Interview Lungenfacharzt Guido Michels: Wie gefährlich ist die Rauchwolke über Trier und der Region?
Brandgeruch in der Luft: bloße Geruchsbelästigung oder auch eine Gefahr für die Gesundheit? Der Trierer Kardiologe und Lungenfacharzt Dr. Guido Michels erklärt, für wen die Sache gefährlich werden kann.
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Interview Lungenfacharzt Guido Michels Wie gefährlich ist die Rauchwolke über Trier und der Region?
Interview | Trier · Brandgeruch in der Luft: bloße Geruchsbelästigung oder auch eine Gefahr für die Gesundheit? Der Trierer Kardiologe und Lungenfacharzt Dr. Guido Michels erklärt, für wen die Sache gefährlich werden kann.
17.08.2026 , 20:12 Uhr
Professor Dr. med. Guido Michels ist Chefarzt des Notfallzentrums sowie Facharzt für Pneumologie und Kardiologie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier.
Foto: Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier
„Gefahreninformation“ sind die Warnmeldungen überschrieben, die seit Samstag von den zuständigen Behörden in der Region über die digitalen Katastrophenmeldedienste Nina und Katwarn verschickt werden. Ursache ist der riesige Brand im Hohen Venn in der belgischen Eifel. Dreht der Wind auf Nord, treibt die Rauchwolke von dort über das westliche Rheinland-Pfalz, die Eifel, das Moseltal und Trier.
Auch am Montag aktualisierte das „Lagezentrum Bevölkerungsschutz Rheinland-Pfalz“ seine Warnung. Im Kleingedruckten der „Gefahreninformation“ ist zu lesen, dass „keine Gefahr“ besteht durch den seit Tagen in der Region Trier zeitweise deutlichen Rauch- und Brandgeruch. Vielmehr handelt es sich um eine Warnung der Kategorie „Geruchsbelästigung“. Gleichwohl ruft der Bevölkerungsschutz die Bürger dazu auf, Türen und Fenster geschlossen zu halten.
Im Volksfreund spricht Professor Guido Michels, Chefarzt des Notfallzentrums im Trierer Brüderkrankenhaus und Facharzt für Kardiologie und Lungenheilkunde, über Brandgase in der Atemluft und mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit.
Herr Professor Michels, was kann der bei Waldbränden entstehende Rauch im menschlichen Körper auslösen?
Professor Guido Michels Selbst Hunderte Kilometer vom eigentlichen Brandherd entfernt kann Brandrauch negative Effekte auf die Gesundheit haben. Denn Waldbrandrauch hat eine komplexe Zusammensetzung aus vielen Inhaltsstoffen, darunter Gase und sehr kleine Teilchen. Dazu gehören auch Feinstaubpartikel, Kohlenmonoxid und weitere gefährliche Luftschadstoffe.
Welche Bestandteile sind besonders problematisch?
Michels Besonders problematisch sind sehr kleine Feinstaubpartikel mit einem Durchmesser von 2,5 Mikrometern. Sie machen ungefähr 90 Prozent der gesamten Partikelmasse im Waldbrandrauch aus. Ultrafeine Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 0,1 Mikrometern können sogar über den Riechnerv in das Gehirn gelangen und dort akute Blutdruckanstiege auslösen. Zusammen mit der Belastung durch die Hitze kann das dazu führen, dass Menschen in einer Notaufnahme behandelt werden müssen.
Welche Beschwerden kann Waldbrandrauch bei gesunden Menschen verursachen?
Michels Eine kurzfristige Rauchbelastung stellt für gesunde Menschen meist keine wesentliche Beeinträchtigung dar. Sie kann aber milde Beschwerden auslösen, zum Beispiel Husten, Reizungen der Augen oder des Rachens sowie Kopfschmerzen.
Für wen kann die Belastung gefährlich sein?
Michels Bei Menschen mit chronischen Lungen- und Herzerkrankungen kann sich die Grunderkrankung verschlechtern. Insbesondere bei Patienten mit Asthma bronchiale oder anderen chronischen Lungenleiden kann es zu Atemwegsproblemen kommen. Das konnten wir auch im Notfallzentrum des Brüderkrankenhauses am Wochenende beobachten.
Wie viele Menschen suchten denn am Wochenende das Notfallzentrum des Brüderkrankenhauses auf mit Beschwerden im Zusammenhang mit der Rauchbelastung?
Michels Lediglich ein Patient mit bekanntem Asthma bronchiale musste notfallmäßig behandelt werden. Wenige Bluthochdruckentgleisungen waren am ehesten durch die Kombination aus Hitze- und Rauchbelastung induziert.
Warum kann Waldbrandrauch auch das Herz-Kreislaufsystem belasten?
Michels Feine Partikel aus dem Rauch werden von der Lunge aufgenommen. Sie können dadurch auch ins Blut und in den Körperkreislauf gelangen. Dort können sie systemische Entzündungsreaktionen, oxidativen Stress und Schädigungen der Gefäßinnenwand, eine sogenannte endotheliale Dysfunktion, auslösen. Dadurch steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Weitere mögliche gesundheitliche Folgen sind eine Zunahme von Herzinfarkten und Schlaganfällen.
Was sollten Menschen tun, wenn Waldbrandgeruch in der Luft liegt?
Michels Auch Hunderte Kilometer vom Brandherd entfernt empfiehlt es sich, Fenster und Türen bei Brandgeruch geschlossen zu halten. Man selbst sollte sich in Innenräumen aufhalten. Körperliche Aktivitäten, zum Beispiel Sport im Freien, sollten vorübergehend minimiert oder pausiert werden.
Wer sollte besonders vorsichtig sein?
Michels Risikogruppen wie ältere oder chronisch kranke Menschen, Schwangere und Kinder sowie insbesondere Patienten mit Lungen-, Herz- und Kreislauferkrankungen sollten Rauchbelastung möglichst vermeiden. Wenn sie in der Nähe eines Brandortes wohnen, sollten sie ihre Umgebung vorübergehend verlassen oder zumindest eine FFP2- oder FFP3-Maske tragen.
In Trier stieg die PM2,5-Belastung an der Messstation in der Ostallee am Samstagabend von normalerweise einstelligen Werten zunächst auf 69 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Um 19 Uhr wurde der Höhepunkt mit 345 Mikrogramm erreicht – also etwa dem 40-Fachen der üblichen Konzentration. Das klingt erst mal erschreckend. Laut einer schwedischen Studie von 2022 liegen die Feinstaubbelastung und auch die Rußbelastung im Abstand von zwei bis drei Metern zu einem Grillfeuer allerdings wesentlich über den in Trier am Wochenende gemessenen Werten. Was folgern Sie als Mediziner daraus?
Michels Solange es sich um eine temporäre Überschreitung der Werte handelt, ist dies für die meisten Menschen tolerabel. Da, wie im obigen Fall geschildert, Patienten mit hyperreagiblem Bronchialsystem oder chronischen Lungenerkrankungen für Rauchgas anfälliger sind, sollten entsprechende Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden.