Im Kreuzfahrtsimulator den Sturm proben

Besuch im Trainingszentrum Im Kreuzfahrtsimulator den Sturm proben Wo lernen Kreuzfahrtschiffkapitäne, wie sie schwimmende Kleinstädte sicher in einen Hafen manövrieren? Nicht auf See, sondern in den ...

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Im Kreuzfahrtsimulator den Sturm proben

Besuch im Trainingszentrum

Im Kreuzfahrtsimulator den Sturm proben

Wo lernen Kreuzfahrtschiffkapitäne, wie sie schwimmende Kleinstädte sicher in einen Hafen manövrieren? Nicht auf See, sondern in den Niederlanden

Markus Böhm

Damit die Crew auf hoher See nichts mehr überraschen kann, gibt es das Center for Simulator Maritime Training. Dort werden heikle Situationen trainiert, etwa, wie man einen schwimmenden Koloss
Damit die Crew auf hoher See nichts mehr überraschen kann, gibt es das Center for Simulator Maritime Training. Dort werden heikle Situationen trainiert, etwa, wie man einen schwimmenden Koloss "einparkt".

Das Wetter kippt. Die Sonne verschwindet hinter dunklen Wolken. Der Wellengang nimmt zu. Die See vor Hongkong wird unruhig. Schwankt der Boden des Kreuzfahrtschiffs wirklich so heftig? Der Verstand sagt nein, das Bauchgefühl behauptet vehement das Gegenteil.

Man hat uns gewarnt: Es komme durchaus vor, dass man hier seekrank werden kann, obwohl man sich auf festem Boden befindet. Danke, der Beweis ist gelungen!

Dabei befinden wir uns tatsächlich an Land, in Sicherheit. Was wir erlebt haben, war nur eine laserprojizierte Simulation, geschaffen, um angehende Kreuzfahrtschiffkapitäne und deren Crew auf solch unangenehme Situationen vorzubereiten. Denn dafür ist das Center for Simulator Maritime Training der Carnival Corporation, kurz CSMART, in dem wir zu Gast sind, da.

Schon die Lage ist bemerkenswert. Das Trainingszentrum steht in Almere in der Provinz Flevoland, auf Grund und Boden, den es vor rund 40 Jahren noch gar nicht gab. Die Niederländer haben es dem Ijsselmeer abgerungen. Wo einst Wasser war, trainieren heute die Offiziere der größten Kreuzfahrtflotte der Welt.

Moderner Glas-Stahlbau mit Grünpflanzen und blauem Himmel
Das Trainingsgebäude wirkt eher wie ein Technologiecampus im Silicon Valley als eine Akademie für Seeleute.

Der erste Eindruck ist überraschend un-maritim. Kein Salzgeruch, keine Möwen, keine Schiffe. Stattdessen ein lichtdurchfluteter Komplex aus Stahlbeton, Glas und Holz. Das Trainingsgebäude und das angeschlossene Hotel wirken eher wie ein Technologiecampus im Silicon Valley als eine Akademie für Seeleute.

Das mehrstöckige Gebäude öffnet sich nach innen mit einer großzügigen, von Tageslicht gefluteten Halle. Helles Holz dominiert das Bild, Treppen ziehen sich über mehrere Ebenen, Arbeitsplätze und Schulungsräume gruppieren sich um ein offenes Atrium. Alles strahlt Ruhe, Konzentration und Modernität aus.

Hier werden jährlich fast 5.700 Offiziere und Ingenieure der Carnival-Gruppe, dem mit rund 42 Prozent Marktanteil größten Kreuzfahrtkonzern der Welt, geschult. Auf einer Fläche von rund 11.000 Quadratmetern stehen "Full-Mission"-Brückensimulatoren: Es sind insgesamt vier vollständig ausgestattete Schiffsbrücken, maßstabsgetreu nachgebaut und mit jener Technik versehen, die auch auf modernen Kreuzfahrtschiffen zum Einsatz kommt. Ebenso viele Maschinenraumsimulatoren gibt es, denn auch Ingenieure werden hier trainiert.

Die Brücke im Simulator ist bis auf Details dem realen Vorbild nachempfunden. Laserprojektionen ahmen naturnah Szenarien nach.
Die Brücke im Simulator ist bis auf Details dem realen Vorbild nachempfunden. Laserprojektionen ahmen naturnah Szenarien nach. (Symbolfoto)

So lange, bis es sitzt

Mehr als 60 Häfen auf der ganzen Welt können dank der gigantischen Rechenleistung der zahlreichen Server detailgetreu nachgebildet werden, von Miami über Singapur bis Rotterdam. Die Teilnehmer kommen aus allen Marken des Konzerns, darunter Costa Crociere, AIDA Cruises, Cunard, Holland America Line, Princess Cruises oder Seabourn.

"Wir wollen unsere Offiziere während ihrer gesamten Karriere bestmöglich auf ihre Aufgaben vorbereiten", sagt Mark Jackson, Managing Director von CSMART. "Vom Kadetten bis zum Kapitän oder Leitenden Ingenieur haben wir für jede Karrierestufe gezielte Trainingsprogramme." Der US-Amerikaner hat zwei Master-Abschlüsse des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den Bereichen Schiffstechnik, Schiffbau und Maschinenbau und leitet seit März 2024 das Trainingszentrum. Seine Mission: Sicherheit standardisieren. "Der Simulator ist der Ort, an dem man Fehler machen darf", erklärt er. "Wenn jemand etwas beim ersten Mal nicht richtig macht, dann üben wir es noch einmal. Und noch einmal. So oft, bis die Abläufe sitzen." Denn: "Auf See sollte man eine kritische Situation nicht zum ersten Mal erleben."

Wer den Simulator betritt, vergisst schnell, dass er sich in einem Gebäude in den Niederlanden befindet. An diesem Vormittag breitet sich vor uns also die Hafeneinfahrt von Hongkong aus, die Skyline der Stadt zeichnet sich am Horizont ab. Rechts die Küste. Links begegnet uns plötzlich die komplette Costa Crociere-Flotte. Man will zeigen, was man kann: Ein Hubschrauber kreuzt an Backbord. In der Ferne sind Wale zu erkennen. Auf den Schiffswegen herrscht dichter Verkehr.

Alles, was die Datenbank hergibt, wird für die Besuchergruppe aufgefahren. Die gesamte Umgebung wird auf eine geschlossene Rundumfläche projiziert. Der Eindruck ist verblüffend. Die Szenerie wirkt wie eine Mischung aus Computerspiel oder eine immersive Kinoproduktion, in der man selbst die Hauptrolle übernommen hat. Dann kippt das Wetter.

Der Blick in das Atrium des Trainingscenters. Dort befinden sich im
Der Blick in das Atrium des Trainingscenters. Dort befinden sich im „Keller“ die Simulatoren.

"Hier dürfen Kapitäne den Sturm proben, bevor sie ihn erleben", heißt es. Nach wenigen Minuten versteht man, warum. Wir dürfen selbst ans Steuerrad. Oder genauer gesagt: an den Joystick. Es grenzt fast an ein Wunder, dass sich mehrere hundert Meter lange, tonnenschwere Stahlkolosse, nicht selten schwimmende Kleinstädte, mit einem "Steuerknüppel" bedienen lassen, der kaum länger ist als ein Zeigefinger.

Kommandos werden gegeben. Wiederholt. Bestätigt. Ausgeführt. Der Gigant bewegt sich langsam nach Steuerbord. Schub wird gegeben. Die Geschwindigkeit nimmt zu. Obwohl alles nur simuliert ist, scheint die Beschleunigung körperlich spürbar zu sein. Das Gehirn akzeptiert die Illusion erstaunlich bereitwillig. Das komplette Einlaufmanöver fahren wir allerdings nicht. Das würde mehrere Stunden dauern. "Hongkong ist ohnehin eher einfach", erklärt einer der Instruktoren trocken.

Der Satz wirkt irgendwie absurd. Man muss unweigerlich schmunzeln. Denn einfach ist hier relativ. Schließlich ist das hier – simuliert oder nicht – die Kommandozentrale eines schwimmenden Hotels, das mehrere Tausend Menschen transportiert und dessen Kapitän beim Anlegen oft nur wenige Meter Sicherheitsreserve hat. Genau deswegen werden solche Szenarien trainiert. Auch weil die Anforderungen steigen. Die Zukunft der Schifffahrt heißt S-100, erfährt man. Hinter der kryptischen Bezeichnung verbirgt sich ein neuer internationaler Navigationsstandard, an dessen Entwicklung CSMART aktiv mitarbeitet.

"Früher hatten wir Papierseekarten", erklärt Jackson. "Dann kamen elektronische Seekarten und die Überlagerung mit Radar. Der nächste Schritt besteht darin, zusätzliche Informationen wie Strömungen, Wassertiefen oder Echtzeitdaten über Hafenbedingungen direkt in das Navigationssystem einzubinden." Er verweist auf die globalen Überwachungszentren der Carnival-Gruppe. Von Hamburg und Miami aus werden Wetterlagen, Schiffsbewegungen und Risiken rund um die Uhr beobachtet. Schiffe können frühzeitig umgeleitet werden, um Gefahrengebiete zu vermeiden.

Digitaler Assistent im Maschinenraum

Das System orientiert sich in Teilen an den Kontrollzentren großer Fluggesellschaften, die ebenfalls permanent die Bewegungen ihrer Flotten überwachen. Das Ziel: bessere Entscheidungen, mehr Sicherheit. Allerdings entsteht ein neues Problem: Es gibt zu viele Infos. Die Herausforderung der Zukunft besteht daher laut Jackson darin, aus der Datenflut die wirklich wichtigen Informationen herauszufiltern. Deshalb spielt auch künstliche Intelligenz eine immer größere Rolle. Im Maschinenraum moderner Kreuzfahrtschiffe laufen Tausende Datenpunkte zusammen. Kommt es zu einer Störung, können innerhalb von Sekunden mehrere hundert Alarmmeldungen ausgelöst werden.

"Der Mensch kann das nicht immer schnell genug verarbeiten", schildert Jackson. "Wir arbeiten deshalb an Systemen, die mithilfe von KI die wahrscheinliche Ursache eines Problems erkennen und den Ingenieuren konkrete Handlungsempfehlungen geben." Das Projekt trägt den Namen "EVA" ("Wie bei Wall-E", scherzt der Direktor) – eine Art digitaler Assistent für den Maschinenraum – und irgendwann vielleicht auch mehr.

Das Modell eines Kreuzfahrtschiffs im CSMART.
Das Modell eines Kreuzfahrtschiffs im CSMART.

Ob autonome Kreuzfahrtschiffe eines Tages Realität werden? Jackson glaubt grundsätzlich daran. "Auf offener See wäre vieles technisch bereits heute möglich", sagt der ehemalige Offizier der US-Küstenwache. "Für schwierige Wetterlagen, Hafenmanöver wird aber noch lange ein Mensch gebraucht." Dieser müsse schließlich auch die Verantwortung tragen.

Mehr als individuelles Können

Wobei, räumt der Manager mit einem Klischee auf: Den Kapitän, der einsam seine Entscheidungen trifft, den gebe es nicht mehr. Die moderne Schifffahrt sei Teamarbeit. Kommunikation, Zusammenarbeit und Entscheidungsfindung würden heute genauso intensiv trainiert wie Navigation oder Maschinenbetrieb. Ein zentrales Element der Ausbildung ist daher das sogenannte Bridge Resource Management (BRM). Dahinter steht die Erkenntnis, dass Unfälle häufig nicht auf mangelndes Fachwissen zurückzuführen sind, sondern auf Kommunikationsprobleme, Missverständnisse oder unzureichende Zusammenarbeit.

Deshalb trainieren die Teilnehmenden Situationen, in denen Teamarbeit wichtiger ist als individuelles Können. Besonders hervorgehoben wird das Prinzip der "Closed-Loop Communication": Anweisungen werden nicht einfach ausgesprochen, sondern von den Empfängern bestätigt und zurückgemeldet. Auf diese Weise sollen Missverständnisse reduziert und die Sicherheit erhöht werden.

Dieser Ansatz erinnert an die Luftfahrt, wo ähnliche Verfahren seit Jahrzehnten zum Standard gehören. Noch eine Parallele gibt es zum Luftverkehr, die virulente Nachhaltigkeitsfrage der Kreuzschifffahrt: Genau darin sieht auch Jackson die größte Herausforderung für die nächsten zehn Jahre. Die Branche müsse Wege finden, langfristig emissionsfrei zu werden. Ob alternative Treibstoffe, neue Energiesysteme oder andere technologische Lösungen: "Wenn wir dieses Ziel nicht erreichen, werden wir langfristig nicht erfolgreich sein können", sagt er sinngemäß: Entsprechend stark investiere die Branche in neue Technologien und effizientere Prozesse.

Die Diskussion über immer größere Kreuzfahrtschiffe betrachtet Jackson vergleichsweise nüchtern. Aus Sicht des Ingenieurs seien Kreuzfahrtschiffe längst nicht die größten Schiffe der Welt. Grenzen setze weniger die Schiffstechnik als vielmehr die Infrastruktur der Häfen: Wassertiefe, Liegeplätze und Hafenanlagen bestimmten letztlich, welche Schiffsdimensionen sinnvoll seien.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis nach einem Tag in Almere. Kreuzfahrtschiffe mögen immer größer werden. Die Technik immer komplexer. Die Daten immer umfangreicher. Am Ende sitzt dennoch ein Mensch auf der Brücke. Und genau dafür gibt es CSMART. Einen Ort, an dem man Fehler machen darf, damit sie draußen auf dem Meer möglichst nie passieren. (Markus Böhm, 18.9.2026)

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