(+) Diese Hamburger Disco ist für viele ein zweites Zuhause

Hamburg „Ich möchte nicht zuhause auf den Tod warten, ich möchte tanzen!“ Das 30-jährige Jubiläum des Tanzpalast Kiss. Hier schwingt jeder, unabhängig vom Alter, die Hüfte. ...

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(+) Diese Hamburger Disco ist für viele ein zweites Zuhause

Hamburg

„Ich möchte nicht zuhause auf den Tod warten, ich möchte tanzen!“

Das 30-jährige Jubiläum des Tanzpalast Kiss. Hier schwingt jeder, unabhängig vom Alter, die Hüfte.
Marius Roeer

Künstliche Kniegelenke oder eine eingerostete Hüfte? Egal! Beim Tanzpalast Kiss findet ein älteres Publikum Bewegung, Party und Familie.

Freitagabend, 21:30 Uhr, ungefähr fünf Kilometer Luftlinie vom Kiez entfernt, steigt eine Party. Musik dröhnt aus den Boxen, der Alkohol fließt, Gäste verlieren ihre Hemmungen, singen und tanzen. Es ist das 30-jährige Jubiläum des Tanzpalastes Kiss, einem der letzten großen Tanzschuppen für ein Publikum jenseits der 60 – und es ist weit mehr als eine Party. Es ist Treffpunkt für eine Menschengruppe, die mit Einsamkeit zu kämpfen hat. Hier haben sie ein zweites Zuhause gefunden.

Der Tanzpalast Kiss: ein Eckhaus am Barmbeker Markt. Vorhänge sind vor die Fenster gezogen, die Straße zugeparkt mit Autos, Leuchtreklamen hängen am Gebäude. An einer Ecke blinkt ein Neonschild mit dem Wort „Eingang“ auf. Davor steht eine Gruppe älterer Menschen, raucht und unterhält sich fröhlich.

30-jähriges Jubiläum im Tanzpalast Kiss – ein Ort gegen die Einsamkeit

An der Bar sitzen Paare, Freunde und einzelne Personen. Ein Mann schwingt die Hände leicht zum Takt, sein Blick geht auf die Tanzfläche. Dort herrscht ausgelassene Stimmung. Während einige ganz auf den Tanz mit ihrem Partner konzentriert sind, bewegen sich andere in Gruppen, recken euphorisch die Hände in die Luft, drehen sich im Kreis.

Eine der Tänzerinnen ist Nadja (73). Sie hat lockiges Haar und ein strahlendes Lächeln. Ursprünglich kommt sie aus Brasilien, seit 2011 lebt sie in Hamburg. „Hier ist meine zweite Heimat“, sagt sie und deutet in den Raum. „Das ist Therapie.“

Der Tanzpalast Kiss in Barmbek-Süd.
Der Tanzpalast Kiss in Barmbek-Süd.
Marius Roeer

Viele der Anwesenden beschreiben den Tanzpalast und seine Gäste als familiäres Zuhause. Der Tanzpalast Kiss vereint eine Menschengruppe, die häufig mit Einsamkeit zu kämpfen hat. Freunde und Partner versterben, die Familie ist aufs eigene Leben fokussiert. Medizinische Einschränkungen erschweren die Bewegung und damit möglicherweise auch soziale Kontakte. Rund zwei Millionen alte Menschen leben in Deutschland ohne Partner und ohne persönliche Kontakte, so die katholische Hilfsorganisation Malteser. 36,9 Prozent der 75- bis 85‑Jährigen wohnte 2024 allein. Bei den über 85-Jährigen waren es 56 Prozent. Das geht aus Daten des Statistischen Bundesamtes hervor. Jeder vierte alte Mensch bekommt nur einmal im Monat Besuch von Freunden oder Bekannten. In keiner anderen Altersgruppe ist die Zahl der Suizide so hoch wie bei den über 80-Jährigen. Besonders ältere Männer sind von Einsamkeit betroffen.

Eine Frau mit kurzen grauen Haaren und in einem festlichen Kleid kommt auf die MOPO-Reporter zu, fordert uns zum Tanz auf. Ein Mann in feinem Anzug spricht uns an, fragt, wie bei einem Quiz: „Was ist tanzen?“. Seine eigene Antwort: „Tanzen hält jung“ und „Tanzen ist Leben und Liebe“.

Betreiber haben sich beim Tanzen kennengelernt

Dass Tanzen und Liebe Hand in Hand gehen können, dafür ist der Tanzpalast Kiss der beste Beweis. Die beiden Eigentümer Monika „Moni“ (75) und Ali Mehri (69) haben sich beim Tanzen kennengelernt. „Eigentlich war an dem Abend Damenwahl“, erzählt Ali Mehri. Dennoch habe er sie aufgefordert. Seit 1996 betreiben sie den Tanzpalast. Zunächst in der Conventstraße, jetzt hier in Barmbek-Süd.

Die MOPO hat die beiden bereits zwei Wochen vor der großen Jubiläumsparty getroffen. An einem Mittwochnachmittag zum Tanztee, der zweimal pro Woche stattfindet. Eine kleine Traube steht im Nieselregen vor dem Gebäude, in Kleidern und Anzügen. Dann öffnet Moni und es geht hinein. „Bald komme ich die Treppen nicht mehr herauf“, sagt ein älterer Mann mit weißen Haaren. Seine Frau geht hinter ihm, passt auf, dass er nicht fällt.

Alle zahlen zehn Euro Eintritt, werden persönlich begrüßt. Eine selbstverständliche Vertrautheit erfüllt den Raum. Jeder hat schon seinen Stammplatz, bewegt sich wie im eigenen Zuhause. „Wir haben Gäste aus ganz Deutschland bei uns, auch aus Österreich“, erzählt Moni. Kurz darauf gibt es Kuchen.

Im Tanzpalast Kiss kommen Senioren noch zusammen und feiern

Zwei Wochen später, zum 30‑jährigen Jubiläum, ist die Tanzfläche voll. An einem Tisch sitzen Uli (62), seine Partnerin Petra (57) und Eckhard (75). Uli und Petra haben sich ebenfalls beim Tanzen kennengelernt. „So hat man direkt ein viel besseres Gefühl füreinander“, erklärt Uli begeistert. „Wir sind hier wie eine Familie“, sagt er. 

Zwei Tische weiter sitzt Elke (79) mit ihrem Mann Otto (88). „Jede Frau in meinem Alter braucht einen Otto, aber die müssen sich selbst einen suchen. Meinen gebe ich nicht her“, erklärt sie leicht beschwipst. „In meinem Alter macht man sich kaum noch schick. Aber wenn wir hierherkommen, immer“, sagt sie. 

Dass unter den Diskolichtern Menschen, die eigentlich allein sind, zusammenfinden, berührt Moni Mehri. „Unsere Gäste spiegeln uns das wieder“, sagt sie. „Sie sind sehr dankbar, dass es uns gibt. Und hoffen, dass wir noch lange weitermachen.“ Weitermachen möchte Moni, solange sie Spaß dran hat. „Ich möchte noch nicht zu Hause sitzen, alt werden und auf den Tod warten. Das ist nicht meins. Ich möchte lieber in die Disco gehen und tanzen.“

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