Hitzerekorde im Meer zerstören Korallen: Warum Wissenschaftler jetzt Schirme ins Meer hängen
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Stand: 05.10.2026, 19:19 Uhr
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Unterwasser-Sonnenschirme könnten Korallen vor extremer Hitze schützen, doch Forschende warnen: Die Methode allein rettet die Riffe nicht.
Florida – Funktioniert ein Regenschirm auch unter Wasser? Die Antwort scheint ja zu sein – nur aus einem anderen Grund, als viele erwarten. Rund um den Globus setzen marine Hitzewellen Korallen extremem Wärmestress aus, der ihre empfindlichen Lebensbedingungen massiv belastet und die Ökosysteme unter Wasser aus dem Gleichgewicht bringt.
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Dieser Artikel von Craig Saueurs entstand in Kooperation mit Euronews
Wird das Meer zu warm, stoßen die gestressten Korallen die winzigen Algen aus ihrem Gewebe ab. Sie werden weiß und verlieren ihre wichtigste Nahrungsquelle. Dieses Phänomen heißt Korallenbleiche und tritt inzwischen alarmierend häufig auf, mit dramatischen Folgen für Artenvielfalt, Fischbestände und Küstenschutz.

Ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Florida ist überzeugt, dass Unterwasser-Schirme die Schäden mindern können. Die Idee klingt zunächst simpel, könnte sich aber als ein wichtiges Notfallinstrument in einer sich rasch erwärmenden Welt erweisen.
Gezielte Beschattung als Schutzschild gegen Hitzestress
„Hitzebedingte Korallenbleiche ist wahrscheinlich die größte Bedrohung für Riffe weltweit“, sagt Karen Neely von der Nova Southeastern University, Hauptautorin eines Forschungsartikels, der diese Woche in Frontiers in Marine Science erschienen ist. „Lösungen wie Beschattung können auf kleiner Fläche vorübergehenden Schutz bieten und so einzelne Kolonien durch extreme Hitzewellen bringen.“
Die Studie entstand, nachdem 2023 eine rekordbrechende marine Hitzewelle die Florida Keys getroffen hatte. Das Wasser blieb über Wochen hinweg deutlich zu warm, wodurch vielerorts Riffe geschwächt wurden und großflächige Schäden sichtbar wurden.
Verheerende Verluste bei verzweigten Korallenarten
An den meisten Messstellen bleichten alle Korallenarten aus. Verzweigte Korallenarten mit baum- oder geweihartigen Formen wie die Hirschhorn- und Elchhornkoralle wurden fast vollständig ausgelöscht, weil sie besonders empfindlich auf rasch steigende Temperaturen reagieren. An einem küstennahen Standort verloren mehr als die Hälfte der überwachten Kolonien einen Teil oder ihr gesamtes lebendes Gewebe.
„Diese Studie geht direkt auf dieses Ereignis zurück. Wir wollten zeigen, dass es Werkzeuge gibt, mit denen sich ausgewählte Korallen bei ähnlichen Hitzewellen retten lassen“, sagt Neely. Der Ansatz solle nicht ganze Riffe stabilisieren, sondern vor allem besonders verletzliche Bestände über kritische Phasen hinweg retten.
Versuch mit Hirnkorallen und schwebenden Parasolen
Im folgenden Sommer wählten die Forschenden 40 Kolonien von zwei Hirnkorallen-Arten in den südlichen Florida Keys aus. Diese massiven, relativ widerstandsfähigen Korallenarten eignen sich gut, um neue Schutzmethoden unter realen Hitzebedingungen zu testen und deren Grenzen auszuloten.
Die Hälfte blieb ungeschützt, die andere Hälfte erhielt schwebende Schirme aus PVC-Rahmen und Nylongewebe – Unterwasser-Parasole, die rund 30 Zentimeter über den Korallen hingen. Die Konstruktionen mussten robust genug sein, um Strömungen standzuhalten, ohne die empfindlichen Korallen mechanisch zu schädigen.
Weniger Licht, aber keine aktive Kühlung des Wassers
Die Schirme sollten das Wasser nicht abkühlen. Sie reduzierten vielmehr das grelle Sonnenlicht und die ultraviolette Strahlung, die die Bleiche zusätzlich verschärft, indem sie den ohnehin gestressten Korallen zusätzlichen Energieeintrag zumutet. So sollte die Belastung verringert werden, ohne das natürliche Umfeld vollständig zu verändern.
Taucherinnen und Taucher begannen im Juli 2024 mit der Überwachung der Korallen. Im August, als die Sommerhitze ihren Höhepunkt erreichte, brachten sie die Schirme an und dokumentierten in kurzen Abständen die Reaktionen der Kolonien. Bis November, als sich das Wasser wieder abkühlte, verfolgten sie die Veränderungen bei der Farbe und den Algen im Gewebe der Korallen.
Beschattete Kolonien erholen sich teilweise
Obwohl 2024 laut Messdaten den zweithöchsten Hitzestress an diesem Standort seit 1985 brachte, gewannen einige der beschatteten Korallen nach der Installation der Schirme wieder Farbe zurück. Die ungeschützten Kolonien wurden im heißesten Abschnitt des Experiments dagegen immer blasser und verloren deutlich mehr ihrer symbiotischen Algen.
Die Unterwasser-Schirme bleiben dennoch eine Übergangslösung. Komplette Riffe zu überdachen, wäre kaum machbar, zumal Installation, Wartung und mögliche Nebenwirkungen in großem Maßstab kaum zu kontrollieren wären.
Notmaßnahme statt dauerhafte Lösung für ganze Riffe
Das Team sieht die Methode deshalb vor allem als Notmaßnahme, um besonders gefährdete Korallen bei Extremhitze zu schützen. Langfristiger Schutz hängt jedoch entscheidend davon ab, die Erwärmung der Meere zu begrenzen und die Treibhausgasemissionen weltweit deutlich zu senken, damit Hitzewellen seltener und weniger extrem ausfallen.
„Die Skalierung ist die große Einschränkung dieser Studie“, erläutert Neely. „Beschattung ist kein Allheilmittel.“ Die Forschenden betonen, dass technische Eingriffe nur dann sinnvoll seien, wenn sie mit konsequentem Klimaschutz und einem besseren lokalen Management von Riffen kombiniert würden.
Marine Hitzewellen als globale Gefahr für Korallen
Weltweit brechen die Meerestemperaturen immer neue Rekorde. Am 22. August erreichte die durchschnittliche globale Meeresoberflächentemperatur außerhalb der Polarregionen 21,1 °C, die höchste jemals gemessene Tagestemperatur. Solche Spitzenwerte gelten als deutlicher Hinweis darauf, dass sich die Ozeane durch menschengemachten Klimawandel weiter aufheizen.
Extremhitze trifft Korallenriffe inzwischen deutlich häufiger. Im August berichtete das Global Coral Reef Monitoring Network, dass Bleiche-Ereignisse heute etwa alle fünf bis sechs Jahre auftreten. Früher lag der Abstand bei ungefähr einem Jahrzehnt, sodass sich die Ökosysteme zwischen den Hitzewellen deutlich besser erholen konnten.
Immer weniger Erholungszeit zwischen Bleiche-Ereignissen
Korallen können sich erholen, sobald das Meer wieder abkühlt und die Algen zurückkehren. Häufige marine Hitzewellen lassen den Riffen jedoch kaum noch Zeit, um Schäden auszuwachsen, größere Strukturen neu aufzubauen und die verloren gegangene Artenvielfalt zu regenerieren.

Das jüngste globale Bleiche-Ereignis begann 2023. Zwischen 2023 und 2024 ging die Bedeckung mit Hartkorallen weltweit um 8,9 Prozent zurück – der stärkste Rückgang innerhalb eines Jahres, der je erfasst wurde, und ein Warnsignal für die Widerstandskraft der Riffe in einer wärmer werdenden Welt.
Great Barrier Reef und andere Hotspots stark betroffen
Bis März 2025 hatten 84 Prozent der weltweiten Korallenriffe Temperaturen erlebt, die stark genug waren, um Bleiche auszulösen. Teile des Great Barrier Reef in Australien verzeichneten zudem ihre größten jährlichen Verluste lebender Korallen seit fast 40 Jahren Überwachung, was die Dramatik der aktuellen Entwicklung eindrücklich vor Augen führt.
Korallenriffe bedecken zwar weniger als 0,2 Prozent des Meeresbodens, sind aber für das Leben unter Wasser und an Land von enormer Bedeutung. Sie bieten Nahrung und Lebensraum für mindestens ein Viertel aller Meeresarten, darunter viele Speisefische, und dienen Küsten als natürlicher Schutzwall gegen Sturmfluten und Erosion.
Unterwasser-Schirme als ergänzender Baustein des Schutzes
Unterwasser-Schirme können marine Hitzewellen nicht verhindern, doch die Florida-Studie legt nahe, dass sie diesen empfindlichen Ökosystemen bei steigenden Temperaturen zumindest einen gewissen zusätzlichen Schutz geben. Sie könnten künftig gezielt dort eingesetzt werden, wo besonders wertvolle oder bedrohte Bestände eine kritische Hitzewelle überstehen müssen.