Italien und Spanien unter Druck: Geografisch verbunden, politisch zerstritten
Der Streit zwischen Italien und Spanien um die Schengen-Grenze bei Ceuta vertieft den Konflikt über Migration. Durch die jeweilige Innenpolitik und die erstarkende Rechte driften die geografisch eng beeinander liegenden Länder weiter auseinander.
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Stand: 11.08.2026, 13:58 Uhr
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Der Streit zwischen Italien und Spanien um die Schengen-Grenze bei Ceuta vertieft den Konflikt über Migration. Durch die jeweilige Innenpolitik und die erstarkende Rechte driften die geografisch eng beeinander liegenden Länder weiter auseinander.
Die Beziehungen zwischen Rom und Madrid haben sich in den vergangenen Wochen deutlich verschlechtert. Ein Streit über Migration hat sich zu einer der ernstesten diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden südeuropäischen Staaten seit Jahren ausgeweitet. Beide Hauptstädte versuchen, innenpolitische Erwartungen zu erfüllen, und riskieren damit, eine längerfristige Entfremdung herbeizuführen.
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Dieser Artikel von Luca Bertuzzi entstand in Kooperation mit Euronews.
Auslöser war, dass Italien nach einem massiven Zustrom von Migrantinnen und Migranten in die spanische Exklave Ceuta erneut Grenzkontrollen für Reisende aus Spanien einführte. Inzwischen stehen sich beide Seiten in einem zähen Schlagabtausch gegenüber, der sich von technischen Fragen der Grenzsicherheit zu grundlegenden politischen Differenzen ausgeweitet hat.

Spanien reagierte mit eigenen Kontrollen für Reisende aus Italien. Madrid fordert zudem mit einem Ultimatum, dass Rom seine Maßnahmen wieder aufhebt. Unmittelbarer Auslöser ist die Migrationskrise in Ceuta. Der Streit legt jedoch eine tiefere politische Kluft zwischen zwei Staaten offen, die auf dem Papier natürliche Verbündete sein müssten.
Verbündete mit gemeinsamen Interessen
„Es darf nicht sein, dass zwei natürliche Verbündete und Freunde wie Spanien und Italien ihr gemeinsames Potenzial nicht voll ausschöpfen“, sagte der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez bei einem Besuch in Rom im Jahr 2020. Damals schien eine enge Kooperation im Mittelmeerraum selbstverständlich, heute wirkt diese Rhetorik wie ein Echo aus einer anderen politischen Zeit.
Geografie und wirtschaftliche Interessen zählen zu den wichtigsten Faktoren, die Rom und Madrid einander näherbringen. Italien und Spanien gehören zu den bedeutendsten Mittelmeerstaaten der EU. Beide profitieren vom Handel über Seewege und sind auf stabile Beziehungen zu den Nachbarstaaten im südlichen Mittelmeerraum angewiesen.
Gemeinsame Agenda im Mittelmeerraum
Beide sind zentrale Erstaufnahmeländer für Migration aus Nordafrika und verfolgen erhebliche wirtschaftliche und politische Interessen in ihrem südlichen Umfeld. Seit Langem drängen sie darauf, dass der Mittelmeerraum in der EU-Politik stärker in den Vordergrund rückt. Sie fordern mehr Mittel für Infrastruktur, Energieprojekte und die Unterstützung fragiler Staaten in der Region.
Diese Interessen spiegeln sich im EU-Pakt für den Mittelmeerraum 2025 wider. Er zählt Stabilität, wirtschaftliche Entwicklung, Sicherheit und das Management von Migration in der Region zu den strategischen Prioritäten der Union. Für Rom und Madrid ist dieser Pakt ein Instrument, um Europa stärker auf die Herausforderungen an seiner südlichen Flanke auszurichten.
Auch beim EU-Haushalt liegen die Positionen beider Länder nah beieinander. Rom und Madrid setzen sich gemeinsam für einen großzügigen Finanzrahmen ein, mit hohen Mitteln für Strukturförderung und Agrarsubventionen. Sie argumentieren, dass langfristige Investitionen in schwächere Regionen Europas notwendig sind, um wirtschaftliche Ungleichgewichte zu verringern.
Haushalt, Schulden und strategische Partnerschaft
Rom und Madrid gehörten zudem zu den größten Profiteuren von NextGenerationEU, dem Konjunkturprogramm nach der Pandemie. Beide unterstützen einen gestreckten Rückzahlungsplan und eine Ausweitung der gemeinsamen Schuldenaufnahme zur Finanzierung künftiger Investitionen. Damit positionieren sie sich als Vorreiter eines stärker integrierten europäischen Wirtschafts- und Finanzmodells.
Bei vielen europapolitischen Themen agieren sie also weiterhin als Partner. Doch die Migrationsfrage trennt die beiden großen EU-Länder zunehmend. Sie schärft eine Linie, die einige Expertinnen und Experten als Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Afrika-Strategien interpretieren, der sich in Handelsabkommen, Sicherheitskooperationen und Entwicklungsprogrammen niederschlägt.
„Die inszenierte Krise von Ceuta hat erneut gezeigt, dass Europas Fixierung auf Migration eine seiner größten Schwachstellen ist: Nachbarstaaten können sie nutzen, um politischen Druck auszuüben, die extreme Rechte, um daraus Kapital zu schlagen“, sagte Claudio Francavilla, stellvertretender Direktor der NGO Human Rights Watch, gegenüber Euronews. Aus seiner Sicht verschärfen innenpolitische Kalküle die Spannungen zwischen Regierungen, die eigentlich ähnliche Interessen teilen.
Migrationspolitik als europäische Sollbruchstelle
„Geordnete, sichere und die Menschenrechte respektierende Migrationspolitiken bleiben eine Fata Morgana, ebenso wie europäische Einigkeit und Solidarität in dieser Frage“, so Francavilla. Solange Staaten hauptsächlich auf kurzfristige Abschreckung setzen, werde es seiner Ansicht nach kaum Fortschritte bei einer gemeinsamen, planbaren Migrationssteuerung geben.
Ironischerweise teilen Rom und Madrid zunächst dieselbe Diagnose. Migration über das Mittelmeer ist aus ihrer Sicht ein Problem, das die Staaten an der Frontlinie nicht allein lösen können. Die EU trage eine gemeinsame Verantwortung, einen Rahmen für den Umgang damit zu schaffen, der sowohl die betroffenen Ankunftsländer als auch die Zielländer entlastet.
Die Wege dorthin unterscheiden sich jedoch stark. Giorgia Melonis rechtsgerichtete Regierung setzt in ihrer Migrationspolitik vor allem auf Abschreckung, Rückführungen, Abkommen mit Drittstaaten und strengere Kontrollen. Sie will irreguläre Ankünfte weitgehend unterbinden und sieht harte Maßnahmen als einzig wirksames Mittel gegen Schleuserkriminalität.
Konflikt um Modelle und Instrumente
Rom drängt besonders darauf, sein Modell von Rückführungszentren in Drittstaaten auf die EU-Ebene zu übertragen. Dieses Modell testet die Regierung derzeit in Albanien, und der Ansatz findet sich inzwischen in einem umstrittenen Migrationsgesetz wieder. Kritikerinnen und Kritiker warnen vor Rechtsunsicherheit und möglichen Verstößen gegen internationale Verpflichtungen.
Die Mitte-Links-Regierung von Pedro Sánchez verfolgt dagegen einen gemischteren Kurs. Sie verbindet Kooperationen mit Staaten wie Marokko mit Programmen für legale Migration und der Legalisierung von Menschen ohne Aufenthaltspapiere, die bereits in Spanien leben. Damit versucht sie, irreguläre Wege unattraktiver zu machen, zugleich aber Arbeitskräfteengpässe in bestimmten Branchen zu entschärfen.
Dieser Kurs steht seit der Ceuta-Krise in der Kritik – sowohl aus anderen EU-Staaten als auch von rechtskonservativen Akteuren in ganz Europa. Damals gelangten Zehntausende Menschen aus Marokko in die spanische Exklave, und Madrids Legalisierungspolitik wurde als angeblicher „Pull-Faktor“ verurteilt. Konservative Gegner behaupten, sie setze falsche Anreize und untergrabe die Abschreckungsstrategie anderer Staaten.
Streit um Rückführungszentren und Verantwortung
Sánchez hat dagegen, gemeinsam mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Rückführungszentren scharf kritisiert. Er argumentiert, sie verschwendeten Ressourcen und schadeten Europas Ansehen in Drittstaaten. Außerdem befürchtet er, dass solche Zentren die Einhaltung menschenrechtlicher Standards erschweren könnten.
Der Streit macht einen breiteren politischen Wandel sichtbar. Früher galt Migrationspolitik vor allem als Konflikt zwischen den Staaten an der Außengrenze und dem übrigen EU-Block. Seit der Ceuta-Krise verlaufen die Bruchlinien nun auch zwischen den Frontstaaten selbst, die unterschiedliche Antworten auf ähnliche Herausforderungen gefunden haben.
Mit anderen Worten: Ausgerechnet die beiden Länder, die jahrelang eine faire Verteilung der Migrationslast in Europa gefordert haben, streiten nun darüber, was diese Lastenteilung konkret bedeuten soll. Innenpolitischer Druck verhärtet die Positionen zusätzlich und verringert den Spielraum für Kompromisse, die über symbolische Maßnahmen hinausgehen.
Innenpolitische Gräben in Rom und Madrid
Politisch liegen Rom und Madrid weit auseinander. Sánchez steht an der Spitze einer der wenigen verbliebenen Mitte-links-Regierungen Europas. Giorgia Meloni hingegen steuert auf das Ende ihrer ersten Amtszeit als Chefin einer rechtsradikalen Koalition zu, die ihren Rückhalt in einem stark polarisierten politischen Klima gefunden hat.
Die diplomatische Krise entwickelt sich, während in beiden Ländern im kommenden Jahr Wahlen anstehen. In Spanien liegt die konservative Oppositionspartei Partido Popular in Umfragen vorn. Die rechtsextreme Vox hat ihre Rolle als dritte politische Kraft gefestigt und drängt die Regierung, in Fragen von Sicherheit und Migration einen härteren Kurs einzuschlagen.
Die Ereignisse in Ceuta gaben den Gegnern von Sánchez die Möglichkeit, seine Migrationspolitik als zu großzügig darzustellen. Die Regierung versucht zugleich zu beweisen, dass Spanien seine Außengrenzen kontrollieren kann, ohne das von Europas harter Rechten bevorzugte Modell zu übernehmen. Jeder Vorfall an der Grenze wird dabei zum innenpolitischen Testfall.
Druck von rechts und neue Rivalen
Meloni bleibt die prägende Persönlichkeit der italienischen Rechten. Ihre Regierung bekommt jedoch Konkurrenz noch weiter rechts. Der EU-Abgeordnete Roberto Vannacci (Italien/ESN), der Anfang dieses Jahres Matteo Salvinis Lega verlassen hat, hat mit „National Future“ eine eigene politische Bewegung gegründet und versucht, Unzufriedene aus dem rechten Lager an sich zu binden.
Während in Rom das Wahlrecht reformiert wird, gilt Vannacci als ernsthafte Gefahr. Er könnte der rechtsgerichteten Koalition Stimmen entziehen. Damit wäre bei der nächsten Wahl ein klares Ergebnis fraglich und ein blockiertes Parlament möglich, was die Regierungsbildung erheblich erschweren würde.
„Meloni setzt Schengen nicht wegen Sánchez aus, sondern wegen Vannacci, ihres neuen Rivalen am äußersten rechten Rand“, schrieb der EU-Abgeordnete Sandro Gozi (Frankreich/Renew) in einem Facebook-Beitrag. Die Einführung von Grenzkontrollen zu Spanien sei „eine Entscheidung, die von Umfragen zugunsten Vannaccis in Rom diktiert wird, nicht von der Lage vor Ort in Ceuta“.
Migration als dauerhafte Konfliktquelle
Seit ihrem Amtsantritt 2022 hat Meloni ihre Positionen Schritt für Schritt moderater formuliert, um internationale Investorinnen, Investoren und Partner nicht zu verprellen. Mit Vannacci, der um dieselben Wählerinnen und Wähler wirbt, verändert sich diese Kalkulation, besonders bei einem politisch so aufgeladenen Thema wie Migration, das in Italien als Lackmustest für Führungskraft gilt.
In Italien, Spanien und anderswo gehört Migration inzwischen zu den Themen, die Gesellschaften und Politik am stärksten spalten. Treffen diese Unterschiede auf innenpolitische Wahlkampflogik, können selbst zwei Staaten mit weitgehend kompatiblen strategischen Interessen rasch gegeneinander aufgebracht werden. Die aktuelle Krise um Ceuta zeigt, wie fragil selbst enge Partnerschaften in Zeiten wachsender Polarisierung geworden sind.