Infrastruktur statt Stillstand im Friedensparadox - Pro Stuttgart 21 » Natur des Glaubens » SciLogs - Wissenschaftsblogs
In dieser Urlaubswoche hatte ich die Gelegenheit, mit Zehra und einem unserer Kinder trotz brütender Klima-Hitze an einer dreistündigen Baustellenführung zum Bahn- und Infrastrukturprojekt Stuttgart 21 vom Infoturm Stuttgart (ITS) teilzunehmen. Wir hatten das vor vielen Jahren schon einmal gemacht und waren nun – trotz aller Verzögerungen – vom Baufortschritt sehr beeindruckt. Zehra & Michael Blume bei einer Baustellenführung des Infoturm Stuttgart (ITS) zu Stuttgart 21. Foto: Benian Blume Zehra
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In dieser Urlaubswoche hatte ich die Gelegenheit, mit Zehra und einem unserer Kinder trotz brütender Klima-Hitze an einer dreistündigen Baustellenführung zum Bahn- und Infrastrukturprojekt Stuttgart 21 vom Infoturm Stuttgart (ITS) teilzunehmen. Wir hatten das vor vielen Jahren schon einmal gemacht und waren nun – trotz aller Verzögerungen – vom Baufortschritt sehr beeindruckt.
Zehra & Michael Blume bei einer Baustellenführung des Infoturm Stuttgart (ITS) zu Stuttgart 21. Foto: Benian Blume
Zehra engagiert sich inzwischen bei den Grünen, ich bin – trotz erheblicher Unzufriedenheit mit der derzeitigen, rechtsmimetischen und viel zu fossilen Bundesregierung von Friedrich Merz & Katherina Reiche – weiterhin in der CDU Mitglied.
Dass ich mich von jung an als Christdemokrat, aber gerade deswegen nicht plump als „konservativ“ verstehe, hat auch mit meiner grundsätzlich positiven Haltung zu gemein-nützigen Infrastrukturprojekten zu tun: Ich meine, dass jede – auch demografisch bereits schrumpfende – Gesellschaft immer wieder den Mut und Willen zu neuen Projekten finden sollte. Wer nur das Bestehende erhalten und nichts Neues erreichen will, wird unweigerlich scheitern.
Aus meiner Sicht besteht die Gefahr eines Friedensparadox analog zum Präventionsparadox:
Wenn Infrastruktur und Impfungen über Jahrzehnte erfreulich gut funktionieren, werden jene Stimmen lauter, die den Bedarf an neuen Investitionen und Impfungen nicht mehr erkennen.
Dann besteht nach meiner Auffassung die Gefahr, dass die Investitions- und Impfquoten schleichend unter ein nachhaltiges Niveau sinken und damit die Grundlagen für Frieden, Wohlstand und Gesundheit erodieren. So fanden sich die autoritären, preußischen Monarchen erst nach einer katastrophalen Niederlage gegen Napoleon Bonaparte (1769 – 1821) in der Doppelschlacht von Jena und Auerstadt am 14. Oktober 1806 zu Reformen bereit. Und sie versagten erneut als auch antisemitische Reaktionäre in den Jahrzehnten nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, führten das Deutsche Kaiserreich mit einem wahnwitzigen Militarismus in die Katastrophe und Niederlage des Ersten Weltkrieges. Wer nur in der Vergangenheit leben will, verspielt die Zukunft.
Der kunst- und geschichtskundige Publizist Heinz Ohff (1922 – 2006) fragte treffend zur preußisch-deutschen Geschichte:
„Warum muß immer erst ein Krieg verlorengehen, ehe die Vernunft siegt?“
Aus meiner Perspektive ist es die Verantwortung jeder Demokratie, durch Dialog und Gewaltenteilung auch in Friedenszeiten immer wieder Vernunft zu ermöglichen.

In meinem eBooklet „B wie Berlin“ diskutiere ich die Gefahr autoritärer und modernisierungsfeindlicher Erstarrungen am Beispiel der fossilen Geschichte von Preußen. Screenshot: Michael Blume
Neues wagen: Die FILharmonie Filderstadt & die neue Landesmesse Stuttgart
So sprach ich mich schon als Jugendlicher in Junger Union und Jugendgemeinderat für eine geplante, neue Stadthalle in meiner Heimatstadt Filderstadt, die heutige FILharmonie, aus. Gegner initiierten einen Bürgerentscheid dagegen, der jedoch am 22. September 1991 scheiterte. Am 3. Mai 1994 fand die Eröffnung statt und die FILharmonie wurde ein – und ist – ein großer Erfolg.
Parallel dazu hatte sich bereits die Diskussion um den Neubau der Stuttgarter Messe nahe dem Flughafen entfaltet, nachdem die Vorgängerin auf dem Stuttgarter Killesberg an ihre Grenzen gekommen war. Auch hier gab es erbitterte Widerstände und hoch emotionalisierte Demonstrationen und als ich als junger Gemeinderat bei einer Veranstaltung für das Zukunftsprojekt eintrat, schleuderte mir ein älterer und wütender Mann entgegen: „Blödsinn! Ich brauche keinen Arbeitsplatz mehr!“
Am 19. Oktober 2007 konnte die neue Landesmesse in Anwesenheit von Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und auch des geschätzten Bundespräsidenten Horst Köhler (CDU) eröffnet werden. Auch etwa der CDU-Bundesparteitag im Februar 2026 fand auf dem Messegelände statt.

Post-fossile Politik. Mitglieder einer christ-demokratischen, keiner nur konservativen Partei. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther & ich beim CDU-Bundesparteitag 2026 auf der Landesmesse Stuttgart. Foto: CDU S.-H.
Pro Stuttgart 21, die Volksabstimmung 2011
Meine Position zum Verkehrs- und Bahnprojekt Stuttgart 21 können Sie sich also vorstellen: Ich war und bin dafür. Auch hierzu gab es wieder erbitterte, wütende Widerstände.
Und eines Tages fragte mich mein Schwiegervater, ein deutscher Schreiner türkischer Herkunft: „Michael, warum sind denn so viele gegen einen neuen Bahnhof? In der Türkei würden sich die Menschen freuen!“ Worauf ich spontan antwortete: „Baba, in Deutschland gibt es immer weniger junge Menschen, die offen für Neues sind. Viele ältere Menschen, denen es gut geht, sehen in großen Zukunftsprojekten aber für sich selbst keine Vorteile mehr.“
Doch auch Befürworter des Projektes begingen Fehler und beim sogenannten „Schwarzen Donnerstag“ am 30. September 2010 wurden Demonstranten schwer verletzt. Dieses allzu autoritäre Vorgehen trug neben der Atomkatastrophe von Fukushima zur Wahlniederlage der jahrzehntelang regierenden Union und zur Wahl von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bei.
Nach einem Schlichtungsverfahren unter Leitung von Heiner Geißler (CDU, 1930 – 2017) kam es unter der grün-roten Landesregierung zu einer landesweiten Volksabstimmung. Diejenigen von uns, die quer durch alle Generationen das Bahnprojekt bejahten, setzten sich im November 2011 bei der landesweiten Volksabstimmung zu Stuttgart 21 mit 58,9 Prozent der Stimmen durch.
Ergebnis der Volksabstimmung vom November 2011 zur Finanzierung von Stuttgart 21: 58,9% der Abstimmenden in Baden-Württemberg befürworteten die Fortsetzung des Projektes, 41,1% lehnten es ab. Foto: Michael Blume
Dass jedes neue Projekt auch Zeit- und Kostenrisiken enthält, bestreite ich dabei gar: Die Menschen der Vergangenheit begannen oft den Bau von Kathedralen und Kanälen, obwohl sie die Kosten nicht mal abschätzen konnten und nur sicher wussten, dass es zu ihren Lebzeiten nicht fertig werden würde.
Doch angesichts der Klima-, Wasser- und Hitzekrise sehe ich in den kommenden Jahrzehnten keinen Bedarf an fossilen Gaskraftwerken, sondern an einer modernen, post-fossilen Infrastruktur:
Deutschland und Europa brauchen den schnelleren Ausbau erneuerbarer Friedens-, Wohlstands- und Heimatenergien plus Batteriespeichern, wie sie etwa im Landkreis Wunsiedel längst funktionieren. (Post-fossile Energiewende)
Deutschland braucht wieder eine wieder funktionstüchtige Bahn und einen wieder funktionierenden ÖPNV, die durch Elektroautos, eBikes und Fahrräder ergänzt werden. (Post-fossile Verkehrswende)
Ich war zwölf Jahre in einem damals veraltenden ÖPNV in der Region Stuttgart unterwegs, bevor ich bereits 2017 auf ein französisches Elektroauto umstieg. Inzwischen fahre ich auch mit einem eBike etwa 18 Kilometer zur Arbeit (#mdRzA).
Deutschland und Europa brauchen dringend Klima- und Hitzeresilienz etwa in Schulen, Innenstädten und Krankenhäusern, da die Zahl der Hitzetoten sonst immer weiter steigen wird.

Als ich 2024 zu Extremwettern wie Waldbränden und Überflutungen durch die globale Erhitzung bloggte, tobten wütende Reaktante und fossile Reaktionäre. Bild: Michael Blume mit Leonardo.ai
Deutschland und Europa brauchen blühende Solarpunk-Arche-Regionen, in denen sich auch junge Familien um gut ausgestattete Bildungs- und Gesundheitsstrukturen, Hochschulen, Forschungsnetzwerke und post-fossile Unternehmen ansiedeln.
Demografie ist die noch immer deutlich unterschätzte, wirtschaftliche und politische Kraft: Wo junge Menschen ausbleiben und abwandern, haben es Investitionen immer schwerer und bricht schließlich auch die Zukunfts-Zuversicht zusammen, droht sich Rechtsmimesis festzusetzen: Immer mehr Menschen träumen sich dann in eine idealisierte Vergangenheit, die es so niemals gab. Einstmals progressive, moderate und christdemokratische Parteien drohen dann nur noch konservativ zu werden – und damit zu Recht das Vertrauen der Menschen zu verlieren.
Aus all diesen Gründen unterstütze ich auch weiterhin mit meiner Familie das Infrastruktur- und Bahnprojekt Stuttgart 21 und freue mich auf dessen Eröffnung!

