Ist eine Beschneidung des Penis medizinisch sinnvoll?

Ist es gut, eine Vorhaut zu haben oder eher nicht? Die Meinungen gehen auseinander, von weniger Gefühl beim Sex bis zu besserer Hygiene ist die Rede. Dabei gibt es für beide Varianten gute Argumente

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Ist eine Beschneidung des Penis medizinisch sinnvoll?

Männergesundheit

Ist eine Beschneidung des Penis medizinisch sinnvoll?

Ist es gut, eine Vorhaut zu haben oder eher nicht? Die Meinungen gehen auseinander, von weniger Gefühl beim Sex bis zu besserer Hygiene ist die Rede. Dabei gibt es für beide Varianten gute Argumente

Flo Born

Nahaufnahme einer Hand, die eine Banane mit teilweise entfernter Schale am oberen Ende hält.
Ob der Penis beschnitten wird oder nicht, hat häufig kulturelle Ursachen. Doch es gibt auch medizinische Gründe.

In den USA ist es die Regel, in Europa eher die Ausnahme: Die Beschneidung des Mannes. Auf durchschnittlich 80 Quadratzentimeter Fläche bringt es die männliche Vorhaut, doch an diesem kleinen Hautstück entwickeln sich immer wieder hitzige Debatten. Ist eine Beschneidung gesund? Wer lässt so etwas durchführen? Spürt man danach überhaupt noch etwas beim Sex? Ist das ganze Prozedere in Wahrheit eine religiös bedingte Norm und womöglich völlig nutzlos? Sogar die katholische Kirche durfte einen internen Disput darüber durchmachen – inklusive der Theorie, dass es sich bei den Ringen Saturns um die abgeschnittene Vorhaut von Jesus Christus handle.

Klären wir als Erstes die religiöse Frage. Ein Blick auf die Weltkarte zeigt, dass Männer in islamisch und jüdisch geprägten Ländern am häufigsten keine Vorhaut haben. In Marokko sind zum Beispiel 99,9 Prozent aller Männer beschnitten, in Israel sind es zumindest neun von zehn. Zum Vergleich: In Österreich ist es nicht einmal jeder Zehnte, wie auf Wikipedia berichtet wird.

Es gibt aber auch nicht vorwiegend islamisch oder jüdisch geprägte Länder mit einer ähnlich hohen Rate. In den USA sind es vier in fünf Männern, in Südkorea drei Viertel und auf den Philippinen über 90 Prozent. In allen drei Länder ist die Beschneidung tief in der Kultur verankert. Ob, wie oft, und in welchem Alter das Prozedere durchgeführt werden sollte, ist in allen Ländern mittlerweile ein heiß diskutiertes Thema.

Medizinische Notwendigkeit

In Europa dagegen ist die Beschneidung die Ausnahme. Wenn es nicht auf Basis der Religionszugehörigkeit passiert, stehen dahinter vor allem medizinische Gründe, insbesondere die Vorhautverengung. Bei so einer "Phimose" kann man die Eichel nicht ganz durchschieben, das hat hygienische Konsequenzen und kann im schlimmsten Fall schmerzhaft werden.

Bei einer sogenannten Knopflochverengung geht es sogar so weit, dass der Urin kaum durch die Öffnung durchkommt, der Penis kann sich dann aufblähen wie ein Ballon. Das schmerzt und führt häufig zu Entzündungen, deshalb empfehlen Ärztinnen und Ärzte oft eine Vorhaut-Beschneidung.

Zudem kann eine Beschneidung aus Gründen der Vorsorge relevant sein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das gemeinsame Programm der Vereinten Nationen zur weltweiten Bekämpfung von HIV und AIDS (UNAIDS) sprechen sich seit den 2000er-Jahren aktiv für klinisch sauber durchgeführte Beschneidungen zur Vorsorge aus. Die Begründung: "Es gibt mittlerweile überzeugende Beweise dafür, dass eine Beschneidung bei Männern das Risiko für die HIV-Infektion signifikant reduziert."

"Signifikant" sind immerhin 50 bis 60 Prozent, das zeigt eine Studie des SBKS Medical Institute and Research Centre in Indien. Aber nicht nur das. Auch das Infektionsrisiko für Humane Papillomviren (HPV) ist bei Männern mit beschnittenem Penis um ein Drittel niedriger, die Wahrscheinlichkeit, Sexualpartnerinnen mit Geschlechtskrankheiten anzustecken, sinkt ebenfalls. Und das alles, während die medizinischen Kosten für die Prozedur recht gering bleiben.

Es gibt aber auch Kritik an dieser Schlussfolgerung, weil die meisten Studien in Afrika durchgeführt wurden und man dementsprechend nicht auf mögliche Effekte auf anderen Kontinenten schlussfolgern kann. Und weil der Schutz eben "nur" 50 bis 60 Prozent beträgt. Menschen könnten dadurch aber auf wirksamere Maßnahmen wie Kondome verzichten, weil sie glauben, ohnehin ausreichend geschützt zu sein.

Wirklich weniger Gefühl?

Die Beschneidung aus medizinischen Gründen ist also manchmal notwendig, um Infektionen vorzubeugen, und hat vorsorgendes Potenzial. Was womöglich dagegen spricht, ist die Frage, inwiefern sich dadurch das Gefühl bei Sex verändert. Das beschäftigt nicht wenige beschnittene Männer, dazu gibt es einige dezidierte Foren und Reddit-Diskussionen, der STANDARD hat hier darüber berichtet. Das grundsätzliche Argument der Betroffenen: ihr Sexleben habe sich nach der Beschneidung verschlechtert.

Der vermeintliche Grund: Das abgeschnittene Stück Vorhaut verfüge über eine große Menge an Nervenenden, die einem beim Sex einfach abgehen. Außerdem würde die Eichel eine Art Hornhaut entwickeln, wenn sie den ganzen Tag gegen die Unterhose scheuert.

Wie viel an diesen Aussagen dran ist, haben Forschende der Universitäten Washington und Sydney 2020 in einer Metastudie untersucht. Die Analyse der "hochwertigsten Fachliteratur" zeigte: "Eine Beschneidung hat nur minimale oder gar keine negativen – und in einigen Studien sogar positive – Auswirkungen auf die Sexualfunktion, die Empfindungsfähigkeit, die Zufriedenheit und das Lustempfinden." In die Untersuchungen waren Beschneidungen im Erwachsenen- und Kleinkindalter miteinbeezogen worden.

Was Frauen wollen

Da Sex meist zu zweit stattfindet, haben die gleichen Forschenden noch eine weitere Metaanalyse durchgeführt. Sie untersuchten Studien aus den USA, Europa, Afrika, Australien und Asien, um zu klären, was Frauen bevorzugen. Das Ergebnis: "Im überwiegenden Großteil der Studien gaben Frauen eine Präferenz für beschnittene Penisse an."

Die genannten Gründe waren bessere Hygiene, das geringere Infektionsrisiko und der bessere Sex, bei Vaginalverkehr, manueller Stimulation und Oralverkehr. Außerdem waren die Frauen der Meinung, beschnittene Penisse sähen besser aus. Diese Antworten stammten zum Teil auch aus Regionen, in denen unbeschnittene Penisse die Norm sind. Eine Studie, die eine Präferenz aus der Sicht von Männern, die Sex mit Männern haben zeigt, konnte leider nicht gefunden werden.

Ist eine Vorhautbeschneidung nun sinnvoll oder nicht? Sie hat einen unbestrittenen medizinischen Nutzen, wenn man unter einer Phimose leidet. Außerdem könnte sie einen Vorteil für alle bringen, da man sexuell übertragbaren Krankheiten damit ein wenig Einhalt gebieten kann. Dieser Umstand würde das Sexualleben für alle verbessern, oder zumindest nicht verschlechtern, da ist sich die Forschung weitgehend einig.

Dagegen sprechen ethischen Fragen – insbesondere bei Neugeborenen –, mögliche Risiken für die Krankheitsverbreitung und individuelle Berichte von Männern, die darüber sprechen, wie sehr sie unter ihrer Beschneidung leiden.

Es gibt also noch einige offene Fragen, doch zumindest eines ist gesichert: Die Ringe des Saturns sind nicht die Vorhaut Jesu. Tatsächlich gibt es ein als Reliquie verehrtes Stück Haut, dass die Vorhaut Christi sein soll. Zuletzt befand es sich in der italienischen Ortschaft Calcata in der Toskana. Seit 1983 gilt es allerdings als verschwunden. (Flo Born, 19.9.2026)

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