausgeschlossen wird», auch für die Wetterdienste, deren Prognosen und Berichte auf den Erhebungen der Satelliten basieren. «Und nicht zuletzt für die Industrie», sagt Knutti, die keine Aufträge mehr von der ESA erhalte, all die Zulieferer, Maschinenbauer, Dienstleister.
50 Millionen Franken will die Regierung sparen, obwohl der Bundesrat in einer Stellungnahme Mitte Woche bestätigte, dass die entgangene Wertschöpfung für Schweizer Konzerne, rund 51 Millionen Franken, grösser sei als die Kosten. Dazu kämen indirekte Folgen, sagt Knutti, Reputationsschaden, verschlechterte Positionierung der Schweizer Wissenschaft, Wegfall von Ausbildungsplätzen, Abwanderung von hochqualifizierten Talenten.
Stefan Brupbacher, der Direktor von Swissmem, dem Verband der Schweizer Tech-Industrie, sagt, es herrsche «nacktes Unverständnis» über die bisherige Position des Bundesrats.


Modell der Trägerrakete Ariane 5. Aus Darmstadt, tiefste deutsche Provinz, blickt man auf die Welt.
«Die Beteiligung an Copernicus ist eine Investition in die Zukunft» und betreffe eine breite Palette an Unternehmen. Während unzählige Staaten ihre Raumfahrtindustrien ausbauten, weil sehr viel Bewegung in der Branche sei, setze die Schweiz offenbar «andere Prioritäten».
Zurück nach Darmstadt zu Daniel Mesples, zurück zu diesem Sommer, der gerade zu Ende geht – und der laut Bundesamt für Meteorologie so etwas wie das neue Normal sein wird. Ein Stresstest. Ein «Vorgeschmack auf die möglichen Sommer der Zukunft» in einer Welt, die sich um prognostizierte drei Grad erwärmen wird, wie es in einem Blog-Eintrag von Meteo Schweiz heisst.
«Die meisten, die hier arbeiten, machen es nicht nur fürs Geld. Wir haben eine Beziehung zu diesem Planeten», sagt Daniel Mesples vor dem Kontrollraum, in dem eine neue Mission getestet wird.
Man sieht erhellte Bildschirme, rote Zahlen auf Leuchttafeln, Menschen mit Headsets, die den Start einer ihrer millionenteuren Waschmaschinen namens Flex simulieren. Der Satellit wird in wenigen Wochen in die Umlaufbahn geschickt, von wo er die globale Photosyntheseaktivität quantifiziert. Mesples sagt: «Er misst, wie gesund die Natur ist.»
Es ist Mittagszeit. Daniel Mesples stösst die Tür auf und tritt vors Gebäude, vor dem ein Turm zu erkennen ist, den man erst für ein Minarett hält, bis man erkennt, dass es sich um ein Modell der Trägerrakete Ariane 5 handelt. Er schaut in den Himmel, als blicke er hoch zu seinen Satelliten, um die er sich seit 35 Jahren kümmert, und sagt: «Es regnet.» Er klingt erleichtert.

Blick ins Kontrollzentrum der Europäischen Weltraumorganisation in Darmstadt (ESA).
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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