Führen wie Ted Lasso: „Herrscher sind fehl am Platz“

Der amerikanische Fußballtrainer Ted Lasso verkörpert mit seiner gnadenlos sympathischen Figur in der gleichnamigen Serie einen Typ Chef, der auf Zuversicht, Zusammenhalt und Motivation setzt. Damit wurde Lasso (Jason Sudeikis) zu einem popkulturellen Phänomen – mit einem Führungsstil auf dem Platz, bei dem sich laut Fachleuten heute auch Politiker und Managerinnen teilweise Anleihen nehmen könnten. Am Mittwoch startet die vierte Staffel.

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Führen wie Ted Lasso: „Herrscher sind fehl am Platz“

Führen wie Ted Lasso

Der amerikanische Fußballtrainer Ted Lasso verkörpert mit seiner gnadenlos sympathischen Figur in der gleichnamigen Serie einen Typ Chef, der auf Zuversicht, Zusammenhalt und Motivation setzt. Damit wurde Lasso (Jason Sudeikis) zu einem popkulturellen Phänomen – mit einem Führungsstil auf dem Platz, bei dem sich laut Fachleuten heute auch Politiker und Managerinnen teilweise Anleihen nehmen könnten. Am Mittwoch startet die vierte Staffel.

Online seit heute, 19.32 Uhr

„Willkommen zurück, Coach. Blöd, dass Du nur Mädchen trainierst.“ Als Lasso nach London zurückkehrt, um hier erstmals als Trainer einer Frauen-Fußballmannschaft zu arbeiten, wird er auf der Straße gleich von dem grantigen Fan des Fußballclubs AFC Richmond angepflaumt, der bisher in jeder Episode etwas zu nörgeln hatte. Lasso lächelt milde.

Er ist ein Amerikaner im englischen Fußball, der alle mit seiner ansteckenden Zuversicht motiviert, künftig eben Fußballspielerinnen.

Kennerinnen und Kenner der Serie des Streaminganbieters Apple TV+ werden schon zum Auftakt der neuen Staffel diese heimelige Vertrautheit des Lasso-Mikrokosmos fühlen, zwischen den putzigen Gassen des Londoner Stadtteils Richmond und der Welt des Fußballstadions, wo der Großteil der Handlung spielt. Lasso nimmt die anderen so, wie sie sind. Ihm ist nichts Menschliches fremd, ob Partnerschaftsprobleme, psychische Nöte oder Niederlagen.

Optimismus trifft Humanismus

Als College-Football-Trainer, der das Land und die Sportart wechselt und beim (fiktiven) mittelmäßigen Londoner Fußballclub AFC Richmond Fußballtrainer wird, ist Lasso seit Serienstart 2020 mit dieser Kombination erfolgreich: unbändiger Optimismus gepaart mit Humor und angewandtem Humanismus.

Eine Grundfrage, die „Ted Lasso“ behandelt, ist jene nach einem modernen Führungsverständnis in einer Welt, in der die alten Regeln nicht mehr ausreichen. „Positives Leadership“ nennt sich so ein Führungskonzept, das nicht primär auf Hierarchien, sondern auf agile Führung setzt. Also schnell, flexibel und unter Einbindung des Teams agiert.

Ein Führungsstil, der heute nicht nur im Sport, sondern auch in der Politik und in Unternehmen Anwendung findet. „Im modernen Fußball ist ein Trainer, der sich als Herrscher versteht, völlig fehl am Platz. Denn es geht ja darum, was die Mannschaft schafft. Detto fehlplatziert ist ein Politiker, der nicht versteht, dass es um den gemeinsamen Aufschwung des Landes und der Bevölkerung geht“, sagt der Politikwissenschaftler und Sportkenner Peter Filzmaier im Gespräch mit ORF.at.

Koalitionen brauchen Teamgeist

Gerade in bewegten, unsicheren Zeiten sei herkömmliches Führungsverhalten nicht mehr effektiv, selbst ein Kanzler müsse etwa mit anderen arbeiten, transparent kommunizieren und Eigenverantwortung fördern: „Das gilt insbesondere in Koalitionsregierungen, wo ein Möchtegern-Diktator sowieso scheitert, wenn er glaubt, Partnerinnen und Partnern ständig etwas anschaffen zu können. Also sollte er sich besser an Lasso orientieren.“ Was zudem demokratiepolitisch wünschenswert wäre.

Allerdings: Parteien mit ihren Strukturen seien oft das Gegenteil von agiler Führung, die ja hohe Flexibilität und schnelles Reagieren auf Veränderungen bezwecke, meint Filzmaier.

 Jason Sudeikis und Tanya Reynolds
Ted Lasso mit seiner neuen Trainerin Alice Chilton im Motivationseinsatz

Start-ups und Tech-Unternehmen arbeiten hingegen längst im Lasso-Stil. Für die Kommunikationsberaterin Heidi Glück, die heute CEOs berät und einst die Öffentlichkeitsarbeit von ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel geleitet hat, ist „Positives Leadership“ ein breites Phänomen, wie sie gegenüber ORF.at erklärt.

„Das Konzept lässt sich grundsätzlich überall einsetzen – in der Politik, in Unternehmen, in NGOs – weil das Fördern von Stärken und Eigenverantwortung Resilienz und Leistung steigert. Besonders bei interdisziplinären Teams bewährt sich dieser Führungsstil“, sagt Glück.

Nur nicht zu viel Harmoniebedürfnis

In der realen Welt von Wirtschaft und Politik sei allerdings nicht alles umsetzbar, weil man als Führungskraft eben auch unpopuläre Entscheidungen treffen müsse: „Zu viel Harmoniebedürfnis und allzu große Empathie führen nicht unbedingt dazu, dass ein hoher Erwartungsdruck erfüllt wird und Bestleistungen angestrebt werden“, meint Glück.

Die erste Staffel der gut gelaunten Serie beginnt mit Rachegelüsten. Die reiche Engländerin Rebecca Welton (Hannah Waddingham) übernimmt nach der Scheidung von ihrem untreuen Ehemann Rupert Mannion (Antony Head) die Leitung seines Fußballclubs AFC Richmond und will diesen ruinieren. Deshalb engagiert sie den ahnungslosen Football-Trainer aus Amerika, der noch nie mit Fußball zu tun hatte und mit seinem Kotrainer Coach Beard (Brendan Hunt) den Laden übernimmt. Doch Lasso wendet die Geschichte in eine völlig andere Richtung.

Freundschaften wie jene zwischen Clubbesitzerin Welton und ihrer Marketingchefin Keely Jones (Juno Temple) sind ein wichtiger Teil der Handlung. Lasso hat kein Problem mit starken weiblichen Charakteren, die ihm sagen, was zu tun ist, bis hin zur Psychologin des Clubs.

Juno Temple, Hannah Waddingham und Jeremy Swift
Clubchefin Rebecca Welton und Marketingleiterin Keely Jones verbinden Freundschaft und Fußballclub

In der neuen Staffel bekommt er mit Alice Chilton (Tanya Reynolds) eine junge Assistenztrainerin an die Seite gestellt und durchlebt eine Variante der Underdog-Erzählung: Niemand scheint das Frauenteam ernst zu nehmen, die Spielerinnen, die Trainer und die Trainerin kämpfen gemeinsam um Anerkennung.

Die Serie errang bisher 13 Emmy Awards, zwei Golden Globe Awards und wurde erst 2025 von Ben Stillers „Severance“ als erfolgreichstes Format von Apple TV+ abgelöst. Dass Lassos positiver Blick auf die Welt gerade in den Pandemiejahren zum Phänomen wurde, war und ist nicht nur dem Eskapismus und dem Ausblenden der schwierigen Realität geschuldet.

Denn es geht hier um klassische Tugenden wie Herzensbildung und Anstand und um das Ziel, ein gutes Leben gemeinsam mit anderen zu führen.

Brendan Hunt, Jason Sudeikis und Brett Goldstein
„Believe“ – Lassos Botschaft verbindet das Fußballteam trotz Turbulenzen immer

„Believe“, Lassos selbst gemachtes Schild mit seiner Kernbotschaft, wird gleich zum Serienauftakt in der Spielerkabine aufgehängt und damit ist die Richtung klar: An sich selbst zu glauben, selbst wenn es manchmal schwierig sein mag.

Dieses Credo sei heute als Teil eines modernen Führungsstils zentral, meint Kommunikationsberaterin Glück: „Es bedeutet vor allem, an das Potenzial der Menschen zu glauben und ihnen etwas zuzutrauen. Entscheidend ist dabei die Balance: ehrliches Interesse an Menschen, deren Fähigkeiten erkennen, sie fördern, aber auch klare Erwartungen formulieren.“

Zuversicht als Schlüsselkriterium

Für den Politikwissenschaftler Filzmaier ist der Begriff der Zuversicht, die Lasso predigt, das Schlüsselkriterium politischer Erfolge: „Die entscheidende Frage lautet nicht, wie Menschen bei der Nationalratswahl 2029 wählen werden, sondern ob sie glauben, dass es ihnen und dem Land sozial und wirtschaftlich besser geht als jetzt.“

Nur dann könnten Regierungen erfolgreich sein. Genauso wie eine Fußballmannschaft, die an ihre Siege glauben müsse.