„Ich bin Seelsorger und Prellbock“: Wie ein Patientenfürsprecher (73) helfen und vermitteln kann
StartseiteLokalesEbersbergKirchseeonStand: 21.09.2026, 07:11 UhrKommentareUns auf Google folgenMediator zwischen den Fronten: Heinz Wamser (73) engagiert sich seit Jahren als Patientenfürsprecher im kbo-Kliniku...
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Stand: 21.09.2026, 07:11 Uhr
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Patienten sind das schwächste Glied im Gesundheitssystem. Als ehrenamtlicher Patientenfürsprecher gibt ihnen Heinz Wamser aus Kirchseeon eine Stimme, kümmert sich um ihre Nöte und Sorgen. Dafür muss der 73-Jährige empathisch, aber oft auch hartnäckig sein.
Kirchseeon/Haar – Einmal, da saß Heinz Wamser gerade in seiner Motorradkluft auf einer Alm hoch oben in den Tiroler Bergen, als sein Telefon bimmelte und die verzweifelte Stimme einer jungen Frau vom anderen Ende der Leitung erklang. „Sie hat sich eine halbe Stunde den ganzen Ballast von der Seele geredet und ich habe zugehört“, erinnert sich der Kirchseeoner an das Gespräch zwischen Lebenskrise und Alpenpanorama. „Danach war alles wieder gut – und ich bin weitergefahren.“
Zuhören. In den meisten Fällen ist es oft genau das, was die völlig niedergeschlagenen Anrufer von dem 73-Jährigen mit der warmen, offenherzigen Ausstrahlung brauchen: die Möglichkeit, sich mitzuteilen. Jemanden zu haben, der einen versteht – die eigenen Sorgen und Ängste wirklich ernst nimmt. Eine Aufgabe, der sich Wamser schon vor mehr als einem halben Jahrzehnt verpflichtet hat, als er sein Ehrenamt als Patientenfürsprecher im kbo-Isar-Amper-Klinikum in Haar antrat. „Es gibt mir viel, wenn ich Patienten helfen kann“, sagt er über seine Berufung als unabhängiger Mittler zwischen Patient und Klinik. Und: „Patientenfürsprache ist Menschlichkeit.“
Patientenfürsprecher als Mittler bei Sorgen und Problemen mit dem Klinikapperat
Vor allem in den Haarer Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie: „Psychisch erkrankte Menschen erleben einen Horror. Sie benötigen unseren Schutz“, sagt er und meint damit nicht nur eine angemessene, gesundheitsfördernde Behandlung, sondern auch Hilfe bei Konflikten mit dem mächtigen Klinikapparat. Formale Macht hat Wamser als Patientenfürsprecher dabei nicht. Es ist vielmehr Überzeugungsarbeit.
Im Krankenhaus wird auch viel vertuscht.
Etwa, wenn ein Arztbrief seit Wochen nicht ausgestellt wird, obwohl er für die Weiterbehandlung dringend nötig ist. Oder, wenn sich Patienten vom Fachpersonal schlecht behandelt oder gar übersehen fühlen. In solchen Situationen schlüpft der Kirchseeoner dann in die Mediator-Rolle und versucht, zwischen den betroffenen Parteien zu vermitteln. „Es ist eine sehr vertrauensvolle Aufgabe“, bekennt er mit Blick auf die teils extremen Leidensgeschichten der Menschen, die er dadurch erfährt.
Das Ziel des Ehrenamtlichen: das Patientenwohl hochhalten
Mit seiner ehrenamtlichen Arbeit verfolgt der 73-Jährige, der selbst fast vier Dekaden als leitender Pfleger im kbo-Klinikum arbeitete, ein klares Ziel: die Qualität der Klinik und damit auch das Patientenwohl hochhalten. Nicht immer eine einfache Aufgabe. Stichwort: Personalmangel. „Die Klinik in Haar ist bis unter die Decke vollbelegt. Da knabbern alle am Hungertuch. Das merken auch die Patienten“, erklärt Wamser, der die von Bund und Land avisierten Einsparungen im Klinikwesen kritisch sieht. Er sagt aber auch: „Im Krankenhaus wird auch viel vertuscht.“
Keine Pflicht für Patientenfürsprecher
Patientenfürsprecher sind unabhängige, ehrenamtliche und verschwiegene Ansprechpersonen, die bei Problemen oder Beschwerden zwischen Patienten und Krankenhäusern vermitteln. Anders als in einigen anderen Bundesländern, etwa Berlin oder Rheinland-Pfalz, existiert in Bayern keine gesetzliche Verpflichtung für Kliniken, eine solche unabhängige Anlaufstelle einzurichten. Heißt: Nur in knapp der Hälfte aller Krankenhäuser im Freistaat engagiert sich ein Patientenfürsprecher. „Ein Manko“, wie Heinz Wamser beklagt. Seit Jahren setzt er sich dafür ein, dass das Ehrenamt im Landesgesetz aufgenommen wird – der Patienten und des Gesundheitswesens wegen. Bisher ohne Erfolg.
Für seine Patienten ist der Fürsprecher deshalb das ganze Jahr über im Einsatz. Allein bis zum Herbst hat er so schon an die 440 Gespräche geführt. „Ich bin Seelsorger und Prellbock“, sagt er über sein Ehrenamt, das mit viel Empathie und Fachwissen einhergeht. Schließlich haben die Patienten wegen ihrer Erkrankungen nicht selten auch eine verzerrte Wahrnehmung. „Ich setze mich regelmäßig ans Bett und erkläre, dass die Medikamente, die sie da nehmen, nicht schlecht sind – und, dass ihr Arzt sie nicht umbringen will.“ Dabei, und das ist dem 73-Jährigen wichtig, begegnet er den Menschen mit Würde und Anstand. „Dahinter stecken seelische Verletzungen. Ich möchte niemanden stigmatisieren, das macht leider schon unsere Gesellschaft.“
Von der Klinik erhalte er viel Rückhalt. „Die Zusammenarbeit ist enorm wichtig. Ich nehme Druck aus dem System“, sagt er. Es ist eben diese Mischung aus Zeit, Erfahrung und Menschlichkeit, die Wamser für das kbo und seine Patienten so wertvoll macht. Er hört zu, fragt nach, vermittelt. Manchmal reicht dafür ein Gespräch am Krankenbett. Manchmal ein Anruf – selbst dann, wenn der Fürsprecher gerade auf einer Alm mitten im Tiroler Hochland hockt.