IKK Südwest: Mehr Herzinfarkte bei Frauen im Saarland – warum das Risiko bei ihnen oft unterschätzt wird
Noch immer wird der Herzinfarkt vor allem als Männerkrankheit wahrgenommen. Krankenkasse und Kardiologin erklären, warum wir bei der Herzgesundheit genauer auf geschlechterspezifische Unterschiede schauen müssen.
- 4 min read
IKK Südwest Mehr Herzinfarkte bei Frauen im Saarland – warum das Risiko bei ihnen oft unterschätzt wird
Saarbrücken/Homburg · Noch immer wird der Herzinfarkt vor allem als Männerkrankheit wahrgenommen. Krankenkasse und Kardiologin erklären, warum wir bei der Herzgesundheit genauer auf geschlechterspezifische Unterschiede schauen müssen.
13.10.2026 , 18:41 Uhr
Der Unterschied zwischen Mann und Frau findet in der Medizin immer noch zu wenig Beachtung.
Foto: picture alliance / dpa/Stephan Jansen
Beim Herzinfarkt denken viele noch immer zuerst an einen Mann mit starken Brustschmerzen und einem Ziehen im linken Arm. Dabei sind auch Frauen betroffen. Aktuelle Versichertendaten der Krankenkasse IKK Südwest zeigen eine auffällige Entwicklung: Während die Zahl der erstmals stationär behandelten Herzinfarkte bei Männern zwischen 2018 und 2025 in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland insgesamt um rund 16 Prozent zurückging, lag die Zahl bei Frauen 2025 rund zehn Prozent über dem Niveau von 2018.
Besonders deutlich fällt demnach die Entwicklung im Saarland aus: Während die erfassten Fälle bei Männern zwischen 2018 und 2025 um rund 17 Prozent zurückgingen, stiegen sie bei Frauen im selben Zeitraum um rund 35 Prozent. Konkret registrierte die IKK Südwest bei ihren saarländischen Versicherten 2018 insgesamt 57 Herzinfarkt-Fälle bei Frauen, 2025 waren es 77. Bei Männern sank die Zahl dagegen von 208 auf 173. Auch der Anteil der Frauen an allen erfassten Herzinfarkt-Fällen im Saarland hat sich verändert: 2018 lag er bei 21,5 Prozent, 2025 bereits bei 30,8 Prozent.
Frauen zeigen bei Herzinfarkt auch andere Warnsignale
„Der Herzinfarkt ist noch immer häufiger ein Männerproblem. Unsere Zahlen zeigen aber, dass wir gerade deshalb die Entwicklung bei Frauen nicht aus dem Blick verlieren dürfen. Während wir bei Männern einen deutlichen Rückgang sehen, ist eine vergleichbare Entwicklung bei Frauen nicht erkennbar. Geschlechtersensible Herzgesundheit und Herz-Kreislauf-Prävention müssen Frauen deshalb sehr viel stärker mitdenken“, sagt IKK-Südwest-Vorstand Jörg Loth.
Neben der Entwicklung der Fallzahlen sei auch das Wissen über mögliche Warnsignale entscheidend, so die IKK. Brustschmerzen oder ein Druckgefühl im Brustkorb könnten auch bei Frauen auftreten. Daneben könnten sich bei ihnen Beschwerden wie Atemnot, Übelkeit, Schmerzen im Oberbauch oder Rücken sowie ein ungewöhnliches Angst- oder Schwächegefühl zeigen. Würden solche Beschwerden nicht mit einem Herzinfarkt in Verbindung gebracht, könne wertvolle Zeit verloren gehen.
„Unser Bild vom Herzinfarkt ist zu stark männlich geprägt. Genau das kann dazu führen, dass Herzinfarkte zu spät erkannt und Frauen dann nicht rechtzeitig versorgt werden. Frauen müssen wissen, dass ein Herzinfarkt auch sie treffen kann und dass Warnzeichen nicht immer dem klassischen Bild entsprechen. Dazu muss auch die medizinische Ausbildung von Grund auf gendersensibler werden“, fordert IKK-Chef Loth.
Dieser Bewertung der Krankenkasse stimmt Prof. Ingrid Kindermann, Leitende Oberärztin in der Kardiologie des Homburger Universitätsklinikums, uneingeschränkt zu. Die Herzspezialistin befasst sich intensiv mit Gendermedizin. Nach ihrer Erfahrung findet in der Medizin Frauengesundheit generell noch zu wenig Aufmerksamkeit. Das fange schon bei der Dosierung von Medikamenten an. „Nirgends steht: Bei Frauen muss man anders dosieren.“ Weil unter anderem Körperbau und Stoffwechsel anders sind. Mit Blick auf die Herzgesundheit spielten auch die Wechseljahre eine nicht zu unterschätzende Rolle: „Wir wissen, dass Frauen durch Östrogen geschützt sind.“ Sinkt der Östrogenspiegel in der Menopause, steige das kardiovaskuläre Risiko. Die Ursachen eines Herzinfarktes können also schon ganz andere sein als beim Mann. Nicht nur Wechseljahre, auch Schwangerschaftsprobleme gehörten dazu, auch Brustkrebstherapien könnten das Risiko steigern. Auch ein Problem: „Frauen gehen später zum Arzt.“ Warum? „Weil sie erst den Kindern das Essen kochen, den Hund versorgen müssen“, sagt die Herzspezialistin.
„Geschlechterspezifische Medizin muss im Studium integriert, muss im Curriculum verpflichtend aufgenommen werden“, lautet auch Kindermanns Forderung. Das gelte auch für die Ausbildung der Pflegekräfte. Das Ziel müsse sein, Frauen aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse gleichermaßen gut zu behandeln.
Die Ärztin räumt aber ein: „Es hat sich inzwischen einiges verbessert.“ Hätten früher wissenschaftliche Studien vor allem Männer in den Blick genommen, würden heutzutage Frauen mehr berücksichtigt. Es gebe inzwischen einen ersten Lehrstuhl für Gendermedizin an der Berliner Charité. Kindermann selbst hat an einem Positionspapier der deutschen Gesellschaft für Kardiologie über „Geschlechterspezifische Aspekte kardiovaskulärer Erkrankungen“ mitgearbeitet. Wichtig auch: Seit 2023 gibt es am Homburger Uniklinikum das Centrum für geschlechtsspezifische Biologie und Medizin (CGBM) das „grundlegende Mechanismen geschlechtsspezifischer Erkrankungen erforscht, um neues Wissen für deren Prävention, Diagnose und Therapie zu generieren“.
Das alles „ist immer noch nicht ausreichend“, sagt die Professorin. Wichtig sei es, „ein Bewusstsein für die Unterschiede zu schaffen“. Es brauche auch mehr Aufklärung – nicht nur in der Fachwelt, sondern ebenso in der Bevölkerung. Ingrid Kindermann engagiert sich auch hier. Am Dienstag, 24. November, 18.30 Uhr referiert sie etwa unter dem Motto „Frauenherzen schlagen anders“ über Herzerkrankungen bei Frauen im Quartierstreff Neunkirchen, Brückenstraße 7. (oli)