Immer mehr rechtsextreme Taten in Österreich
Rechtsextremismus Die Zahl der Tathandlungen stieg im Vergleich zum Vorjahr um beinahe zehn Prozent. Gleichzeitig mobilisiert das neonazistische Milieu für den Kahlenberg-Marsch der Identitären ...
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Rechtsextremismus
Die Zahl der Tathandlungen stieg im Vergleich zum Vorjahr um beinahe zehn Prozent. Gleichzeitig mobilisiert das neonazistische Milieu für den Kahlenberg-Marsch der Identitären
11. September 2026, 07:32
Die Zahl rechtsextremer Tathandlungen in Österreich steigt seit Jahren – und im vergangenen Jahr merklich weiter an. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 862 solcher Tathandlungen registriert – um beinahe zehn Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Das geht aus einer Anfragebeantwortung von Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) an die SPÖ-Abgeordnete Sabine Schatz hervor. Der Anstieg setzt damit einen Trend fort, der sich seit mehreren Jahren beobachten lässt.
2023 wurden österreichweit 1.208 rechtsextreme Tathandlungen erfasst, 2024 waren es 1.486, im vergangenen Jahr bereits 1.986. Die Zahlen für das Gesamtjahr 2026 liegen noch nicht vor. Im ersten Halbjahr entfielen 761 der registrierten Tathandlungen ausdrücklich auf Rechtsextremismus, 55 auf rassistische, 26 auf antisemitische und zwölf auf islamophobe Motive.
Noch höher ist die Zahl der Anzeigen, die im Zusammenhang mit rechtsextremistischen, fremdenfeindlichen beziehungsweise rassistischen, islamfeindlichen oder antisemitischen Tathandlungen stehen. Insgesamt wurden davon in den ersten sechs Monaten 1.004 Anzeigen registriert. Besonders stark nahm die Zahl der Anzeigen nach dem Verbotsgesetz zu: von 785 im ersten Halbjahr 2025 auf 887 heuer. Die Täter: meist junge Männer; ein Fünftel überhaupt erst zwischen 14 und 18 Jahre als. Die Taten: meist Sachbeschädigung, Verstöße gegen das Verbotsgesetz, bis hin zur Körperverletzung, rund ein Viertel der Taten finden im digitalen Raum statt. Die Gründe für den Anstieg? Sie lassen sich aus den aktuellen Zahlen nicht ablesen.
Identitäre mobilisieren
Die steigenden Zahlen fallen in eine Phase, in der rechtsextreme Netzwerke und Gruppierungen weiterhin öffentlich mobilisieren. Wie am Donnerstag berichtete, wollen die Identitären am Samstag nach sechs Jahren Pause wieder zu einem "Gedenken 1683" auf den Kahlenberg aufmarschieren. Dabei wird die historische Zweite Wiener Türkenbelagerung in einem rassistischen Narrativ als Abwehrkampf gegen den Islam umgedeutet.
Bemerkenswert ist, dass die Identitären bei ihrer aktuellen Mobilisierung offenbar weniger auf Unterstützung aus dem klassischen rechtsextremen Umfeld der FPÖ setzen können als in der Vergangenheit. Stattdessen wird unter anderem im neonazistischen und gewaltbereiten Hooligan-Milieu mobilisiert. Die sogenannte Tanzbrigade Wien, die aus der Hooliganszene hervorgegangen ist und Rechtsextremismus mit Fußball, Kampfsport und Techno-Partys verbindet, ruft zur Teilnahme auf.
Die Identitären selbst stehen nach Recherchen des STANDARD unter Druck. Im Zentrum stehen unter anderem mutmaßliche Gewaltvorfälle, neonazistische Umtriebe und die Verbindungen zur FPÖ-Jugend. Die Regierungsparteien sprechen sich inzwischen für ein Betätigungsverbot beziehungsweise eine Verschärfung des Vereinsrechts aus.
Gefahr für die Demokratie
Die aktuelle Entwicklung zeigt auch, dass rechtsextreme Ideologie nicht auf Demonstrationen beschränkt bleibt. Das Motiv einer vermeintlichen Bedrohung Europas durch den Islam und die Vorstellung eines "Bevölkerungsaustauschs" gehören zum ideologischen Repertoire der Identitären und finden sich auch in der Geschichte rechtsterroristischer Täter wieder. Das Narrativ der Türkenbelagerung von Wien etwa spielte sowohl im Manifest des norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik als auch beim Attentäter von Christchurch eine Rolle.
Für Schatz sind die steigenden Zahlen deshalb ein Anlass, neben Strafverfolgung stärker auf Prävention zu setzen. "Wir dürfen uns auf keinen Fall daran gewöhnen, dass rechtsextreme Straftaten und Gewalt immer weiter zunehmen", erklärte die SPÖ-Abgeordnete. Rechtsextreme Fanatiker seien eine Gefahr für Sicherheit und Demokratie.
Schatz drängt deshalb auf eine rasche Umsetzung des Nationalen Aktionsplans gegen Rechtsextremismus. Dieser soll im Winter fertiggestellt werden und Maßnahmen in den Bereichen Bildung und Demokratieförderung, Prävention und Früherkennung sowie Strafverfolgung und Resozialisierung bündeln. Neben einem konsequenten Vorgehen gegen Rechtsextreme brauche es auch politische Bildung und Unterstützung für Betroffene, so Schatz. (bock, 11.9.2026)